Blitzumfrage zur Mehrwertsteuersenkung

Großer Schnäppchenalarm oder bloßer Mehraufwand?

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Großer Schnäppchenalarm oder bloßer Mehraufwand?
© GettyImages/ Kwangmoozaa

Die Kliniken stehen aktuell vor riesigen Aufgaben: Sie müssen die Corona-(Mehr)Kosten stemmen, kurzfristig beschaffte Geräte und Produkte sinnvoll weiternutzen, ihre Leistungen unter erheblich erschwerten Bedingungen wieder hochfahren. Gleichzeitig sollen sie rasch die roten Zahlen verlassen. Dies aus eigener Kraft zu stemmen, wird schwer. Die zum 1. Juli 2020 beginnende temporäre Senkung der Mehrwertsteuer könnte da eine willkommene Unterstützung für das Gesundheitssystem sein. Ist sie das wirklich?

Kritiker bemängeln, die Mehrwertsteuersenkung sei für den Klinikeinkauf gerade jetzt eine massive zusätzliche Arbeitsbelastung. Diese stehe im Widerspruch zum Nutzen – und das in Zeiten einer tiefgreifenden Krise, in der die Kliniken mehr als genug damit zu tun haben, die Versorgung des regulären medizinischen Betriebs sicherzustellen und gleichzeitig die zusätzlichen Abteilungen für COVID-19-Erkrankte adäquat weiter zu betreiben – inklusive Forecasts, Wirtschaftsplanung und Beschaffung.

Wie schätzen Kliniken und ihre Geschäftspartner aus der Industrie den Effekt der Mehrwertsteuersenkung ein? Eine Blitzumfrage sollte ein Meinungsbild wiederspiegeln. Sana Einkauf & Logistik hat dafür Geschäftsführer und Einkaufsleiter von mehr als 360 Kliniken in Deutschland sowie Key Account Manager von rund 150 Unternehmen der Medtech- und Pharmabranche angeschrieben.

Insgesamt 66 Antworten gingen innerhalb von vier Tagen ein. Davon kamen 40 aus Kliniken und aus 26 Unternehmen. Der These „Die Mehrwertsteuersenkung ist für meine Einrichtung insgesamt vorteilhaft“ widerspricht die Hälfte der Teilnehmenden (52 Prozent). Dagegen sehen 36 Prozent der Antwortenden Vorteile in der Mehrwertsteueranpassung. 12 Prozent können zum derzeitigen Zeitpunkt (noch) keine eindeutige Beurteilung abgeben. Für sie sind die tatsächlichen Kosten noch nicht absehbar.

Jede Mehrwertsteuerveränderung der Vergangenheit war im Klinikeinkauf mit administrativem Aufwand verbunden. Entsprechend liegt es nahe, die Befragten um ihre Einschätzung des Aufwandes für die notwendigen Preisanpassungen zu bitten. Dabei ergibt sich folgendes Bild: Während 41 Prozent der Befragten mit einem moderaten Aufwand rechnen, stellt sich rund die Hälfte (48,5 Prozent) bereits jetzt auf eine hohe zusätzliche Belastung ein. Nur fünf Befragte (10,5 Prozent) sehen mit der Mehrwertsteuersenkung einen geringen Mehraufwand verbunden.

Wird die Mehrwertsteuersenkung das Kaufverhalten der Kliniken kurzfristig verändern? Das Ergebnis der Umfrage widerspricht dem eher: Insgesamt 59 Prozent der Antwortenden wollen keine Käufe verschieben, um den Effekt der Mehrwertsteuersenkung optimal zu nutzen. Knapp ein Drittel der Teilnehmenden (30 Prozent) plant dagegen, bestimmte Käufe gezielt zu verschieben. Sie begründen dies unter anderem damit, dass mögliche Kosteneinsparungen die Höhe der bereits jetzt genutzten Skontoeffekte erreichen könnten. Sieben Antwortende (das entspricht 10 Prozent) sind noch unschlüssig.

In welchem Bereich wird die Mehrwertsteuersenkung konkret in den nächsten sechs Monaten das Einkaufsverhalten der Einrichtungen verändern? Bei dieser offenen Frage wurden an erster Stelle geplante Bau- und Investitionsvorhaben genannt. Deren Abschluss soll 2020 forciert werden. Wenn das nicht möglich ist, dann sollen zumindest vorgezogene Teilabnahmen und -abrechnungen einen Prozentsatz des Investitionsvolumens in dieses Kalenderjahr verlagern. Mehrfach wird auch ein Vorratskauf kostenintensiver Verbrauchsgüter in Erwägung gezogen – obwohl das wiederum Kapital bindet.

Das Stimmungsbild zeigt, dass an der Schnittstelle von Klinikeinkauf und Industrie die Mehrwertsteuersenkung ein Thema ist und vor allem im Hinblick auf den Aufwand kritisch gesehen wird. Nur ein Teil der Gesundheitseinrichtungen sieht in der aktuellen Mehrwertsteuerabsenkung eine Chance, die eigene Wirtschaftlichkeit zu verbessern. Ob sie neben zahlreichen anderen unterstützenden Maßnahmen – die ebenfalls mit administrativem Aufwand verbunden sind – einen nachweisbaren Kosteneffekt für die Kliniken oder einen Konjunktureffekt für die Industrie hat, das dürfte schwer nachweisbar sein.

In jedem Falle erinnert uns die Mehrwertsteuerveränderung an eine andere wichtige Forderung: ein einheitlicher Mehrwertsteuersatz für alle Medizinprodukte und Arzneimittel mit sieben Prozent. Dieser wäre auch im Hinblick auf den Aufwand eine nachhaltig wirkende Erleichterung für das Gesundheitssystem. 

Autor

 Adelheid Jakobs-Schäfer

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