Die Räume einer Psychiatrie sollten das Wohlbefinden fördern, zugleich therapeutisch wirken, aber auch Vandalismus und Suizid verhindern. Der neue Teil der Serie "Bauen in der Psychiatrie" zeigt Möglichkeiten und Einschränkungen auf.
Psychiatrische Einrichtungen stehen vor der Herausforderung, ihre Räume so zu gestalten, dass sie sowohl Sicherheit für Patient:innen und Personal als auch ein therapeutisches Umfeld bieten. Ein Konflikt aus angestrebtem Therapieeffekt und Sicherheit, der in der Fachwelt auch als „Healing and safety complex“ bekannt ist. Die Aufgabe ist besonders herausfordernd, da Patient:innen in psychiatrischen Kliniken zur Hochrisikogruppe für suizidale Handlungen gehören und die Umgebung zum Schutz dieser vulnerablen Menschen suizidpräventiv gestaltet werden muss. Studien zeigen außerdem, dass auf vielen psychiatrischen Stationen aggressives Verhalten, darunter auch Vandalismus, zunimmt. Auch daraus lassen sich Anforderungen an die geforderte Sicherheit von Räumlichkeiten ableiten: So kann die bauliche Gestaltung einen wesentlichen Beitrag leisten, das Stressempfinden bei Patient:innen und Personal zu senken, aggressive Handlungen zu reduzieren und suizidpräventiv zu wirken.
Umgebung beeinflusst Verhalten und Befinden
Der gebaute Raum ist mehr als seine Funktion: Er hat eine symbolische, nicht zu unterschätzende Aussagekraft und wirkt als Einflussgröße permanent auf die Menschen, die von ihm umgeben sind. Beim Bau oder der Gestaltung einer psychiatrischen Klinik geht es darum, einen Ort zu schaffen, der für Menschen in besonders verletzlichen Lebenssituationen eine schützende, orientierende und unterstützende Umgebung sein soll. Verschiedene theoretische Modelle zeigen, dass Verhalten und Befinden aus dem Zusammenspiel von Anforderungen aus der Umwelt sowie individuellen Bewältigungskompetenzen resultieren. Das heißt: Zu viele oder zu wenige Umweltreize können Unwohlsein und negatives Verhalten hervorrufen.
Andere Modelle betonen, wie notwendig es für Menschen ist, über Handlungen mit ihrer Umwelt in Beziehung zu treten oder auch Kontrolle über die eigene Umgebung zu haben. Patient:innen auf psychiatrischen Stationen erleben jedoch häufig das Gegenteil: eine extreme Form des Kontrollverlusts. Sie müssen sich dem Stationsalltag anpassen, haben möglicherweise nicht immer Zugang zu ihren persönlichen Gegenständen und dürfen unter Umständen die Station nicht verlassen. Ein solcher Kontrollverlust kann sich in Aggression gegen Möbel oder auch das Personal zeigen.
Offener Eingang: Ängste und Vorbehalte abbauen
Einrichtungen können dem von vornherein entgegenwirken, indem sie gestalterische Mittel einsetzen: Ein offen gehaltener Eingang baut Ängste und Vorbehalte von Patient:innen ab und kann ihre Bereitschaft erhöhen, sich auf Behandlungen einzulassen. Hochwertig gestaltete Stationen steigern zudem die Zufriedenheit – sowohl bei Patient:innen als auch beim Personal. Umgekehrt kann eine sehr restriktive Gestaltung – wie etwa karg eingerichtete Räume mit institutionellem Charakter – zwar die Gefahr der Selbstverletzung verringern, auf der anderen Seite aber auch aggressive Verhaltensweisen von Patient:innen fördern. Hier gilt es, zwischen den verschiedenen Anforderungen abzuwägen und adäquate räumliche Antworten zu finden.
Beengte räumliche Situationen können Aggressionen hervorrufen. Diese ergeben sich auf psychiatrischen Stationen vor allem dann, wenn Freibereiche oder Rückzugs- und Bewegungsmöglichkeiten fehlen. Ein selbstständig nutzbarer Freibereich senkt das Stresserleben und kann Patient:innen ein Gefühl der Kontrolle über ihr Handeln geben. Auch die Möglichkeit, Raumelemente wie Temperatur oder Beleuchtung individuell einzustellen, kann ein positives Gefühl von Autonomie erzeugen.
Höhere Sicherungsniveau zur Suizidprävention
Wissenschaftliche Studien zeigen, dass die Methodenrestriktion eine der wirksamsten Möglichkeiten ist, Suizide zu verhindern – Patient:innen also davon abzuhalten, mögliche Methoden eines Suizids anwenden zu können. Gerade die häufigsten Suizidmethoden innerhalb von psychiatrischen Kliniken – Strangulation und der Sturz in die Tiefe – können mithilfe von baulichen Maßnahmen deutlich reduziert werden. Extreme Formen der Sicherung sind dennoch nicht zu empfehlen, auch wenn dies bedeutet, Suizide nicht immer verhindern zu können. Vielmehr ist es sinnvoll; und Studien sprechen dafür, Hochrisikobereiche, in denen es sehr häufig zu Suiziden kommt, in einem höheren Sicherungsniveau zu gestalten; dazu gehören vor allem die Patientenzimmer und Nasszellen. Im Gegenzug können dafür beispielsweise im Gemeinschaftsraum, der im Einsichtsbereich des Dienstzimmers liegt, die atmosphärischen Gestaltungsaspekte im Vordergrund stehen.
Können wir mit einer restriktiven Gestaltung Vandalismus oder Suizide auf den psychiatrischen Stationen komplett verhindern? Sicher nicht. Eben so wenig kann Architektur allein die Patient:innen heilen. Doch die Gestaltung kann in einem ausgewogenen Verhältnis von Sicherung und heilungsunterstützender Atmosphäre Einfluss nehmen. Eine Zonierung der Station kann dabei sinnvoll sein. Zudem lässt sich ermitteln, in welchen Bereichen häufiger Vandalismus auftritt, um zu prüfen, ob dort mit restriktiver Raumgestaltung Sachbeschädigungen verhindert werden können.
Handlungen wie Malen und Zeichnen ermöglichen
Menschen streben danach, mit ihrer Umwelt in Kontakt zu treten. Architekturpsychologischen Theorien zufolge gelingt das am besten durch eine Handlung. In einer psychiatrischen Klinik sollten daher Handlungsmöglichkeiten für die Patient:innen geschaffen werden, etwa mit einer Tafel und Stiften oder einem Regal, das patientenbezogen mit persönlichen Gegenständen gestaltet werden kann. Solche Angebote stärken die Verbindung der Patient:innen zur Umgebung und verhindern Vandalismus.
Eine Klinik sollte die Bedürfnisse aller Patient:innen im Blick haben. Obwohl aggressive Verhaltensweisen zunehmen, zeigen sich diese nach wie vor nur bei einer Minderheit der Patient:innen. Möglicherweise zeigt ein Teil dieser Gruppe dieses Verhalten allein wegen einer sehr restriktiven Gestaltung. Schränken wir jedoch Handlungsmöglichkeiten für alle ein, ist dies auch zum Nachteil für diejenigen, die von einer guten Gestaltung profitieren und keinen Zerstörungsdrang haben.
Es gilt, eine Balance zu finden zwischen der Gestaltung vandalismussicherer Räume und therapeutischen Milieus. Gleichzeitig gilt es, mit der Raumgestaltung Schutz und Orientierung zu bieten. Von einer Architektur, die beides schafft, die zum Verweilen ebenso einlädt wie zum Rückzug, die Geborgenheit und Wohlbefinden gleichsam wie soziale Interaktionen fördert, profitieren die meisten Menschen. Dazu müssen – unter Abwägung verschiedener Aspekte – zweckmäßige wie ästhetisch ansprechende Bauten entworfen, erhalten und gepflegt werden. Aber dann kann gelingen, was ohnehin die Hauptaufgabe von Architektur ist: dem Menschen bestmöglich zu dienen.
Literatur bei den Verfasserinnen.






