Die Zukunft hat begonnen: Online-Bestellung, Discountpreise und kundenfreundliche Beratung

Der Apothekenmarkt am Beginn der Zukunft

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  • 01.05.2007
Ausgabe 5/2007

Gesundheits Wirtschaft

Ausgabe 5/2007

Für die Apotheke alten Typs hat der Anfang vom Ende begonnen. Von nun an ist Zukunft: Die moderne Apotheke setzt auf Online- Bestellung, Discountpreise, diskrete Beratung und kundenfreundliche Öffnungszeiten.

Die Abwehrschlacht ist in vollem Gange: „Arzneimittel gehören in die Apotheke“, titelte Ende November die neu gegründete Initiative Arzneimittel aus erster Hand. Gemeint war die althergebrachte Präsenz-Apotheke – sie soll in ihrem Charakter erhalten bleiben, und zusätzlich soll der Vertriebsweg von Arzneimitteln auch künftig an sie gebunden werden.

Internet-Apotheken? Rezeptsammelstellen? Apothekenketten? Alles nichts, meint Apotheker Dr. Werner Gajewski, der Sprecher der neuen Initiative: „Am liebsten wäre es mir, es bliebe alles so, wie es ist.“ Mit von der „Alles soll bleiben, wie es ist“-Partie ist André Blümle, Chef des zweitgrößten deutschen Arzneimittel-Großhändlers Gehe Pharma Handel GmbH. Der Medikamenten- Grossist sagt, „wir wollen nicht, dass Verbraucher künftig die Kassiererin im Supermarkt zu Risiken und Nebenwirkungen fragen müssen“, denn sein Unternehmen lebt schließlich zu einem großen Teil davon, dass es eine Marketingkooperation unter dem Namen „Commitment“ aufgebaut hat, zu der nach Brancheninformationen rund 3 000 Präsenz-Apotheken gehören.

Apotheker führen Sicherheitsbedenken an

Das Blümle-Argument ist nicht unbekannt in der Auseinandersetzung um die künftige Gestaltung der Vertriebswege: Die Arzneimittelsicherheit sei gefährdet, so tönt es massenweise aus den Reihen der Verfechter des „Weiter wie bisher“, wenn der traditionelle Vertriebsweg über die Präsenz-Apotheke verlassen oder auch nur alternative Wege eröffnet werden. Als zweites Argument nennen die Beharrenden die Beratung der Apothekenkunden durch das geschulte Personal oder den Apotheker persönlich. Auch dies, so die Horrorszenarien der Verteidiger des Status quo ante in Sachen Apotheke, sei nicht mehr möglich, wenn Konzepte sich durchsetzten, die den Verbrauchern erlaubten, ihre Arzneimittel an der Präsenz-Apotheke vorbei zu beziehen.

Zwar führen Apotheker ihre Kunden und deren Wunsch und Anrecht auf nicht nur fachlich gute, sondern auch individuelle Beratung unter Wahrung der Intimsphäre und des Datenschutzes gegenüber anderen Kunden ständig im Munde, aber die Realität sieht vielerorts anders aus: Die Apotheken haben die Beratungsdienstleistung in ihrer vollen Dimension gerade erst entdeckt und bemühen sich nun per Modellversuch darum, die bisher keineswegs zufriedenstellende Beratungssituation in deutschen Apotheken endlich zu verbessern.

Einen schweren Schlag in Sachen Beratung musste die Präsenz-Apotheke Ende November einstecken: Die Prüfer des ZDF-Wirtschaftsmagazins WiSo kamen zu dem Ergebnis, dass es gravierende Beratungsmängel gebe – der glänzende Lack des Verteidigungsarguments der Präsenz-Apotheker hatte Schrammen.

„Das beste Mittel gegen teuer“

Ein völlig anderes Konzept verfolgt die schnell wachsende Kette der easyApotheken. Schon der Wahlspruch, mit dem die „Einfach-Apotheken“ für sich werben, macht klar, worum es geht: „Das beste Mittel gegen teuer“ stammt eindeutig aus dem Sprachgebrauch der Einzelhandels- Discounter. Und genau darum handelt es sich beim easy- Konzept: Im Mittelpunkt steht das Discountprinzip, erläutern die Gründer Oliver Blume und Jörg Paulmann, die das Unternehmen mit Stammsitz in Hildesheim 2004 zunächst als Internet-Apotheke für den Arzneimittelvertrieb über die Internetplattform ebay aufgebaut hatten.

Im Dezember 2006 ging dann ihre erste easy-Discount- Apotheke in Dresden an den Start. Rund ein Jahr später gab es – vielfach gegen den erbitterten Widerstand der Konkurrenz vor Ort – bereits elf easyApotheken in Deutschland, und weitere rund 50 Standorte befinden sich nach Angaben des Unternehmens in der Entwicklung.

Das easy-Konzept ist, wie es der Name verheißt: einfach. Das in anderen Branchen längst übliche und in allen easyApotheken umgesetzte Discountprinzip ist die Kernbotschaft. Es ermögliche für die Kunden, so die easy-Zentrale, Preisreduzierungen von bis zu 50 Prozent für rezeptfreie Ware. Die Kostenvorteile würden im Wesentlichen durch konsequente Einsparungen über alle Prozesse und Zeitabschnitte hinweg erreicht. So werde zum Beispiel auf eine kostenlose Zugabe von Proben, Rabattkarten und der sonst in Apotheken üblichen Kundenzeitschrift verzichtet.

Zudem sei der spezifische Discount-Ladenbau erheblich kostengünstiger als individuelle Einbauten. easy will kundenfreundlich sein. Beratung und Kassen sind getrennt. Check-Out-Kassen und Kommissionierautomaten ermöglichten die Konzentration des Fachpersonals auf den Kunden und würden die Vorteile eines aus der Drogerie gewohnten Freiwahlbereichs mit denen einer Apotheke mit Fachberatung im Sichtwahlbereich vereinen.

Kampfansage an die Präsenz-Apotheke

Indes versteht sich die easyApotheke durchaus als Marken-Apotheke. Dazu sollen neben einem einheitlichen Auftritt eine identische Innenraumgestaltung zu einem einfachen Systemmanagement und optimierte Prozessen beitragen. Die Ziele des Apotheken-Discounters sind hoch. In den nächsten Jahren will easy mehrere hundert System-Apotheken auf dem deutschen Markt etablieren und Kunden zusätzlich per Versandhandels-Apotheke beliefern, die nach Möglichkeit auch Partner für Krankenkassen werden soll.

Eine offen deklarierte „Kampfansage an die Präsenz-Apotheke“, aber auch an Drogerieketten wie Schlecker und dm ist die Eröffnung des ersten Apotheken-Kiosks im Münchner S-Bahnhof Isartor. Seit Mitte November können die Kunden ihr Rezept am Online-Terminal des Apothekenportals Apotheke.de einscannen. Am nächsten Werktag, so das Versprechen des Apotheken- Kiosks, liegen die bestellten Medikamente im Briefkasten des Kunden.

Damit sparten die Kunden bis zu 30 Prozent im Vergleich zum Kauf in der Präsenz-Apotheke. Dr. Florian Korff, der Geschäftsführer der Apotheke.de Portal GmbH, hat mit seinen Kiosken große Pläne: Bis zu 50 davon will er innerhalb des kommenden halben Jahres an deutschen Bahnhöfen eröffnen und so die Konkurrenzsituation zur Präsenz-Apotheke verschärfen, denn „starre Öffnungszeiten und überhöhte Preise passen nicht mehr zum heutigen Käuferverhalten“. Korff prophezeit der Branche einen Schrumpfungskurs ohne Beispiel: Von den derzeit knapp 21 400 Apotheken, so seine Vorhersage, blieben in wenigen Jahren lediglich rund 14 500 übrig.

Das letzte Aufbäumen der Apothekerverbände?

Die Apotheken-Kioske basieren auf einem Franchisesystem. Deshalb könnten vor Ort natürlich auch Präsenz-Apotheken ihren Kiosk aus dem Apotheke.de-Angebot eröffnen und betreiben. Apotheke.de-Pressesprecher Jan-Ulrich Bittlinger: „Die heutige Präsenz-Apotheke gehört der Vergangenheit an.“ Die Lobbyarbeit der Apothekerverbände sei lediglich das letzte Aufbäumen vor dem Zusammenbruch.
Wie steht es am Online-Kiosk um die von den Verteidigern der bisherigen Vertriebswege von Arzneimitteln immer wieder angeführte Beratung? Diese, so lautet die Antwort, erfolge bei den Apotheken-Kiosken über ein Gesundheitsprofil des Kunden. Dafür stünden dann approbierte Apotheker per Telefon und E-Mail zur Verfügung, heißt es von Apotheke.de.

Auch die Drogerieketten Schlecker und dm hatten angekündigt, in ihren jeweiligen Filialnetzen Rezeptsammelstellen einrichten zu wollen. Drogeriemarkt-Platzhirsch Schlecker hat darüber hinaus im Oktober bereits eine Pharmagroßhandels- Lizenz erhalten. Hiermit soll künftig Pharmagroßhandel für Drogerieketten möglich werden. Zusätzlich bereitet Schlecker die Errichtung einer Internet-Apotheke nach bewährtem Muster in den Niederlanden vor.
Der in der deutschen Drogerie-Hitliste auf Platz zwei rangierende Konkurrent dm sammelt dagegen in seinen gut 900 Filialen bereits Arzneimittelrezepte ein, die über die Europa-Apotheek in den Niederlanden eingelöst und ausgeliefert werden.

Warten auf Fall des Fremd- und Mehrbesitzverbots

Beide Gruppen warten ebenso wie der Pharmagroßhändler Celesio, der im April 2007 den Arzneimittel- Versandhändler DocMorris gekauft hatte, darauf, dass der Europäische Gerichtshof das in Deutschland geltende Fremdbesitzverbot aushebelt. Das beim Europäischen Gerichtshof (EuGH) anhängige Verfahren betrifft eine von DocMorris im Saarland übernommene Apotheke.

Aus Sicht der Apothekenvereinigungen ist das ein klarer Verstoß gegen das Fremdbesitzverbot. Das daraus entstandene Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof ist noch anhängig, doch erwartet wird, dass der EuGH sich wohl Mitte des nächsten Jahres der Rechtsauffassung des saarländischen Justiz- und Gesundheitsministers Josef Hecken anschließt und das deutsche Fremd- und Mehrbesitzverbot für Apotheken kippt.

Dies wäre dann der offizielle Startschuss für eine dramatische Veränderung der deutschen Apothekenlandschaft und das Signal für Celesio, seine Tochter DocMorris zum Aufbau einer eigenen Apothekenkette in Deutschland zu nutzen. Doch DocMorris wartet nicht, bis dies möglich wird – die Franchisekette wächst in schnellem Takt. Bis Ende November gab es in Deutschland bereits 100 DocMorris- Apotheken im Franchisesystem. Doch es werden wohl noch viel, viel mehr werden: DocMorris-Chef Ralf Däinghaus berichtete, dass sich – allen Warnungen der Apotheker- Organisationen zum Trotz – bereits mehr als 1 000 Apotheken als Partner beworben hätten. Die Zukunft der Apotheke hat, so scheint es, längst begonnen.
 

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