Skandinavische Investoren drängen auf den europäischen Gesundheitsmarkt

Die Schweden kommen

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  • 01.02.2007
Ausgabe 2/2007

Gesundheits Wirtschaft

Ausgabe 2/2007

Die Schweden kommen. Mit diesem Schreckensruf reagierten im Dreißigjährigen Krieg Truppen wie Zivilbevölkerung auf das Auftauchen schwedischer Soldaten. Der Wortlaut ist geblieben, doch der Inhalt hat sich gänzlich verändert: Heute stürmen skandinavische Investoren vor allem auf dem europäischen Gesundheitsmarkt voran. Die GesundheitsWirtschaft sprach über diesen Trend mit dem schwedischen Berater Patric Källman, der große Investmentgesellschaften bei ihren Akquisitionen unterstützt.

? Capio, Gambro, Mölnlycke – mehr und mehr Gesundheitsunternehmen werden von Investoren aus Skandinavien gekauft, speziell von schwedischen Investoren. Ist das ein Trend, und welche Gründe gibt es für diesen Trend?

Källman: Schweden hat eine lange Tradition im Bereich Gesundheit. Wir haben mehr Bio- und Medtech-Unternehmen pro Kopf der Bevölkerung als alle anderen Länder auf der Welt. In den vergangenen Jahren haben sich dann auch private Gesundheitsversorger entwickelt. Wir hatten bis vor Kurzem eine sozialdemokratische Regierung in Schweden – die gegen private Initiativen im Gesundheitssektor eingestellt war.

Doch das schwedische Gesundheitssystem ist stark dezentralisiert, und die Verantwortung für das Gesundheitswesen liegt hauptsächlich bei den regionalen Provinziallandtagen. Dort sind die Politiker sehr pragmatisch und suchen nach Lösungen, die eine gute Gesundheitsversorgung für die Bevölkerung ermöglichen. Die Konsequenz daraus ist, dass sich während der vergangenen zehn bis 15 Jahre eine Reihe von privaten Gesundheitsunternehmen etablieren konnte.

Man muss im Hinblick auf die Frage auch Schwedens lange industrielle Tradition berücksichtigen: Schweden ist ein kleines Land, und wir sind es gewohnt, unsere wirtschaftlichen Aktivitäten sehr früh zu globalisieren. Das kann man nun auch auf dem Gesundheitssektor beobachten, wo schwedische Unternehmen wie Capio zu den wenigen existierenden paneuropäischen Gesundheitsversorgern zählen. Auch die wichtigsten Investment-Gesellschaften arbeiten natürlich mit einer internationalen Perspektive.

? Bedeutet dieser Trend auch, dass internationale Investoren herausgefunden haben, dass der Gesundheitsmarkt wirklich ein ökonomisch lohnender Markt ist – nicht nur im Bereich der pharmazeutischen Industrie?

Källman: Ich bin überzeugt davon. Tatsächlich sind etliche schwedische Gesundheitsversorger von internationalen Venture Capital-Unternehmen gekauft worden. Das Gesundheitswesen ist kein Markt, auf dem man signifikantes Wachstum in einzelnen, speziellen Teilbereichen erwarten kann, aber der Gesundheitsmarkt ist weltweit das größte Wirtschaftssegment. Die realen Chancen entstehen, wenn die Gesundheitssysteme Veränderungen durchmachen, die es privaten Gesundheitsanbietern erlauben, die öffentlichen Versorger herauszufordern.

? Warum sind dabei besonders Investoren aus Skandinavien so aktiv?

Källman: Ausschlaggebend ist dabei die Entwicklung auf dem skandinavischen Markt selbst. Wie ich sagte: Wir haben eine lange Tradition in der Entwicklung der Medizin-Industrie: Medtech, Biotech, Pharmazie und so weiter. Aber der tatsächliche Treiber während des vergangenen Jahrzehnts waren die Veränderungen in der Politik.

Es gab Fehlschläge und Mängel in der schwedischen Gesundheitsversorgung, die dazu geführt haben, dass die Provinziallandtage das bis dahin gültige Modell der ausschließlich öffentlichen Produktion von Gesundheitsversorgung teilweise durch formale Privatisierungen, durch das Testen von Marktmechanismen und Privatisierung abgelöst haben. Die Provinziallandtage haben begonnen, zwischen ihrer Rolle als Gesundheitsversorger und als Einkäufer von Gesundheitsleistungen zu differenzieren. Dies hat den verfügbaren Markt für private Gesundheitsversorger natürlich ausgeweitet.

? Muss man unter Investmentgesellschaft immer ein Private Equity-Unternehmen verstehen, das ein übernommenes Unternehmen nach fünf bis sieben Jahren mit hohem Gewinn verkaufen will?

Källman: Nicht notwendigerweise. In Schweden gibt es eine Tradition des langfristigen Besitzes von industriellen Anlagen. Die Unternehmen Mölnlycke und Gambro zum Beispiel wurden kürzlich von unterschiedlichen Teilen des Wallenberg-Imperiums übernommen. Die Wallenberg-Gruppe – mit Investor AB als wichtigstem Investment-Unternehmen – investiert in das gesamte Spektrum der Reife, von frühen Investments bis hin zu etablierten Unternehmen. Manche Investments werden nach wenigen Jahren deinvestiert, andere können für mehrere Jahrzehnte im Portfolio gehalten werden.

? Capio war zu Beginn ein Fonds – gebildet aus öffentlichen Geldern. Dann entwickelte sich daraus einer der größten Player auf dem europäischen Gesundheitsmarkt. Nun ist Capio von einem Risk Capital-Unternehmen aufgekauft worden. Ist das eine typische Entwicklung für Skandinavien oder ein Einzelfall?

Källman: Ja und Nein. Skandinavien ist vergleichbar mit Frankreich, wo der öffentliche Besitz von großen Industrieunternehmen oder ganzen Industrien ebenfalls üblich ist. Aber zur gleichen Zeit sind viele Bereiche, wie zum Beispiel das Gesundheitswesen, dereguliert worden. In Deutschland hat es traditionell ein sehr viel stärker differenziertes Gesundheitswesen als in Schweden gegeben, aber ich glaube, dass die Veränderungen, die das deutsche Gesundheitswesen etwa durch die Implementierung des DRG-Systems derzeit durchlebt, neue Business-Chancen schafft – sehr vergleichbar mit der Situation, die wir in Schweden gesehen haben.

? Erwarten Sie, dass die Investitionen, die in den vergangenen Jahren zu beobachten waren, auch die Leistungsanbieter im Gesundheitswesen erreichen werden? Oder wird der Schwerpunkt auch künftig auf Pharma und Medtech liegen?

Källman: Diese Verschiebung der Investitionen in Richtung auf Leistungsanbieter im Gesundheitsmarkt ist bereits eingetreten, und ich glaube nicht, dass die Investoren zukünftig ihr Interesse daran verlieren werden. Die Bedürfnisse wachsen kontinuierlich, und neue Technologien werden entwickelt. Es ist eine begründete Annahme, dass die meisten eropäischen Länder in Zukunft einen etwas größeren Anteil ihres Bruttoinlandsproduktes für die Gesundheitsversorgung ausgeben werden. Dieser Anstieg wird durch eine wachsende Bereitschaft der Patienten unterstützt, einen bestimmten Anteil davon aus der eigenen Tasche zu bezahlen.
Andererseits wird dies natürlich auch das Geschäft für Pharma- und Medtech-Unternehmen begünstigen.

? Wie lange wird dieser Trend in Richtung auf mehr und höhere Investitionen in den Gesundheitsmarkt anhalten – können Sie dazu eine Einschätzung abgeben?

Källman: Der Grund dafür, dass viele Investoren zurzeit dem Gesundheitsmarkt eine erhöhte Aufmerksamkeit widmen, ist, dass auf mehreren europäischen Märkten größere Reformen und Veränderungen geschehen. Der verfügbare Markt wächst, und Veränderungen in der Vergütung von Gesundheitsdienstleistungen kreieren Gewinner und Verlierer. Ich denke, dass wir etwas Vergleichbares erleben werden wie auf dem Telekom- und IT-Sektor: Die Investmentchancen sind groß, wenn es Veränderungen gibt. Wenn die europäischen Gesundheitsmärkte weitgehend dereguliert worden sind und Besteller-Versorger-Rollen klarer definiert worden sind, wird die Geschäftsentwicklung traditioneller werden – mit organischem Wachstum oder Wachstum durch Akquisitionen.


Neue Wege in Richtung Akquisition auf den europäischen Gesundheitsmärkten

Vasco Advisers heißt das Beratungsunternehmen, das der Arzt und Ökonom Patric Källman nach anfänglicher Forschungstätigkeit und Leitungsfunktionen in der Pharma- und Biotech-Branche gegründet hat. Namensgeber war Vasco da Gama, der den Seeweg nach Indien gefunden und damit nicht nur neue Wege für die Seeschifffahrt aufgezeigt, sondern auch völlig neuartige Chancen für den europäischen Handel geschaffen hatte. Das in Stockholm ansässige Unternehmen berät unter anderem große Investoren und Investoren-Gruppen im Hinblick auf Akquisitionen auf den europäischen und weltweiten Gesundheitsmärkten.

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