Gesundheitswirtschaftsräume: Rheinland-Pfalz

Probier's mal mit Gemütlichkeit

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  • 01.05.2007
Ausgabe 5/2007

Gesundheits Wirtschaft

Ausgabe 5/2007

Termine und Programm stehen bereits fest, in ein paar Tagen geht es los: Dann wird auf sechs Regionalkonferenzen in Kaiserslautern, Bad Ems, Trier, Remagen, Mainz und Bad Dürkheim das Drehbuch für den ersten Masterplan „Gesundheitswirtschaft Rheinland- Pfalz“ zu Ende geschrieben. Bis zum Sommer 2008 soll das umfängliche Strategiepapier der Öffentlichkeit vorgestellt werden, danach geht es an die schrittweise Umsetzung.

Regie bei alldem führt die Initiative „Gesundheitswirtschaft Rheinland-Pfalz“ – eine im Oktober 2006 gestartete Gemeinschaftsproduktion von Wirtschafts- und Gesundheitsministerium. Beide beauftragten in einem ersten Schritt das Institut für Mittelstandsökonomie an der Universität Trier, eine „Gesamtmarktbetrachtung“ zu erarbeiten. Anschließend wurde eine 22-köpfige Expertenkommission aus Wissenschaftlern und Vertretern der Industrie eingerichtet, deren Aufgabe es war, Handlungsempfehlungen für die Ausgestaltung der Gesundheitswirtschaft in Rheinland-Pfalz zu erstellen. Diese sollen nun auf regionale Besonderheiten zugeschnitten und so die Gesundheitswirtschaft zu einem Megathema im ganzen Land werden. „Wir wollen die Chancen dieses wachsenden Marktes noch besser für Wirtschaft und Beschäftigung nutzen“, erklärt Gesundheitsministerin Malu Dreyer (SPD).

Gesundheitswirtschaft: Tausende neuer Stellen

Allein in den Jahren zwischen 1998 und 2005 seien im Gesundheitssektor rund 19 700 neue sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze entstanden. „Damit nimmt dieser Markt eine Spitzenposition unter den neu geschaffenen Beschäftigungsverhältnissen ein“, so Dreyer.

Die Gesundheitswirtschaft bietet für das Land „große Chancen“, bestätigt Wirtschaftsminister Hendrik Hering (SPD) und nennt weitere Zahlen, die die Bedeutung der Branche in und für Rheinland-Pfalz unterstreichen: Jeder zehnte Euro wird mittlerweile im Gesundheitssektor erwirtschaftet. Die Bruttowertschöpfung liegt bei etwa 8,2 Milliarden Euro, was einem Anteil von 9,5 Prozent an der Gesamtbruttowertschöpfung Rheinland- Pfalz’ entspricht und damit den entsprechenden Bundeswert von neun Prozent übersteigt.

Bei den Gesundheitsausgaben liegt das Land mit einem Anteil von 11,7 Prozent am Bruttoinlandsprodukt ebenfalls deutlich über dem Bundesschnitt, der in der Regel mit 10,6 Prozent angegeben wird.

Und noch etwas zeichnet die Region aus: Sie ist sehr ländlich geprägt. „Entsprechend anders sind die Menschen“, sagt Prof. Dr. Andreas J. Goldschmidt, Gesundheitsökonom an der Universität Trier und Geschäftsführer des Netzwerkes „Deutschland Mitte-Südwest“, in dem sich Gesundheitsdienstleister gleich mehrerer Bundesländer – darunter auch Rheinland-Pfalz – zusammengeschlossen haben. „Das Leben hier ist weniger hektisch, die Menschen gehen sehr verlässlich und vertraut miteinander um.“ Das wirke sich gerade in der Gesundheitswirtschaft positiv aus. „Sie treffen hier auf eine stark ausgeprägte Sozialkompetenz.“

Wenn heute über Werte in der Wirtschaft diskutiert werde, spielten zumeist Begriffe wie Gewinn und Leistung eine Rolle. „Ein hoher immaterieller Wert ist aber auch die Unternehmenskultur, die ja letztlich Dinge wie Außenwirkung und Marketing ganz wesentlich beeinflusst. Und diese Unternehmenskultur, die stimmt hier in Rheinland- Pfalz“, ist Goldschmidt überzeugt.

Der Mittelstand ist das Rückgrat der Branche

Der ländliche Charakter hat aber auch seine Schattenseiten. „Wirtschaft siedelt sich in der Regel an Verkehrssträngen an“, weiß Goldschmidt. Die große Schwachstelle sei deshalb die nach wie vor fehlende Trasse zwischen Mainz und Trier. „An dieser wichtigen Verbindung hängt einiges dran – unter anderem schnelle Verbindungen ins Saarland, nach Baden-Württemberg oder in benachbarte Länder wie Frankreich und Luxemburg.“ Um da hinzukommen, müsse man große Umwege in Kauf nehmen. „Das schwächt den Standort Rheinland- Pfalz“, so der Experte.

Auch wenn mit BASF und Boehringer Ingelheim zwei milliardenschwere Pharmariesen ihren Sitz in Rheinland-Pfalz haben, ist doch der Mittelstand das Rückgrat der Gesundheitswirtschaft im Land. So handelt es sich bei den meisten der rund 13 000 Anbieter, die derzeit für den Gesundheitsmarkt produzieren oder entsprechende Dienstleistungen bereitstellen, um kleinere Betriebe – mit oftmals weniger als 100 Mitarbeitern.
Dass diese Unternehmen nicht weniger innovativ sind als die Großen der Branche, belegt das Beispiel der F. Stephan GmbH mit Sitz in Gackenbach. Im Portfolio des Familienunternehmens befindet sich seit Neuestem ein Artikel, dessen Name eher nach einem Anzug für Weltraumfahrer denn nach einem Medizinprodukt klingt.

Tatsächlich aber kommt der sogenannte „Space- Suit“ in der medizinischen Versorgung von Früh- und Neugeborenen zum Einsatz. Er besteht aus einem durchsichtigen, wasserundurchlässigen Material und wird dem Baby wie ein Strampler angezogen. Über dem Brustkorb ist er wieder verschließbar, um Patientenzugänge wie Elektroden oder Nabelkatheter legen zu können und das Überleben des Frühchens sicherzustellen. Im Gegensatz zum herkömmlichen Brutkasten ermöglicht der „Space- Suit“ einen intensiven Körperkontakt. Ähnlich wie beim „Kangarooing“ können Eltern die Wärme ihres Kindes spüren und ihre eigene Wärme übertragen. Umgekehrt können die Kinder vertraute Sinnesreize wie Berührungen, Herzschlag, Atem und Geruch ungehindert wahrnehmen.

Große Hoffnungen setzt Rheinland- Pfalz aber nicht bloß auf medizintechnische Innovationen wie den „SpaceSuit“, der mittlerweile auch außerhalb der Landesgrenzen auf großes Interesse stößt. Auch in anderen Teilmärkten der Gesundheitswirtschaft wird ein enormes Beschäftigungs- und Entwicklungspotenzial gesehen, wie Dörte Büchel, zuständige Referentin für die Vermarktung des Gesundheitswirtschaftsstandortes Rheinland-Pfalz im Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau, berichtet. Im „Kernbereich der Gesundheitswirtschaft“ – dem Gesundheitswesen mit seinen zahlreichen Kliniken, Arztpraxen und Pflegediensten – sei das Land heute schon „gut aufgestellt“.

Mit der Johannes-Gutenberg-Universität und der dazugehörigen Universitätsklinik in der Landeshauptstadt Mainz verfüge die Region über einen „Leuchtturm in der akademischen medizinischen Ausbildung und Forschung mit nationalem und internationalem Renommee“. Indes versuche die Landesregierung, durch ein ganzes Bündel von Maßnahmen die hausärztliche Versorgung vor allem in ländlichen Gebieten zu stärken und einem drohenden „Hausärztemangel“ vorzubeugen.

Herausforderung Pflege abseits der großen Städte

In der Pflege verfügt das Land mit insgesamt 135 Informations- und Koordinierungsstellen über eine bundesweit einmalige Beratungsstruktur. Mit dem Master-Studiengang „Pflegewissenschaft“ der pflegewissenschaftlichen Fakultät der Philosophisch- Theologischen Hochschule Vallendar hat Rheinland-Pfalz obendrein die erste pflegewissenschaftliche Fakultät im Universitätsrang aufgebaut, die einen solchen Studiengang anbietet. „Wir brauchen dringend neue Konzepte und Strategien, wie eine dramatisch wachsende Zahl von Pflegebedürftigen künftig versorgt werden soll“, sagt Stefan Sell, Professor für Volkswirtschaftslehre, Sozialpolitik und Sozialwissenschaften an der Fachhochschule Koblenz. Rheinland- Pfalz, wo die Mehrzahl der Menschen auf dem Land lebe, könne beim Thema „Pflegesicherstellung in ländlichen Räumen“ eine Vorreiterrolle einnehmen.

„Die Pflege von morgen ist deshalb eines der zentralen Handlungsfelder der Gesundheitswirtschaft in Rheinland- Pfalz“, sagt Sell. In diesem Zusammenhang müsse auch über einen Neuzuschnitt der Gesundheitsberufe nachgedacht werden. „Eine Übertragung bestimmter Tätigkeiten auf Pflegende und eine größere Handlungsautonomie sind nötig, wollen wir die vor uns liegenden Herausforderungen des demografischen Wandels bewältigen.“

Ihr besonderes Augenmerk richten die Gesundheitswirtschaftler in Rheinland-Pfalz auf die Themen Gesunderhaltung, Vitalität und Rehabilitation. „Dabei geht Qualität vor Quantität“, sagt Beate Eggert, Geschäftsführerin der Unfallkasse Rheinland-Pfalz. Entsprechende Angebote müssten, bevor sie am Markt zugelassen werden, geprüft und dann von einer unabhängigen Stelle zertifiziert werden. „Betriebliches Gesundheits- und Altersmanagement müssen zu einem regionalen Markenprodukt weiterentwickelt werden“, wirbt auch Sozialexperte Sell. Beides sollte an vielen Stellen der Gesellschaft ansetzen: im Betrieb, in den Familien und in Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen selbst. „Die Gesundheitswirtschaft muss auch denen zugutekommen, die mit ihrer täglichen Arbeit zum Erfolg der Branche beitragen“, erklärt Sell.

Jeder Zehnte arbeitet im Gesundheitstourismus

Erhebliches Entwicklungspotenzial bescheinigen die Rheinland-Pfälzer dem Gesundheitstourismus. Ihr Land sei das Kalifornien Deutschlands. Direkt oder indirekt arbeitet dort heute bereits jeder zehnte Beschäftigte für die Tourismusbranche. Mit rund 5,8 Millionen Gästen kamen allein in den ersten neun Monaten dieses Jahr so viele Besucher ins Land wie noch nie in einem entsprechenden Jahreszeitraum. Eine zentrale Rolle spielen die 23 Kur- und Heilbäder, die mit „Medical Wellness“-Angeboten um gesundheitsinteressierte Gäste aus aller Welt buhlen. Diese dürften sich obendrein von den zahlreichen Wanderwegen angezogen fühlen, zumal Mediziner und Therapeuten immer häufiger auf die wohltuende Wirkung des Gehsports hinweisen.

Weitere Potenziale eröffnen Forschung und Entwicklung des Flaggschiffs Pharmaindustrie sowie der Medizin- und Gerontotechnik und das Gesundheitshandwerk. „Vor allem mit Blick auf die Parameter Beschäftigung, Bruttowertschöpfung und Umsatz hat die Pharmaindustrie für die Gesundheitswirtschaft in Rheinland-Pfalz eine besondere Bedeutung“, erklärt Büchel.

Mit einer Bruttowertschöpfung von 1,1 Milliarden Euro pro Jahr stellt sie den drittgrößten Teilmarkt der Gesundheitswirtschaft im Land dar. Mit etwa 10 000 Beschäftigten nimmt der Pharmasektor Platz fünf im Ranking der beschäftigungsstärksten Teilmärkte ein. Zwischen 1999 und 2005 konnte die Zahl der Beschäftigten hier um 13 Prozent gesteigert werden. In der Medizin- und Gerontotechnik gehört Rheinland-Pfalz mit etwa 70 Prozent der Beschäftigten – der Bundesdurchschnitt liegt bei 50 Prozent – zu den Hochburgen in handwerklich geprägten Sektoren wie der Orthopädie- oder Zahntechnik.

Auch vor neuen Trends im Gesundheitswesen wie der Telemedizin verschließt sich die rheinland-pfälzische Gesundheitswirtschaft nicht. Im Gegenteil: Mit der Stadt Trier verfügt das Land über eine wichtige Modellregion für die Erprobung der elektronischen Gesundheitskarte. Darüber hinaus will die Landesregierung gemeinsam mit dem Industriepartner CompuGroup in Koblenz eine elektronische Patientenakte für Kinder testen.

Im Projekt „ePA Junior“ soll allen Neugeborenen des Jahrgangs 2008 bis zum sechsten Lebensjahr kostenlos eine Karte ausgestellt werden, auf der medizinische Daten wie Erkrankungen, Impfstatus und Untersuchungen zur Früherkennung gespeichert sind. Ärztinnen und Ärzte, Krankenhäuser und Hebammen können auf diese zurückgreifen und sie für die Behandlung nutzen. „Kindern einen guten Start ins Leben zu ermöglichen, ist ein wichtiges Anliegen der Landesregierung – die Förderung der Gesundheit ist eine wesentliche Voraussetzung dafür“, so Gesundheitsministerin Dreyer.

In Rheinland-Pfalz werden jährlich etwa 32 000 Kinder geboren. „Die ePA Junior ist ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zu einer besseren Versorgung der Kinder von der Wiege an“, erklärt auch Carl-Heinz Müller, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz. Sollte das Projekt erfolgreich verlaufen, wovon alle Akteure ausgehen, könnte es als Modell für andere Gesundheitsregionen dienen.

40 Transferstellen, damit Wissen in die Praxis fließt

Sehen lassen kann sich auch die große Landschaft an Hochschulen und Forschungseinrichtungen, die in den Teilbereichen der Biotechnologie, Medizintechnik, Informatik, Technomathematik, künstlichen Intelligenz, Umwelttechnologie sowie Bauen und Wohnen innovative Projekte anschieben. Überregionale Netzwerke wie etwa das „Gesundheitsnetz Rhein-Neckar- Dreieck“ oder die „BioRegion Rhein-Neckar-Dreieck“ als Zusammenschlüsse interdisziplinärer Forschungs- und Beratungseinrichtungen tragen ebenfalls zu einer nachhaltigen Entwicklung der Gesundheitswirtschaft in Rheinland- Pfalz bei. Etwa 40 Transferstellen an Hochschulen dienen als Brücke zwischen Forschung und Wirtschaft, sichern einen regen Informationsaustausch zwischen Theorie und Praxis.

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