„Wir fahren auf Sicht“ prägt derzeit viele Krankenhäuser. Julia von Grundherr zeigt, wie negative Zukunftsbilder Innovation blockieren – und warum Futures Literacy helfen kann, Zukunft im Krankenhaus wieder gestaltbar zu machen.
„Wir fahren gerade eher auf Sicht.“ Ein Satz, der in Krankenhäusern inzwischen oft fällt. Zukunft erscheint nicht mehr gestaltbar, sondern bricht über uns herein.
In einer Besprechung berichtet die Controllerin von einer neuen digitalen Lösung, die Abläufe erleichtern könnte. Noch bevor über Möglichkeiten gesprochen wird, kommen die ersten Reaktionen: „Dafür haben wir keine Zeit.“ „Das funktioniert bei uns sowieso nicht.“ „Wer soll das denn noch zusätzlich machen?“ Nachvollziehbar. Viele Teams arbeiten seit Jahren an Belastungsgrenzen. Und trotzdem lohnt sich ein genauerer Blick darauf, was hier eigentlich passiert. Denn häufig geht es nicht nur um die konkrete Idee, sondern um das Bild von Zukunft, das bereits im Raum ist.
Wenn Zukunft vor allem mit Überforderung, Verlust oder weiterer Verdichtung verbunden wird, verändert das, wie Menschen auf Neues reagieren. Möglichkeiten wirken dann schnell unrealistisch. Gestaltung erscheint anstrengend oder sinnlos. Man organisiert den Alltag, aber entwickelt kaum noch Vorstellungskraft dafür, wie es auch anders sein könnte.
Der Zukunftsforscher Riel Miller verwendet in dem Zusammenhang den Begriff „Futures Literacy“. Gemeint ist damit die Fähigkeit, Zukunft bewusst als Denk- und Möglichkeitsraum zu nutzen: Also wahrzunehmen, welche Annahmen wir über morgen haben – und wie stark diese schon heute unser Handeln beeinflussen.
Wir fragen also am besten nicht nur: „Was wird passieren?“, sondern auch: „Welche Zukunftsbilder prägen gerade unser Denken und Handeln – und welche anderen wären ebenfalls denkbar?“
Das bedeutet nicht, Probleme schönzureden oder künstlichen Optimismus zu erzeugen. Gerade im Krankenhaus erleben Menschen täglich reale Belastungen. Aber vielleicht braucht es neben allen berechtigten Sorgen auch wieder mehr Räume für eine andere Frage: Was wäre eigentlich möglich, wenn wir Zukunft nicht nur als Bedrohung betrachten würden?
Wenn Bereitschaft entsteht, sich überhaupt wieder vorstellen zu können, dass Zukunft mehr sein könnte als die bloße Fortsetzung der aktuellen Probleme?