MB-Umfrage

Johna: "Übergriffigkeit und Herabwürdigung sind niemals akzeptabel"

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Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung bei Ärzten weit verbreitet
Dr. Susanne Johna © Regina Sablotny/Tobias Rüther

Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung gehören für viele Ärzt zum belastenden Klinikalltag. Eine bundesweite Umfrage des Marburger Bundes (MB) zeigt, wie häufig Grenzüberschreitungen auftreten und welche gravierenden Folgen sie für Betroffene sowie die Führungskultur in Krankenhäusern haben.

Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung sind ein relevantes Problem im Klinikalltag. Das zeigt eine bundesweite Mitgliederbefragung des Marburger Bunds (MB), an der 9.073 angestellte Ärzte teilgenommen haben, die zu 90 Prozent in Krankenhäusern arbeiten. Es handelt sich um die bundesweit bisher größte Befragung dieser Art. Sie fand im Februar und März dieses Jahres statt. Mehr als zwei Drittel der Teilnehmenden (69 Prozent) sind weiblich, mehr als die Hälfte (53 Prozent) 40 Jahre und jünger. 

Jeder zweite Mediziner erlebt Machtmissbrauch durch Vorgesetzte

Knapp die Hälfte der Befragten (49 Prozent) berichtet, in den vergangenen zwölf Monaten Machtmissbrauch durch ärztliche Beschäftigte erlebt zu haben. Die Vorfälle treten demnach häufig wiederholt auf, die Hälfte der Betroffenen (51 Prozent) erlebt sie mehrmals im Jahr, ein erheblicher Anteil sogar monatlich (30 Prozent) oder wöchentlich (14 Prozent). Weit überwiegend geht der Machtmissbrauch laut der MB-Umfrage von männlichen ärztlichen Vorgesetzten aus. 

Am häufigsten äußert sich Machtmissbrauch in einem respektlosen und herablassenden Umgangston. An zweiter Stelle rangiert die grundlose Infragestellung der fachlichen Kompetenz und am dritthäufigsten kommen Mobbing oder öffentliche Bloßstellung vor, zum Beispiel vor dem Team oder vor Patienten.

Warum Betroffene Machtmissbrauch selten melden

Formen von Machtmissbrauch sind häufig subtil, aber in ihrer Wirkung nachhaltig: Sie prägen das Arbeitsklima, verstärken Abhängigkeitsverhältnisse und tragen dazu bei, dass Betroffene sich nicht gegen Grenzverletzungen zur Wehr setzen. Drei Viertel der Betroffenen verzichten auf eine Meldung, weil sie keine wirksamen Konsequenzen erwarten, berufliche Nachteile befürchten oder keine vertraulichen Meldewege sehen. 

Die Folgen von Machtmissbrauch sind erheblich: Viele Betroffene berichten laut MB von emotionaler Erschöpfung und anhaltender Anspannung, von verminderter Arbeitsmotivation und äußern den Wunsch, die Abteilung oder den Arbeitsplatz zu wechseln. 

Johna: "Übergriffigkeit und Herabwürdigung sind niemals akzeptabel"

Die Ergebnisse der Umfrage zeigten, dass "Machtmissbrauch ein zentrales Strukturproblem im ärztlichen Arbeitsalltag" sei, so Susanne Johna, Vorsitzende des MB. Wer in einer Führungsposition tätig sei, müsse sich des Machtgefälles bewusst sein. "Macht ist nicht neutral – sie wirkt. Und sie wirkt umso stärker dort, wo Abhängigkeit besteht. Übergriffigkeit und Herabwürdigung sind niemals akzeptabel – aber in Abhängigkeitsverhältnissen wiegen sie besonders schwer." Die Krankenhäuser sollten sich diesen Strukturproblemen stellen, klare Leitbilder entwickeln, verbindliche Richtlinien vorgeben und Grenzüberschreitungen konsequent ahnden, so die Ärztin. "Die Betroffenen brauchen verlässliche Anlaufstellen und Ansprechpersonen, denen sie vertrauen können", fordert Johna. 

Auch sexuelle Belästigung ist laut der MB-Umfrage ein relevantes Problem im ärztlichen Arbeitsumfeld. 13 Prozent der Befragten berichten von entsprechenden Erfahrungen in der kurzen Zeitspanne der vergangenen zwölf Monate. Am häufigsten handelt es sich um sexualbezogene Kommentare oder abwertende Sprüche sowie um unerwünschte Gespräche mit sexuellem Inhalt. Auch unerwünschte körperliche Nähe wird von vielen Betroffenen genannt. 

Sexuelle Belästigung tritt häufig wiederholt auf

Etwa drei Viertel der Betroffenen hat sexuelle Belästigung in den zurückliegenden zwölf Monaten mehrmals erlebt, 59 Prozent "mehrmals im Jahr", 17 Prozent "mehrmals im Monat" und 6 Prozent sogar "mehrmals in der Woche"; 18 Prozent berichten von einem einmaligen Vorfall in den vergangenen zwölf Monaten.

Die Freitextantworten der Befragten verdeutlichen zusätzlich die Bandbreite und Alltäglichkeit dieser Erfahrungen. Sexuelle Belästigung gegenüber ärztlichen Beschäftigten tritt häufig im Kontext bestehender Machtverhältnisse auf, in denen Grenzüberschreitungen erleichtert und Gegenwehr erschwert werden. Auch hier ist die Meldequote mit 16 Prozent sehr niedrig und das Vertrauen in Konsequenzen gering.

Botzlar: "Wir brauchen eine andere Führungskultur"

Vor diesem Hintergrund sieht der Ärzteverband dringenden Handlungsbedarf. "Betriebsräte, Beschwerdestellen und Geschäftsführungen müssen bei Grenzüberschreitungen eng zusammenarbeiten und präventiv handeln. Es kann nicht sein, dass sexuelle Belästigung folgenlos bleibt oder sogar dazu führt, dass den Betroffenen die Kündigung nahegelegt wird. Wir brauchen eine andere Führungskultur in den Krankenhäusern. Führungskräfte müssen für ihre Verantwortung qualifiziert und stärker in die Pflicht genommen werden", verdeutlicht Andreas Botzlar, 2. MB-Vorsitzender.

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