Regionale Versorgung

"Krankenhäuser sind dafür die geborenen Ankerpunkte"

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"Krankenhäuser sind dafür die geborenen Ankerpunkte"
Helmut Hildebrandt © www.eventfotografen.ch

Regionale Akteure und Krankenhäuser müssen mehr Freiheiten erhalten, um lokale Präventions- und Versorgungslösungen zu entwickeln, fordert Helmut Hildebrandt. Für den Start sei eine neue Form der Anschubfinanzierung notwendig.

Herr Hildebrandt, die AOK will den Vertrag Gesundes Kinzigtal neu verhandeln. Welche Folgen hat das für dieses Versorgungsprojekt?

Hinter dieser Kündigung steckt ein ganz normaler Prozess. Gesundes Kinzigtal und die AOK arbeiten seit längerer Zeit daran, ihre Zusammenarbeit an die sich verändernden Rahmenbedingungen anzupassen. Da die Laufzeit des Vertrages unbefristet war, hat die AOK ihn vorsorglich gekündigt, aber auch bereits gesagt, dass es „erklärtes Ziel“ sei, den Vertrag weiterzuführen. Hintergrund der Neuverhandlungen ist zum einen der neue Regionalfaktor im Morbi-RSA. Er könnte für einige Krankenkassen, so auch für die AOK Baden-Württemberg, hohe Einnahmeverluste mit sich bringen – und würde durch die jetzige Konstruktion des IV-Vertrags auch die Gesundes Kinzigtal GmbH treffen. Ein weiteres Problem, das gelöst werden muss, sind die fehlenden Anreize im RSA, in Prävention zu investieren. Ein Thema, das bei weitem nicht nur für Gesundes Kinzigtal relevant ist und einer größeren Diskussion bedarf.

Wir werden übrigens in nächster Zeit wieder Evaluationsergebnisse zu „Gesundes Kinzigtal“ veröffentlichen. Eine wissenschaftliche Publikation zur Verschiebung des Eintritts von Pflegebedürftigkeit und zur Verschiebung des durchschnittlichen Sterbealters – beides plausible Folge der Gesundheitsmanagement-Interventionen im Kinzigtal – wird im Herbst erscheinen. Die positiven wirtschaftlichen Ergebnisse für 2019 hatte die AOK ja schon mit 4,3 Millionen Euro veröffentlicht.

Viele fordern einen stärkeren Fokus auf die Region. Welche Rahmenbedingungen für regionale Versorgungsmodelle halten Sie für sinnvoll?

Ganz im Sinne der Ausführungen von Prof. Boris Augurzky in seinem Krankenhaus-Rating-Report: Wenn wir angesichts der Arbeitskräfteknappheit, der demografischen Entwicklung und der Unterfinanzierung der GKV für die nächsten Jahre zu einer Lösung kommen wollen, dann muss die zentralistische Detailregelung aus Berlin zugunsten größerer regionaler Freiheiten aufgegeben werden. Regionale Akteure und Krankenhäuser sind dafür besonders wichtig, aber auch Kommunen müssen mehr Freiheiten erhalten, sinnvolle lokale Präventions- und Versorgungslösungen zu entwickeln. Sie müssen Konsortien für „Innovative Gesundheitsregionen“ bilden dürfen, um mit Krankenkassen populations- und outcomeorientierte Verträge abzuschließen. Sie sollten dafür anonymisierte Regionaldaten zur Verfügung erhalten, damit sie wissen, welche Besonderheiten es in ihrer Region gibt, und damit sie die Versorgung laufend überprüfen und weiterentwickeln können. Für den Start brauchen wir eine neue Form der Anschubfinanzierung, außerdem muss es einen ökonomischen Rahmen geben, der diejenigen belohnt, die wirklich zugunsten der Patienten einen Gesundheitsnutzen schaffen.

Wie kann das gelingen?

Zwischen den Krankenkassen muss es einen viel stärkeren Wettbewerb um Versorgungsergebnisse geben. Dadurch hätten sie auch einen größeren Anreiz, Verträge mit denjenigen abzuschließen, die den größten Gesundheitsnutzen schaffen. Gleichzeitig müssten sie aber von den Restriktionen befreit werden, die sie durch ihre Aufsichten beim Abschluss solcher Verträge haben. All diese Punkte haben wir gemeinsam mit 18 anderen Autoren in unserem Zukunftskonzept aufgegriffen und Lösungsansätze zur Diskussion gestellt.

Werden Krankenhäuser bei neuen Versorgungsmodellen eine größere Rolle spielen?

Schon bei der Einführung der Integrierten Versorgung im Jahr 2000, als ich selbst als Sanierungsgeschäftsführer für Krankenhäuser Verantwortung hatte, habe ich gesagt, dass Krankenhäuser die geborenen Ankerpunkte für solche neuen Versorgungslösungen sind. Sie haben die medizinischen, pflegerischen und administrativen Kompetenzen und durch das KHZG haben sie jetzt auch gewisse Investitionsmittel, um die lokale digitale Vernetzung mit den anderen Akteuren aufzusetzen. Die Herausforderung ist nur, dass das DRG-System die Krankenhäuser dazu verführt hat, sich um immer mehr Fälle zu kümmern, statt sie für die Übernahme einer intelligenten Organisation des lokalen Gesundheitswesens finanziell zu belohnen. Das erfordert andere vertragliche Fähigkeiten und ein stärker gesundheitswissenschaftliches Knowhow, außerdem ein sehr filigranes Management. Aber das haben wir ja in den letzten 20 Jahren umfangreich aufgebaut und setzen das auch aktuell genau so mit Krankenhäusern – ob kommunal, privat oder sogar universitär – jetzt in die Praxis um. Ich sehe das als ein Zukunftsmodell für Krankenhäuser und als eines, was ihnen auch hilft aus der Falle zu kommen, die das DRG-System ihnen geschaffen hat.

 

Mehr zum Thema auch in unserem Podcast:

Autor

 Florian Albert

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