Vorstandsvorlage

Ohne Standards keine Transformation

  • Strategie
  • Management
  • 20.05.2026

f&w

Ausgabe 5/2026

Seite 420

Dr. Christiane Stehle

Datenräume, KI und Vernetzung gelten als Schlüssel für die Medizin der Zukunft. Doch gerade an Universitätskliniken klafft eine große Lücke zwischen politischem Anspruch und digitaler Realität, kritisiert Christiane Stehle. Fehlende Standards, Insellösungen und unsichere Finanzierung bremsen die Transformation.

Die Digitalisierung des Gesundheitswesens gehört zu den politischen Dauerbrennern. Kaum ein Papier kommt ohne Datenräume, KI oder Vernetzung aus. Wer jedoch den klinischen Alltag kennt, weiß: Zwischen Anspruch und Realität klafft eine erhebliche Lücke. Gerade Universitätskliniken stehen dabei im Zentrum. Sie sind Maximalversorger, vereinen Krankenversorgung, Forschung und Lehre und erzeugen entsprechend komplexe Datenströme. Moderne Medizintechnik, interdisziplinäre Behandlungspfade und wissenschaftliche Auswertung erfordern leistungsfähige, vernetzte Systeme. Tatsächlich arbeiten viele Häuser jedoch noch mit historisch gewachsenen IT-Strukturen, Insellösungen und fehlender Inter-operabilität.

Der Blick nach Dänemark zeigt, dass es anders geht. Einheitliche, staatlich vorgegebene Standards sorgen dort für eine funktionierende Vernetzung. Systeme sind kompatibel, Daten nutzbar, Prozesse durchgängig digital. Entscheidend ist nicht nur die Definition solcher Standards, sondern deren konsequente Umsetzung und ein solides, nachhaltiges Finanzierungskonzept. Genau hier liegt das strukturelle Problem in Deutschland. Standardisierung wird zwar diskutiert, aber nicht verbindlich umgesetzt. Förderprogramme setzen wichtige Impulse und finanzieren den Einstieg in digitale Projekte. Sie enden jedoch häufig dort, wo die eigentliche Transformation beginnt: bei der Überführung in den Regelbetrieb, bei Wartung, Weiterentwicklung und Integration. Prozesse werden begonnen, aber nicht zu Ende geführt. Das untergräbt Vertrauen in die digitale Transformation. Digitalisierung gibt es nicht zum Nulltarif. Sie kostet zunächst Geld, bevor Effizienzgewinne realisiert werden können.

Für Universitätskliniken ist diese Situation besonders herausfordernd. Sie benötigen eine Vielzahl von unterschiedlichen Softwaresystemen, multiple Schnittstellen und eine deutlich höhere Datenintegration als andere Krankenhäuser. Gleichzeitig sollen sie Innovationstreiber sein und neue Versorgungsformen entwickeln. Ohne einheitliche Standards entsteht jedoch ein digitaler Flickenteppich, der Fortschritt bremst und Ressourcen bindet.

Was es jetzt braucht, ist ein klarer politischer Rahmen: verbindliche, einheitliche Standards, die konsequent Einzug in Softwaresysteme halten, eine nachhaltige Finanzierung digitaler Infrastrukturen und eine gemeinsame strategische Ausrichtung der Universitätskliniken. Das Netzwerk Universitätsmedizin (NUM) zeigt, dass gemeinsame Standards, Datenräume und Kooperation ein tragfähiger Anfang für eine vernetzte Medizin der Zukunft sein können.

Digitalisierung endet nicht an Sektorengrenzen. Telemedizin kann ergänzend zu ambulanten und stationären Angeboten die Versorgung verbessern, Transporte reduzieren, stationäre Aufenthalte verkürzen sowie Krankenhausaufnahmen verhindern. Der Bedarf ist heute schon in allen Bereichen zu spüren. Doch solange Vergütungsfragen ungeklärt bleiben und klare politische Entscheidungen fehlen, bleibt die Skalierung begrenzt.

Digitalisierung ist keine Einzelmaßnahme. Sie ist Teil der kritischen Infrastruktur unseres Gesundheitssystems. Wer sie ernst meint, muss sie konsequent finanzieren, standardisieren und umsetzen, sonst bleibt sie eine gute Idee ohne durchschlagende Wirkung.

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