Die Hamburger Martini-Klinik hat Spitzenmedizin zur Geschäftsgrundlage entwickelt

Spitzenmedizin wird zur Marke

  • Strategie
  • Unternehmen & Markt
  • 01.02.2007
Ausgabe 2/2007

Gesundheits Wirtschaft

Ausgabe 2/2007

Wenn das Leben bedroht ist, verlangen die Patienten nach Spitzenmedizin. Sie halten Ausschau nach einer „Marke", die ihre Hoffnung erfüllt. Dafür sind sie auch bereit, zu bezahlen. Die Martini-Klinik am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf hat Spitzenmedizin zur Geschäftsgrundlage und zur Marke entwickelt.

Der Routineweg zur Gründung einer medizinischen Einrichtung sieht so aus: Man umreißt ein Angebot, das um-fangreiche Nachfrage und Einkünfte verspricht, man baut oder mietet die notwendigen Räume, und man stellt ein Team zusammen, das die entsprechenden Leistungen anbieten kann. Und dann hofft man auf ausreichende Patientennachfrage.

Im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) ging das ganz anders. Dort arbeitete im Hause der Urologischen Klinik ein Team von Weltrang, für dessen Leistungen es eine mehr als ausreichende Nachfrage gab, das aber wegen der Budgetierung viel weniger Patienten versorgen durfte, als es konnte.
„Denn bei allen Leistungen, die das Budget überschreiten, bekommen wir nur 35 Prozent der Kosten erstattet. Wir konnten zusätzliche Patienten also nur unter Selbstzahlern, Beamten mit Beihilfeleistungen und Ausländern gewinnen. Also entschlossen wir uns zur Gründung der Martini-Klinik", sagte der Geschäftsführer der Klinik, Dr.Michael Moormann, dieser Zeitschrift.
 
Die Klinik wollte sich für die Zukunft positionieren

Hintergrund war eine Portfolio-Analyse des UKE, die dazu diente, Schwächen zu eliminieren und das Klinikum für die Zukunft neu zu positionieren, erklärte Unternehmenssprecher Mathias Goyen. „Diese Analyse diente vor allem dazu, wachstumswürdige Bereiche zu identifizieren. Das private Prostatakrebszentrum ist das erste innovative Produkt auf dem eigenen Gelände und ein reines Tochterunternehmen des UKE."

Die Einrichtung, benannt nach dem Hamburger Chirurgen Erich Martini (1843–1880), flankiert die angesehene Urologische Klinik des UKE unter Leitung von Professor Hartwig Huland. Huland ist wiederum gemeinsam mit dem Privatdozenten Dr. Markus Graefen Leiter der Martini-Klinik. In stilvollem und edlem, aber nicht pompösem Ambiente werden die Privatpatienten versorgt. Die Räume bieten Hotelcharakter, die Einzelzimmer Komfortbetten und Duschbad. „Es ist ein schönes Ambiente, aber wir haben keine goldenen Wasserhähne", sagt Moormann. „Es bleibt letztendlich ein Krankenhaus, und die Patienten kommen nicht hierher, um Urlaub zu machen."

Die Klinik ist nach amerikanischem Vorbild ausschließlich auf die Versorgung von Patienten mit Prostatakrebs spezialisiert. Das Prostatakarzinom ist nach Lungenkrebs unterdessen die häufigste bösartige Erkrankung beim Mann. Die Statistik verzeichnet Jahr für Jahr 40000 neue Fälle. Die Diagnose ist nicht nur lebensbedrohlich, sondern auch wegen der Auswirkungen auf Potenz und Kontinenz äußerst belastend. Allerdings ist nicht jeder Tumor aggressiv. Liegt die Geschwulst innerhalb der Vorsteherdrüse, betragen die Heilungschancen bis zu 90 Prozent. In diesen Fällen wird die Prostata operativ entfernt – ein Eingriff, den viele Patienten fürchten, aus Angst eben, Kontinenz und Potenz zu verlieren.

Das Eppendorfer Team ist spezialisiert auf eineNerv erhaltende Operationsmethode. Bleiben die Nerven beidseitig erhalten, liegt die Potenzrate je nach Fall und Alter trotz des Eingriffs zwischen elf und 76 Prozent. Auch die Neigung zur Harninkontinenz wird durch die Nervschonung gemindert und wird nach dem Eppendorfer Operationsverfahren bei rund 95 Prozent der Patienten vermieden.

Das Team an der UKE-Urologie und der Martini-Klinik hat im vergangenen Jahr mehr als 1000 radikale Prostatakrebs-Operationen durchgeführt. Damit gehören die beiden Kliniken zusammen zu den drei größten Zentren weltweit. Nur die Mayo-Klinik in Rochester und die Johns Hopkins Klinik in Baltimore (USA) erreichen ähnlich hohe Operationszahlen.

Zum weiteren Behandlungsspektrum im UKE und in der Martini-Klinik zählen die Brachytherapie, eine lokale Strahlentherapie von innen durch Implantation radioaktiver Partikel (Seed Implantation) oder Hochdosis-Bestrahlung durch Hohlnadeln, Hormon-Entzugs- und medikamentöse Therapie. Die Behandlungsmethoden werden maßgeschneidert auf die einzelnen Patienten, ihr Lebensalter und den Status der Erkrankung. Wissenschaft-liche Langzeituntersuchungen und Studien dienen als Fundamente der Behandlungsqualität.

Das Erfolgsmodell hat noch Wachstumspotenzial

Das Angebot der Behandlung im noblen Ambiente durch ein Spitzenteam hatte auf Anhieb Erfolg. Am 1. April 2005 startete die Einrichtung mit neun Betten und versorgte bereits im ersten Jahr 190 Patienten. Professor Jörg F. Debatin, Direktor des UKE, konnte sich im Startjahr bereits über einen Umsatz von 2,4 Millionen Euro freuen, den seine Klinik-Tochter realisierte.

2006 behandelte das Team in inzwischen 16 Betten 458 Patienten und erwirtschaftete einen Umsatz von 5,1 Millionen Euro. In diesem Jahr sollen 600 Männer mit Prostatakrebs versorgt werden. Der Umsatz wird abermals steigen. Weitere neun Betten kommen hinzu, notiert Geschäftsführer Dr. Michael Moormann. „Unser Konzept, nach amerikanischem Vorbild eine Spezialklinik nur für die Diagnose und Behandlung von Prostatakrebs einzurichten, geht voll auf."

Die Marke Martini-Klinik wirbt vor allem mit der medizinischen Spitzenleistung von Huland und seinem Team. „Natürlich erwarten Privatpatienten ein besonderes Ambiente. Aber letztlich kommen sie wegen der bestmöglichen Behandlung".

Dabei profitiert die Martini-Klinik durch ihre Lage auf dem Gelände des UKE nicht nur durch die Nachbarschaft des breiten Spektrums an Fachrichtungen, sondern auch von den aktuellen Entwicklungen der Medizin und Forschung und dem Zugriff auf große Daten-, Gewebe- und Serenbanken. Das ärztliche Spezialistenteam um Huland und Graefen ist neben der Krankenversorgung wissenschaftlich tätig und zählt zu den renommiertesten Wissenschaftlern in der Erforschung des Prostatakarzinoms in Europa. Die Erkenntnisse aus Studien und Forschungsarbeit fließen zügig in die Therapiekonzepte ein.

So untersucht aktuell eine multizentrische Studie, ob durch die regelmäßige Gabe eines vorbeugenden Medikaments (Bisphosphonat) die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Knochenmetastasen verringert werden kann. Die Untersuchung richtet sich an Patienten, die aufgrund ihrer Tumorkonstellation ein erhöhtes Risiko haben, Knochenmetastasen zu entwickeln. Eine weitere, weltweit angelegte Studie untersucht seit 2005, ob durch Medikamente die Erektionsfähigkeit nach Nerv schonender Operation unterstützt werden kann. Die klinische Leitung für Deutschland liegt bei Graefen.

Die Teilnahme der Eppendorfer Spe-zialisten an den weltweit wichtigsten Kongressen sichert zudem auch auf internationaler Ebene einen Austausch an neuesten Erkenntnissen.

Die Patienten reisen aus aller Welt an

Die Patienten der Martini-Klinik reisen aus Griechenland, der Schweiz, Österreich, Russland, der Ukraine, den USA und den Vereinigten Ara-bischen Emiraten an. Nach dem Nerv schonenden Eingriff durch die Bauchdecke beträgt die Verweildauer in der Privatklinik sechs Tage. „Die hohe Zahl an Prostatakrebs-Operationen an UKE und Martini-Klinik beweist eindrucksvoll, dass betroffenen Männern Erfahrung und Sicherheit ihres Operateurs sehr wichtig sind. Wegen dieser Erkrankung muss man nicht in die USA fahren", sagte Huland.

Unterdessen haben UKE und Mar-tini-Klinik den Wirkungskreis der Einrichtung erheblich ausgeweitet. Einerseits haben die ersten Ersatz-kassen wie die DAK ihren Versicherten über einen Integrationsvertrag die Möglichkeit eröffnet, die Expertise der Martini-Klinik zu nutzen. Andererseits bietet die Klinik als neuen Service ihrer renommierten Experten unter der Marke Martini-Konsult Patienten mit der Diagnose Prostatakrebs eine Zweitmeinung zu ihrer Diagnose und Therapie.

Die Spezialisten der Klinik haben sich mit anderen Fachärzten des UKE zu einem Tumor-Board zusammengeschlossen. Ziel ist es, den Kranken, die oft nicht beurteilen können, welche Therapie ihnen die besten Chancen verheißt, fachliche Unterstützung zu bieten. „Mit Martini-Konsult Zweitmeinung werden wir der Tatsache gerecht, dass die Martini-Klinik zu den führenden Zentren für die Behandlung des Prostatakarzinoms weltweit gehört. Dieses Angebot ist bislang europaweit einmalig und bietet Patienten völlig neue Möglichkeiten, sich von unserem neunköpfigen Expertenteam aus allen relevanten Fachgebieten eine zweite Meinung geben zu lassen. Das schafft Wissen und Sicherheit", erklärt UKE-Chef Debatin das Projekt.

Die Fachleute erstellen auf Wunsch des Patienten ein individuelles Gutachten, das aus zwei Teilen besteht: der pathologischen Expertise mit der Untersuchung des früher entnommenen Tumorgewebes und dem klinischen Gutachten. Beide Dokumente erläutern dem Patienten passende Therapieoptionen, Heilungschancen und Risiken. Das pathologische Gutachten kostet maximal 300 Euro, das klinische 400 bis 600. Beide werdennach der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) berechnet.

Die Deutsche Gesellschaft für Urologie und der Berufsverband der Deutschen Urologen missbilligen dieses Angebot des Expertenwissens. Sie sehen die „Gefahr der Verunsicherung von Patienten" und halten das Gutachten für „überflüssig". Begründung: „Die niedergelassenen Urologen nehmen ständig an Fortbildungsveranstaltungen teil, um bei der unüberschaubaren Anzahl von Veröffentlichungen die Pa-tienten immer auf dem neuesten medizinischen Stand umfassend und kompetent zu informieren."

Autor

Ähnliche Artikel

Unsere Zeitschriften

f&w
Pflege und Krankenhausrecht

Kontakt zum Kundenservice

Rufen Sie an: 0 56 61 / 73 44-0
Mo - Fr 08:00 bis 17:00 Uhr

Senden Sie uns eine E-Mail:
info@bibliomedmanager.de

Häufige Fragen und Antworten finden Sie im Hilfe-Bereich