Fachkräftemangel, Bürokratie oder Ambulantisierung – beim Nationalen Forum für Entgeltsysteme in Psychiatrie und Psychosomatik (NFEP) gab es rege Diskussionen.
Mit einem Appell für dringend notwendige Systemveränderungen eröffnete Sylvia Claus, Vorsitzende der Bundesdirektorenkonferenz (BDK), das 9. Nationale Forum für Entgeltsysteme in Psychiatrie und Psychosomatik (NFEP). Zum jährlichen Austausch über die Zukunft der psychiatrischen Versorgung hatten der Arbeitskreis der Krankenhausleitungen psychiatrischer Krankenhäuser (akp), der Verband der Krankenhausdirektoren Deutschlands (VKD), die BDK sowie die Bundesfachvereinigung leitender Krankenpflegepersonen (BFLK) eingeladen. Wie Claus berichtete, habe die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) ein passendes Versorgungsmodell konzipiert, das der Politik als Handlungsrahmen für die nötigen Veränderungen dienen könnte. Die Herausforderungen stünden an, sagte die BDK-Chefin, nun müsse man ihnen "mutig" begegnen.
Eine schwierige Zeit sieht hingegen Reinhard Belling auf Krankenhäuser zukommen: In vielen Regionen beobachtet der Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Psychiatrie schon heute einen Fachkräftemangel, obwohl die eigentlich kritische Phase – eine Höchstzahl an Renteneintritten bei immer weniger Nachwuchs – erst noch komme. Holger Höhmann vom VKD stellte ein weiteres Dilemma heraus: So seien Krankenhäuser sehr wohl bereit, einiges für eine herausragende Behandlungsqualität und für gute Arbeitsbedingungen zu tun; auch sei ein Reform- und Veränderungsbedarf unbestreitbar. Doch hindere die stetig zunehmende Bürokratie die Häuser daran, die gesteckten Ziele zu erreichen. Der Gesetzgeber fordere eine hohe Qualität von den Akteuren, versäume es aber selbst regelmäßig, diese Maßstäbe an seine eigenen Gesetze und Verordnungen anzulegen, beklagte Höhmann. Die Gesetze würden oft "schnell und ohne Einbezug von Fachexpertise" erstellt und seien entsprechend sperrig – und in der Praxis oft auch hinderlich.
Alle Verbandsvertreter waren sich darin einig, dass auch die Kostenträger an der Transformation beteiligt werden müssen: Eine gute Behandlungsqualität kann nur gelingen, wenn die erbrachten Leistungen auskömmlich finanziert werden, so der Tenor der Plenarteilnehmer. Auch die Versorgungsstrukturen könnten nur bei einer ausreichenden Finanzierung nachhaltig verändert werden.
Welche Rolle werden die psychiatrischen und psychosomatischen Institutsambulanzen künftig spielen – und welche Versorgung ist mit diesen Einrichtungen möglich? Diese Frage, und damit die achte Stellungnahme der Regierungskommission, griff anschließend ein Workshop auf: Die Experten stellten in ihren Beiträgen unterschiedliche Ansätze vor und verdeutlichten so die Vielfalt an möglichen ambulanten Behandlungen – eine Vielfalt, die den somatischen Fächern noch immer fehlt.
Auch die Idee eines Globalbudgets wurde in den Workshops thematisiert: So debattierten Vertreter von Krankenhäusern und Krankenkassen darüber, wie die Verhandlung und Umsetzung von Modellprojekten gelingen kann und tauschten ihre Sichtweisen dazu aus. Zudem überlegten sie, wie sich Bürokratie weiter abbauen ließe und zeitgleich die Zusammenarbeit – auch berufsgruppenübergreifend – verbessert werden könnte. Intensiv wurden auch die Ergebnisse des Forschungsprojekts EPPIK diskutiert, welches kürzlich abgeschlossen wurde. Doch vor allem die hohe Bürokratie beschäftigt die Krankenhausvertreter, wie deutlich wurde: Gut ausgearbeitete Vorschläge, wie administrative Vorgänge einfacher, schlanker und schneller ablaufen könnten, machten in den Workshops die Runde; simple, aber sinnvolle Lösungen, wie etwa doppelte oder gar dreifache Erhebungen zu vermeiden wären, wurden untereinander ausgetauscht – doch verfangen haben die Ideen bei den Kostenträgern nicht.
PEPP: Zu aufwendig, zu wenig zielführend
Kritisch setzten sich die Krankenhausvertreter auch mit dem pauschalierenden Entgeltsystem Psychiatrie und Psychosomatik (PEPP) auseinander: Das System habe seit seiner Einführung die ihm zugedachte Aufgabe nicht wahrnehmen können und sei "zu einem reinen Budgettransportinstrument verkommen", so die einhellige Meinung. Dafür verursache es jedoch zu viel Aufwand und nehme wichtige medizinische Kapazitäten in Beschlag. Wie wenig zielführend PEPP sei, zeige sich vor allem auch daran, dass es nun bereits mehrere Jahre keine fundierte Weiterentwicklung durch das Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK) gegeben habe und lediglich eine – mehr oder weniger vollumfängliche – Fortschreibung stattfinde. Diese Kritik ließen die anwesenden Vertreter des GKV-Spitzenverbands (GKV-SV) jedoch nicht gelten: Sie zeigten am Beispiel der PPP-Richtlinie (PPP-RL), wie wichtig Erhebungen zur Qualitätssicherung (QS) sind. Zudem erklärten sie, dass die aktuellen Datenerhebungen ohnehin schon abgeschwächt worden seien. Und sie verwiesen auf die IT: Eine "konsequente Digitalisierung“ würde doch künftig sicher Abhilfe im Bürokratiedschungel schaffen. Ein Klinikvertreter konterte, eine mangelnde Digitalisierung sei nicht immer den Krankenhäusern zuzu-schreiben: "Digitalisierung kostet Geld", argumentierte er, "und wenn es an Betriebs- und Investitionsmitteln mangelt, bleiben solche – wenngleich sinnvollen – Projekte auf der Strecke." Auch das Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) werde nur bedingt Abhilfe schaffen. Schließlich sei davon nur eine Anschubfinanzierung zu erwarten; IT-Mitarbeiter und Servicedienste müssten hingegen dauerhaft bezahlt werden.
Helfen könnte vermutlich die Zusammenarbeit zwischen den Berufsgruppen sowie eine ausgeweitete Flexibilität – insoweit, dass einige Tätigkeiten auch berufsgruppenübergreifend übertragen werden könnten. Doch so einig sich alle Beteiligten sind, welche Ziele es zu erreichen gilt, so schwierig wird es offenbar in der Umsetzung. Hier braucht es mutige Protagonisten und kluge Gesetzgebungsverfahren, um voranzukommen – auch das ein Ergebnis des ersten Veranstaltungstages. Angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels, auch darin bestand Konsens, sollte das Thema sehr schnell angepackt werden.
Der zweite Tag war einer tief gehenden Analyse der PPP-RL gewidmet: Nach einem Update zum aktuellen Stand und zu erwartenden weiteren Entwicklungen zogen die Referenten ein erstes Fazit zu den Prüfungen des Medizinischen Diensts (MD) im vergangenen Jahr. Zudem gaben sie einen Einblick in die bundesweite Datenerhebung des Instituts für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG). Die PPP-RL, das wurde deutlich, ist auch im fünften Jahr der Anwendung noch nicht am Ziel: Der Zeitplan zur sanktionsbewährten Einführung wurde bereits mehrfach überarbeitet – und dennoch bleiben viele inhaltliche Punkte unbearbeitet. Gleichwohl nehmen die Vor-Ort-Prüfungen des MD viel Zeit in Anspruch. Und auch wenn die Prüfungen dazu beitragen, die Nachweisführung zu verbessern, entsteht doch ein hoher Mehraufwand. Die Richtlinie zur MD-Qualitätskontrolle (MD-QK-RL) begrenze diesen Aufwand zwar auf das Nötigste, aber wegen des – vom GKV-SV durchgesetzten – Prüfungsumfangs bleibt dem MD kaum etwas anderes als ein sehr umfangreiches Verfahren übrig. Die G-BA-Vertreter wurden auf dem Forum deshalb dringend gebeten, im Rahmen der beiden Richtlinien Abhilfe zu schaffen. Andernfalls würde der unnötige – und von Misstrauen geprägte – Prüfaufwand weiter ansteigen.
Parallel tauschten sich Experten darüber aus, wie Einrichtungen auf den Fachkräftemangel reagieren können. Auch die Transformation der psychiatrischen Versorgung mit ihren Chancen und möglichen Tücken erörterten sie. Weiteres Thema war die Reform der Psychotherapeuten-Ausbildung, zu der auch ein Vertreter der Bundespsychotherapeutenkammer Stellung nahm. Eine Umfrage offenbarte schließlich, welche Schwierigkeiten die Kliniken damit haben, dass die Weiterbildung nicht richtig finanziert werde.
Fest steht: Ob Fachkräftemangel, Bürokratie oder Ambulantisierung – die Psych-Versorgungslandschaft steht vor vielen Herausforderungen. Doch noch etwas anderes, sehr wohl zuversichtlich Stimmendes, wurde auf dem NFEP deutlich: So viele Ideen und Maßnahmen erproben die Fächer schon seit Jahren, testen sie aus, tauschen sich darüber aus, machen stetig Fortschritte. So mag vielleicht gelten: Es gibt noch viel zu tun. Aber eben auch: Die Kliniken sind vorbereitet und gewappnet.


