Barmer Krankenhausreport 2022

Stationäre Leistungen bündeln

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Stationäre Leistungen bündeln
© Mathias Kehren

Mindestens 26.000 Patienten könnten von mehr Qualität bei Hüft-, Knie- sowie Herzoperationen profitieren und vor Gelegenheitschirurgie bewahrt werden. Dafür müssten sie nur geringfügig längere Fahrzeiten zur Klinik in Kauf nehmen. Zu diesem Ergebnis kommt der Barmer Krankenhausreport 2022.

Darin wurde für fünf Prozent der Hüft- und Knieoperationen sowie für drei Prozent der Herzinfarkteingriffe geprüft, ob sie sich von Standorten mit der geringsten Routine an Kliniken mit höheren Fallzahlen verlagern lassen. Dort hätten die Ärzte sowie das Pflegepersonal in der Regel eine höhere Expertise. Bereits bei diesen niedrigen Schwellenwerten könnten pro Jahr mindestens 18.000 der insgesamt mehr als 500.000 Hüft- und Knie-OPs an anderen Standorten durchgeführt werden, ohne dass sich die Fahrzeit für die Patienten deutlich verlängere. Analog ließen sich von den rund 400.000 Eingriffen am Herzen über 8.000 verlagern. Durch höhere Schwellenwerte könnten sogar noch deutlich mehr Eingriffe an Kliniken mit mehr Expertise erfolgen, ohne dass die Erreichbarkeit darunter leide. Mit einer tiefgreifenden Reform der Krankenhausversorgung samt Neuausrichtung der Krankenhausplanung wären systematische bedarfs- und qualitätsorientierte Konzentrationsprozesse im Sinne der Patienten umsetzbar. 

Erfahrene Kliniken in 40 Minuten erreichbar

Der Barmer-Report zeigt, dass es immer noch sehr viele Kliniken gibt, die in einzelnen Leistungssegmenten nur sehr wenige Behandlungen pro Jahr durchführen. Exemplarisch hat der Krankenhausreport zwei Bereiche analysiert, nämlich die Endoprothetik und Osteosynthese an Knie und Hüfte sowie die Kardiologie und Kardiochirurgie zur Behandlung des Herzinfarkts. Für die Berechnungen seien Eingriffe hypothetisch aus den Krankenhäusern mit wenigen Fallzahlen in solche mit höheren Fallzahlen verlagert worden. Im Anschluss seien die Fahrzeiten der Patienten bestimmt worden. Laut den Ergebnissen lassen sich die Hüft- und Knieeingriffe von 192 Standorten mit unter 187 Eingriffen pro Jahr verlagern, ohne dass maßgeblich längere Anfahrtswege entstünden. Lediglich bei 76 Kliniken wäre dies nicht möglich. Ähnlich zeichne sich das Bild bei den Eingriffen am Herzen ab. Hier ließen sich Eingriffe von 137 Krankenhäusern ohne spürbar längere Anreisen verlagern. Lediglich bei 74 Kliniken wäre dies nicht machbar. „Die Verlagerung von Operationen hat nur einen geringfügigen Einfluss auf die Fahrzeiten. Dem stehen erwartbare Qualitätssteigerungen in der Behandlung gegenüber. Wo immer eine Verlagerung möglich ist, sollte sie daher erfolgen. Unsere Berechnungen haben dabei berücksichtigt, dass sich die Fahrzeit für niemanden auf über 40 Minuten erhöht“, so der Autor des Krankenhausreports, Boris Augurzky, Leiter des Kompetenzbereichs Gesundheit am RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung. 

Verlagerung in Ballungszentren 

Die Potenziale zur Verlagerung von Operationen sind laut des Krankenhausreports regional sehr unterschiedlich. Besonders in Ballungszentren Nordrhein-Westfalens, Bayerns und Hessens sowie in den Stadtstaaten könnten ohne Probleme viele Eingriffe verlagert werden, weil zahlreiche andere Häuser in relativ geringer Distanz vorhanden seien. In Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Thüringen stelle sich die Situation hingegen anders dar. Aufgrund der geringeren Klinikdichte seien hier Verlagerungen nur begrenzt möglich. In manchen Bundesländern gebe es weniger Potenzial für Verlagerungen. Doch auch hier könne die Qualität der Versorgung signifikant verbessert werden, verdeutlicht Christoph Straub, Vorsitzender des Vorstandes der Barmer. Dazu habe die Krankenkasse in ihrem 10-Punkte-Papier zur sektorenübergreifenden Versorgung einige Vorschläge gemacht, wie auch in diesem Fall die Versorgung optimiert werden kann. Vor allem regionale Versorgungszentren, in denen ortsnah sowohl die ambulante Behandlung als auch die Grund- und Notfallversorgung gewährleistet werde, stehe hierbei im Fokus. Komplexe chirurgische Eingriffe sollten dagegen in größeren Kliniken erfolgen, in denen Ärzte sowie das Pflegepersonal die nötige Expertise für solche Operationen hätten. Die Verlagerung von Eingriffen an diese Standorte wäre ein wichtiger Schritt hin zu mehr Versorgungsqualität, so der Barmer-Chef. Augurzky fügt hinzu, dass die Flächenländer eine Vorreiterrolle bei alternativen Behandlungsmöglichkeiten wie der telemedizinischen Vernetzung oder Videosprechstunden und der sektorenübergreifenden Versorgung einnehmen sollten.

Umbau der Krankenhauslandschaft 

Für einen qualitätsorientierten Umbau der Krankenhauslandschaft seien ebenso Investitionen notwendig, wie der Krankenhausstrukturfonds. Die Mittel sollten allerdings nicht wie bisher nach dem Königsteiner Schlüssel verteilt werden, sondern dorthin fließen, wo der Bedarf an Strukturoptimierung am größten sei, so der Autor des Reports. Im Gegenzug könnten Länder mit einem geringeren Bedarf an Strukturoptimierung Unterstützung bei der Schaffung alternativer Behandlungsmöglichkeiten erhalten. 

Analysen zur akutstationären Versorgung 

Neben den vorgenannten Auswertungen zu Leistungsverlagerungen in der stationären Versorgung analysierte der Report ebenso das gesamte akutstationäre Versorgungsgeschehen. Nach einem starken Einbruch der Zahl der Krankenhausfälle im Jahr 2020 blieben diese demnach aufgrund der Corona-Pandemie auch im Jahr 2021 auf geringem Niveau: Lediglich 199,3 Krankenhausfälle je 1.000 Versicherte und damit 12,5 Prozent weniger im Vergleich zum Jahr 2019. Die Ausgaben je Versicherten stiegen im Jahr 2021 nach einem geringeren Wachstum im Jahr 2020 wieder stärker von 1.037 Euro auf 1.062 Euro an. Große regionale Unterschiede treten bei den stationären Fallzahlen auf. So hatten das Saarland und Thüringen im Jahr 2021 mit 230,7 beziehungsweise 223,7 Fällen je 1.000 Versicherte die höchsten Fallzahlen. Die niedrigsten Werte verzeichnete Bremen mit 167,9 Fällen – ein Unterschied von 37,4 Prozent.

Die Krankenversicherung möchte mit ihrem Report einen Impuls für weiterführende Diskussionen über den Konzentrations- und Spezialisierungsprozess im stationären Sektor geben. 

Autor

 Anika Pfeiffer

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