Trotz vielfach gegenläufiger Interessen hat es die Lebensmittelbranche geschafft, einheitlich aufzutreten. Ein nachahmenswertes Beispiel

Ob Hamburg, München, NRW: Die Gesundheitsbranche führt

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  • 01.04.2007
Ausgabe 4/2007

Gesundheits Wirtschaft

Ausgabe 4/2007

Ob im Revier, in München und in Hamburg oder andernorts in Deutschland: Längst ist die Gesundheitswirtschaft zu einer führenden Branche geworden, doch noch verstellen die alten Bilder den Blick auf die Wirklichkeit. Wir geben uns mit den Klischees nicht zufrieden, sondern zeichnen eine Skizze von der Zukunft, wie sie schon begonnen hat. Auf diesen Seiten lesen Sie die Beiträge unserer Korrespondenten aus Hamburg und München. Nordrhein-Westfalen ist unser aktueller Beitrag in der Serie über die Gesundheitswirtschaftsräume ab Seite 48 gewidmet.

Leinen los für Hamburg

Von Dr. Gabriele Rolfes

Hamburg ist Dynamik: Hafenkräne, hoch beladene Containerschiffe und luxuriöse Kreuzfahrtschiffe, wendige Barkassen und kraftstrotzende Schlepper. Selbst die Elbe fließt hier nicht einfach so dahin, sie wird von den Gezeiten bewegt. Über 150.000 Menschen aus Hamburg und dem Umland leben vom Hafen. Weitere 10.000 Arbeitsplätze will der Senat in den kommenden Jahren hier noch schaffen.

In dynamischen Bildern denkt auch der Wirtschaftssenator und fordert aktuell eine weitere Elbvertiefung, Tribut an den „gewaltigen Boom" von Containerriesen mit immer größerem Tiefgang, die die 100 Kilometer von der Elbmündung entfernt liegende Hansestadt als Umschlagplatznutzen wollen. Den Bau eines zweiten Kreuzfahrtterminals im Fischereihafen hat der Senat gerade angesichts der ungebremsten Nachfrage nach Liegezeiten für die Luxusliner beschlossen. 2009 soll es in Betrieb gehen. Für das Jahr 2010 erwartet die Hansestadt mit 326.000  Kreuzfahrtpassagieren eine Verdreifachung der gegenwärtigen Zahlen.

Dieses ruhe- und rastlose Wirtschaftsleben wird noch aus der Luft beflügelt. Die Flughafen Hamburg GmbH, an der die Stadt mit 51 Prozent die Mehrheit hält, zählt  13798 Beschäftigte und erzielt bei 168389 Flugbewegungen einen Um-satz von 223 Millionen Euro (Stand: 2006). In Finkenwerder sorgt die EADS mit ihrem Airbus-Werk für wirtschaftliche Dynamik. Und was geschieht zu Lande?

Zu Wasser, zu Lande, aus der Luft?
Hamburg entwickelt den Dienstleistungssektor seit Jahren weiter. Während die ehemals stark vertretene Versicherungswirtschaft schwächelt – die verantwortlichen Konzernsitze sind inzwischen größtenteils nicht mehr in der Hansestadt angesiedelt –, nimmt ein namentlich noch junger Wirtschaftszweig kräftig Fahrt auf: die Gesundheitswirtschaft, ein Begriff, der alle Akteure im Gesundheitsbereich, der Medizintechnik und -forschung sowie der Pharmaunternehmen eint.

Als zuständige Senatorin für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz bekannte sich die Zweite Bürgermeisterin Birgit Schnieber-Jastram (CDU) auf dem diesjährigen Gesundheitswirtschaftskongress im September in Hamburg ausdrücklich zur Innovationskraft der Gesundheitswirtschaft. Die Hansestadt habe seit 2001 einen Paradigmenwechsel vollzogen, er-klärte die Senatorin. Die Gesundheitsbranche werde nicht mehr nur als Kostenfaktor, sondern als „wichtiger Motor für Wachstum, Beschäftigung und Innovation verstanden", sagte die CDU-Politikerin.

Jährlich stelle Hamburg Investitionsmittel allein für die Kliniken von über 100 Millionen Euro zur Verfügung. Das entspreche einer Fördersumme von über 63 Euro pro Einwohner und sei „ein Spitzenplatz" unter den Bundesländern. Nach Aussagen von Staatsrat Dietrich Wersich ist das mehr als doppelt soviel wie Schleswig-Holstein und mehr als viermal so viel wie Niedersachsen an Investitionsmitteln für die Kliniken aufwenden.

Wer allerdings nach dem Stichwort „Gesundheitswirtschaft" auf den Internetseiten der Stadt Hamburg sucht, wird erst unter Begriffen wie „Wachsende Stadt" und „Life Science" auf beachtliche Informationen zu den Wachstumsperspektiven dieser Branche stoßen. Bereits 2004 lebten nach Angaben der Handelskammer Hamburg über 70.000 Menschen in Hamburg von Produkten oder Dienstleistungen der „Lebenswissenschaften".

Rund 210 Unternehmen dieser Branche erwirtschaften in Hamburg einen jährlichen Umsatz von 4,6 Milliarden Euro. 10.100 Menschen handeln mit pharmazeutischen, medizintechnischen und orthopädischen Produkten. Etwa  20.000 erbringen Dienstleistungen in der Pflege oder der Prävention. 25 Prozent der Patienten kommen von auswärts in die Hamburger Kliniken.

Die Stadt hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt: „Die LifeScience-Initiative hat das Ziel, die Metropole Hamburg durch Spitzenforschung, Spitzentechnologie und Spitzenversorgung für den und mit dem Patienten auszubauen und ihr ein international unverwechselbares Profil in den thematischen Schwerpunkten Neurobiologie, Endokrinologie, Alternsforschung und Biomechanik zu geben", heißt es unter www.hamburg.de.

In Kooperation mit den Universitätskliniken in Lübeck und Kiel sowie der gemeinsam mit Schleswig-Holstein betriebenen Life Science-Agentur Norgenta will Hamburg Gesundheitsdienstleistungen und Forschung zu einer neuen Qualität befördern: „Die Agentur soll strukturbildend wirken, vernetzen, vermarkten und auch finanziell fördernd tätig werden.

Zu den wichtigen und renommierten Branchenakteuren zählen Philips Medizin Systeme, Olympus Optical, Evotec OAI, Eppendorf AG, Eli Lilly, Indivumed und Artus sowie hoch qualifizierte Forschungseinrichtungen – insbesondere im Universitätsklinikum UKE  mit dem Zentrum für molekulare Neurobiologie, das Heinrich-Pette-Institut, das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin und die Arbeitsgruppe für strukturelle Molekularbiologie der Max-Planck-Gesellschaft", so die Aussagen auf den Internetseiten zur „Wachsenden Stadt".

Warum „Life Science" und „Gesundheitswirtschaft" in Hamburg bislang allerdings eher im Verborgenen blühen, bleibt rätselhaft, zumal Hamburg sich ausdrücklich als renommierte internationale Gesundheitsmetropole positionieren will. Bevor Themen dieses Genres von Malern in Öl festgehalten werden und die Stadt ihre ehrwürdigen Hallen damit schmückt, dürfte noch viel Wasser durch die Elbe fließen. Bis dahin erzählen die Monumentalgemälde im Festsaal des Hamburger Rathauses weiterhin nichts als die Geschichte des Hafens.

Dr. Gabriele Rolfes ist freiberufliche Redakteurin in Hamburg.

Masterplan für München: Oans, zwoa – G'sundheit

Von Klaus Schmidt

Das 174. Oktoberfest in der bayerischen Metropole endete mit einer stolzen Bilanz: 6,2 Millionen Besucher tranken 6,7 Millionen Liter Bier. Die Sanitäter des Bayerischen Roten Kreuzes mussten auf der Wiesn knapp 8000 Patienten behandeln. Münchens führende Branche, die Gesundheitswirtschaft, ist eben überall präsent.
BMW beschäftigt an seinem Hauptsitz München 29.000 Mitarbeiter. In der Gesundheitswirtschaft sind es in der Region München 140.000 Erwerbstätige.

Das zeigt eine Untersuchung des Instituts für Gesundheitsökonomik (IfG), die dessen Direktor, der Gesundheitsökonom Professor Günter Neubauer, schon vor drei Jahren im Auftrag der Stadt München vorgelegt hat. Damit arbeiten 11,5 Prozent der Erwerbstätigen in der Region in der Gesundheitswirtschaft. In der Landeshauptstadt selbst waren es zwölf Prozent. Deutschlandweit ist jeder Neunte (elf Prozent) in der Gesundheitswirtschaft tätig, denn diese Branche dominiert nicht nur in den Metropolen.

Jeder sechste Arbeitsplatz in der Gesundheitsbranche
Bei Banken und Versicherungen arbeiten im Raum München 9,0 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, in der Automobilindustrie 7,3 Prozent, für die Medien 5,3 Prozent, in der Branche Information und Kommunikation 5,1 Prozent und im Hotel- und Gastgewerbe lediglich 3,9 Prozent. Nimmt man noch die Beschäftigten aus anderen Sektoren hinzu, die Leistungen an Gesundheitseinrichtungen abgeben, dann zeigt sich laut Neubauer, dass mehr als jeder sechste Arbeitsplatz in München direkt oder indirekt von der Gesundheitswirtschaft abhängig ist.

Der Anteil der Gesundheitswirtschaft an der Bruttowertschöpfung im Untersuchungsraum München betrug mit 9,1 Milliarden Euro etwa 9,1 Prozent der gesamten Bruttowertschöpfung in der Region. Im gesamtdeutschen Schnitt trägt die Branche sogar 10,7 Prozent zur Wertschöpfung bei. Unterstützt durch das IfG sowie die Industrie- und Handelskammer stellt München einen „Masterplan Gesundheitswirtschaft" auf.

Die Stadt nimmt sich den Masterplan von Nordrhein-Westfalen zum Vorbild, der im Wesentlichen vom Institut für Arbeit und Technik, Gelsenkirchen, entwickelt worden ist. Dessen Modell besteht aus vier konzentrischen Ringen: Im Mittelpunkt steht der Patient, um den herum sich das Leistungsgeschehen abspielt.

1. Den ersten Ring bilden ambulante und stationäre Versorgung mit den personal- und beschäftigungsintensiven Krankenhäusern und Praxen der niedergelassenen Ärzte. Die Stadt München verfügt über mehr als 12.000 Krankenhausbetten, und mit 390 Einwohnern pro niedergelassenem Arzt hat die Stadt bundesweit die höchste Arztdichte. Weltweit liegt sie nach Tel Aviv an zweiter Stelle.

2. Vorsorge- und Reha-Einrichtungen, öffentlicher Gesundheitsdienst, Praxen nicht-ärztlicher medizinischer Berufe, Apotheken sowie ambulante, teilstationäre und stationäre Pflegeeinrichtungen bilden den zweiten Ring. 

3. Der dritte Ring umfasst die Vorleistungs- und Zulieferindustrien, die Health Care Industries, das Gesundheitshandwerk sowie den Handel mit Gesundheitsprodukten.

4. Im vierten Ring finden sich die Randbereiche der Gesundheitsbranche wie Wellness, Sport- und Freizeit, Altenpflege und betreutes Wohnen.

Die Universitätskliniken, das Städtische Klinikum München mit vier Großkrankenhäusern und 70 gemeinnützige und private Kliniken begründen den Ruf Münchens als Kompetenzzentrum für Gesundheit. Unter den Patienten, die von der staatlichen Gesundheitsversorgung der Vereinigten Arabischen Emirate zu einer Behandlung nach Deutschland geschickt werden, hat München einen Marktanteil von etwa 60 Prozent. Patienten aus Russland stellten die zweitgrößte, wachsende Gruppe von „Gesundheitstouristen".

Spitzenstandort für Pharma und Biotechnologie
Darüber hinaus ist die Region München mit fast 300 Unternehmen und acht renommierten Forschungseinrichtungen einer der Spitzen-Standorte für die Biotechnologie- und Pharmaindustrie in Europa. Mit einem Umsatz von knapp neun Milliarden Euro im Jahr 2005 und über 25.500 Beschäftigten in Wirtschaft und Wissenschaft leistet diese Branche einen erheblichen Beitrag zur Wirtschaftskraft des Standorts. Zur Biotechnologie-Branche zählen nach einem Gründungsboom Ende der neunziger Jahre zurzeit etwa 115 Unternehmen.

Diese forschen und produzieren in Vernetzung mit dem Max-Planck-Institut für Biochemie, den beiden großen Münchner Universitäten sowie an-deren Einrichtungen. Auch die großen Pharmaunternehmen mit Niederlassungen im Münchner Raum – etwa GlaxoSmithKline, Baxter, Roche oder Bristol – tragen zu den 3.000 Beschäftigten in der Biotechnologie bei. Der Campus Martinsried wächst dynamisch. Er zählt mehr als 40 Biotech-Unternehmen, darunter MediGene oder MorphoSys. Rund um die Biotechnologie- und Pharmaunternehmen hat sich eine entsprechende Infrastruktur an Beratern, Zulieferern, Handelsunternehmen und sonstigen Dienstleistern bis hin zu Venture Capital Gesellschaften etabliert.

14000 Beschäftigte allein in der Medizintechnik
Im Unterschied zur noch jungen Biotechnologie-Branche sind die meisten der Münchner Pharmaunternehmen schon lange in der Region ansässig. Durch die Übernahme von Hexal durch Sandoz und die Verlagerung des Unternehmenssitzes nach Holzkirchen wurde die Region zum Standort des weltweit zweitgrößten Generika-Herstellers. Im Raum München sind rund 200 Firmen in der Medizintechnik tätig.

Sie beschäftigen 14.000 Mitarbeiter. Giesecke & Devrient, Siemens, T-Systems, GE Healthcare Information Technologies, Oracle sind die großen Namen der Informations- und Kommunikationstechnologie in Medizin und Gesundheitswesen. Schließlich gibt es die Brauwirtschaft, die dafür sorgt, dass die Bayern mit einem gesunden, weil reinen Grundnahrungs-mittel versorgt werden, und dass die Gesundheitswirtschaft auch auf der Wiesn Konjunktur hat.

Klaus Schmidt ist freier Journalistin für Gesundheitspolitik in München.

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