Bei ihrer Jahrestagung hat die VKD-Fachgruppe psychiatrische Einrichtungen zu einem Perspektivwechsel eingeladen.
Die Fachgruppe psychiatrische Einrichtungen im Verband der Krankenhausdirektoren Deutschlands (VKD) hat zu ihrer Jahrestagung in Heidelberg Krankenhausmanager von Psych-Einrichtungen eingeladen, um gemeinsam einen Blick über den Tellerrand zu wagen. Unter dem Motto „Perspektivwechsel: Von internationalen Erfahrungen lernen“ wurde ein interessantes Programm mit internationalen Eindrücken und Ausblicken auf Veränderungen geboten.
Kontakt zum Therapeuten ist und bleibt wichtig
Nach den Begrüßungen durch den VKD-Präsidenten Josef Düllings, den Fachgruppenvorsitzenden Paul Bomke stellte die Heidelberger Professorin Sabine Herpertz ein Konzept zur ambulanten psychotherapeutischen Versorgung von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen vor, das an ihrer Klinik entwickelt und in Forschungsprojekten evaluiert wurde. Der Eingangsvortrag war klug gewählt, denn neue Konzepte in der psychosozialen Versorgung – außerhalb der Station – werden die Zukunft der Psychiatrie prägen.
Auch Stephanie Bauer kam zu Wort. Sie berichtete von den Einsatzmöglichkeiten digitaler Tools in der Behandlung von psychischen Erkrankungen, wobei sie die gewonnenen Erkenntnisse durch wissenschaftliche Forschungsprojekte untermauerte und aufzeigte, dass noch ein weiter Weg zu bestreiten ist, um digitale Tools vollumfänglich in der Therapie nutzen zu können. Sie kam zudem zum Fazit, dass es nicht ausreicht, nur mit digitalen Tools zu arbeiten, sondern dass die Interaktion mit Therapeuten ein wichtiger Bestandteil der Therapie bleiben muss. Letztlich würde es auf eine gute und sinnvolle Kombination von beiden Ansätzen hinauslaufen.
Zum gleichen Schluss kam auch Jeanette Ploeger aus den Niederlanden, als sie über die niederländischen Versorgungsstrukturen und deren Digitalisierungsgrad berichtete. Anders als in Deutschland gibt es in den Niederlanden die Pflicht, digitale Psychotherapie anzubieten, weshalb die entsprechenden Behandlungsmöglichkeiten bei den Nachbarn bereits umfangreicher ausgestaltet und in Anwendung sind. Hierzulande gibt es bislang keine derartige Verpflichtung. Die Umsetzung in den Häusern hängt deshalb davon ab, wie offen die Behandelnden für derartige Tools sind und wie gut die Patienten sie annehmen. Schlussendlich war das Fazit, dass es digitale Enthusiasten braucht, die den Einsatz digitaler Tools in den Häusern pushen und sich für deren Verwendung stark machen. Die Angebotspalette sei zwar noch ausbaufähig, aber es gebe bereits gute Tools, die genutzt werden könnten. Es braucht nur Mut, sich damit zu befassen und sie in der Praxis zu erproben.
Psychiatrie als Vorbild für die Somatik
Da den Psych-Fächern unbestreitbar – ähnlich wie den Kollegen der somatischen Fächer – Veränderungen bevorstehen und die Fachgruppe diese mitgestalten möchte, war Bomke froh, dass Professor Tom Bschor, Leiter der vom Bundesgesundheitsministerium (BMG) berufenen Regierungskommission Krankenhausversorgung, für einen Austausch gewonnen werden konnte. Er berichtete von den Erkenntnissen, die die Kommission durch die im Frühjahr stattgefundenen Anhörungen gewinnen konnte und wie sein eigener Eindruck von der Lage der Psychiatrie ist. Als Psychiater hat Bschor selbst langjährige Erfahrung im System und kennt dessen Besonderheiten. Er stellte daher eingangs auch direkt heraus, dass die Psychiatrie ein großer und relevanter Versorgungsbereich ist und schon heute vielfache Möglichkeiten zur bestmöglichen Versorgung der Patienten hat. Damit kann die Psychiatrie auch als Vorbild für die Somatik dienen. Denn in den Psych-Fächern kann schon heute ambulant, teil- und vollstationär behandelt werden. Zudem besteht mittlerweile sogar die Möglichkeit, aufsuchend im häuslichen Umfeld der Patienten tätig zu werden – über die Stationsäquivalente Behandlung (StäB) oder den Abschluss von Modellprojekten nach § 64b SGB V. Mit dieser bunten Angebotspalette hat die Psychiatrie der somatischen Medizin einiges voraus. Die Kommission hat dies bei ihrer Analyse erkannt und will mit ihren Reformvorschlägen dazu beitragen, die bereits guten Ansätze positiv weiterzuentwickeln und eventuell noch bestehende Hürden abzubauen. Bschor hörte den Teilnehmenden sehr gut zu, als diese von den alltäglichen Problemen, insbesondere mit der ausufernden Bürokratie, berichteten, da sich die Kommission diesem Thema noch ausführlich widmen wird. Dabei wurde deutlich, dass die Fachgruppe sich als nachhaltiger Strategiepartner für weitere gesundheitspolitische Beratungen empfohlen hat.
Europäischer Austausch
Neben den Überlegungen zur Reform des Systems und den Möglichkeiten der Digitalisierung stand die Tagung ansonsten ganz im Zeichen des Austauschs mit europäischen Kollegen, um gegenseitig von den bereits gemachten Erfahrungen profitieren zu können. So berichtete Luciana Degano-Kieser über die Versorgungslandschaft in Italien und deren Entwicklung, Jochen van den Steen zeigte den Transformationsprozess der psychiatrischen Versorgung in Belgien auf und Patrick Bergin schilderte, wie er und sein Team die Strukturen im Maßregelvollzug für Irland verändert haben. Die internationalen Erfahrungen setzten sich mit Stephanie Sorvillo (Luxemburg), Celine Descamps (Frankreich) und Michael Rolaz (Schweiz) fort, die von den geplanten Veränderungen und der Weiterentwicklung der psychiatrischen Versorgung in ihren Ländern berichteten. Anschließend zeigte Jan Berendsen aus den Niederlanden auf, wie die klinischen psychiatrischen Gesundheitsangebote in die Versorgung in den Gemeinden integriert werden können. Hier schloss sich der Kreis, denn es wurde deutlich, welche strategischen Leitplanken sich bei den europäischen Nachbarn herauskristallisieren. Immer mehr Versorgung wird im Lebensumfeld der Nutzenden stattfinden. Oder wie es Bomke zusammenfasste: Mehr Zelte – weniger Beton!
Gute Ansätze sind vorhanden
Die Teilnehmenden der Veranstaltung waren sich darüber einig, dass wichtige Impulse für die Weiterentwicklung der psychiatrischen Versorgung in Deutschland geliefert wurden. Der Blick über den Tellerrand hat jedoch auch gezeigt, dass die deutsche Versorgungslandschaft bei allen Reformbestrebungen bereits viel Gutes zu bieten hat. Wenn es in den weiteren Diskussionen zur Reform der Strukturen gelingt, diese guten Ansätze auszubauen sowie zu festigen und weitere gute Ideen, zum Beispiel die Erkenntnisse aus den Modellprojekten nach § 64b SGB V, adäquat einfließen können, sollte ein für alle Beteiligten gutes Ergebnis erzielt werden können.

