Es sei unverständlich wie einige Pflegeverbände sich positionieren, schreibt Prof. Heinz Lohmann. Sich für die Beibehaltung von staatlicher Überregulierung mit dem Argument einzusetzen, die „schwache Pflege“ könne sich in der Vielfalt der Lobbyinteressen nicht durchsetzen, sei ein Bärendienst für diese wichtige Berufsgruppe.
Vor geraumer Zeit ist die Pflege vom rechten Pfad abgekommen. Nach Jahren, in denen viele Krankenhausmanagerinnen und Krankenhausmanager das Erreichen eines positiven Jahresergebnisses immer wieder durch massiven Abbau bei den Pflegekräften bewerkstelligten, hat die heftig unter öffentlichen Druck geratene Politik die Notbremse gezogen und sich detailliert in das betriebliche Geschehen eingemischt.
Von Pflegepersonalregulierungen mit fester Quotierung bis zum Pflegebudget reichte das Arsenal der Instrumente. In der Folge scherte die Pflege aus den Personalstrukturen in den Krankenhäusern aus und wurde so der direkten betrieblichen Steuerung und Verantwortung entzogen. Die zur Entlastung der Pflege gedachten Maßnahmen entpuppten sich nach und nach nicht nur als der Kostentreiber schlechthin, sondern auch innovationsfeindlich und dequalifizierend für die Pflege selbst.
Wer bei der Lösung der Herausforderungen ausschließlich auf die Deckung der Kosten für Pflegepersonal setzt, darf sich nicht über ein dramatisches Anwachsen der Beschäftigtenzahl bei gleichzeitigem Verzicht auf den Einsatz von Investitionsmitteln zur Steigerung der Produktivität wundern. Auch die Rückdelegation von einfachen Tätigkeiten aus anderen Berufsgruppen in die ausfinanzierte Pflege war erwartbar und ist massiv eingetreten. Im „Naturschutzgebiet“ wird eben gerade nicht die Zukunft gestaltet.
Das Geld weicht, aber die Regulierung bleibt
Das „dicke Ende“ folgt jetzt auf dem Fuße. In klammen Zeiten weicht das Geld, aber die Regulierung bleibt. Gesetze und Verordnungen zur Personalbesetzung engen die Gestaltungsmöglichkeiten der Verantwortlichen bis zur Handlungsunfähigkeit ein, ohne die finanziellen Folgen weiterhin auszugleichen. Zudem rächen sich die Innovationslücken, die in den vergangenen Jahren angewachsen sind, beispielsweise in der Digitalisierung, und zwingen das Klinikmanagement dazu, künftig zu den sowieso anstehenden Sparaktivitäten in anderen Bereichen für die vorhersehbaren Defizite der Pflege dort weitere wirtschaftliche Effekte zu erzielen. Die Pflege wird letztlich zum „Klotz am Bein“ der Krankenhäuser.
Dringend geboten ist eine Beendigung des Sonderweges und eine Wiedereingliederung der Pflege in die Geschäftsplanung der Klinikunternehmen. Nur wenn die völlig einseitige Fixierung auf Personal aufgegeben wird, um schnellstens Anschluss an technische Entwicklungen, insbesondere bei der Digitalisierung, zu erlangen, kann die Pflegemisere überwunden werden. Das wird nur funktionieren, wenn die Gestaltungsmöglichkeiten in die Hände der betrieblichen Verantwortlichen zurückgelegt werden und sich der Staat aus der Mikrosteuerung raushält. Gut strukturierte Pflegetätigkeiten mit der Übertragung klarer Verantwortungsbefugnisse auf die Pflegeleitungen sind ein wesentlicher Baustein für die Bewältigung der vor uns liegenden Aufgaben in einer umfassenden Strukturform des Gesundheitssystems.
Umso unverständlicher ist die Positionierung einer ganzen Reihe von Pflegeverbänden in der aktuellen gesellschaftlichen Diskussion. Wer sich für die Beibehaltung von staatlicher Überregulierung mit dem Argument einsetzt, die „schwache Pflege“ könne sich in der Vielfalt der Lobbyinteressen nicht durchsetzen, leistet dieser wichtigen Berufsgruppe einen Bärendienst. Wenn dann diejenigen, die so argumentieren, gleichzeitig fordern, die Pflege müsse in Geschäftsführungen und Vorständen vertreten sein, geben sie sie der Lächerlichkeit preis. Dass Führungspersonen in Unternehmen um Einschränkung ihrer eigenen Handlungsspielräume durch staatliche Regulierung betteln, gibt es sonst nicht. Auch einen Gegensatz zwischen Pflege und Ökonomie zu konstruieren, wie erst kürzlich wieder geschehen, ist widersinnig. Es geht um Effektivität und Effizienz natürlich auch in der Pflege. Wer sich keine Gestaltung, sondern lediglich Verwaltung zutraut, verwirkt das Mitwirkungsrecht in den Gremien der Betriebsführung. Die Krankenpflege steht am Scheideweg. Es ist im Interesse unserer aller Gesundheit, dass sie auf den rechten Pfad zurückkehrt.

