Künstliche Intelligenz (KI) verändert das Gesundheitswesen rasanter, als vielen bewusst ist. Auf dem DRG|FORUM in Berlin forderte Digitalisierungsexperte Sascha Lobo dazu auf, den Wandel aktiv zu gestalten – nur so könnten Kliniken von KI profitieren.
Kann man einer Künstlichen Intelligenz Gesundheitsdaten anvertrauen, wenn sie nicht einmal alle 16 Bundesländer korrekt aufzählt? Diese Frage stellte Digitalisierungsexperte und Autor Sascha Lobo in seiner Keynote am Freitag auf dem DRG|FORUM.
Sein Experiment wirkte simpel: Er forderte die aktuelle ChatGPT-Version auf, eine Deutschlandkarte mit den Umrissen und Namen der Bundesländer zu zeichnen. Das Ergebnis war – freundlich formuliert – ausbaufähig. Eine Pointe, die im Gesundheitswesen weniger zum Lachen anregt. „Das ist die mächtigste KI der Welt, der man Patientendaten anvertrauen will?“, fragt Lobo.
Alternative: Entwicklung überrollt uns
Doch Lobo beantwortet seine eigene Frage ohne Zögern: Ja, man muss. „Wir müssen uns ausprobieren“, sagt er. Lobo verweist auf Studien, nach denen große Sprachmodelle in der Notfalldiagnostik bereits eine Qualität erreichen, die an erfahrene Ärztinnen und Ärzte heranreicht – teils sogar darüber liegt. Das Beeindruckende daran: Die getestete KI war nicht einmal speziell für den klinischen Bereich trainiert.
Die Alternative wäre also, von einer Entwicklung überrollt zu werden, die gesellschaftlich längst vorausgesetzt wird. Schon heute messen Millionen Menschen Gesundheitsdaten mit KI‑gestützten Geräten. Sie tun es ohne ärztliche Begleitung, aber mit wachsendem Vertrauen in digitale Systeme.
Kliniken müssen ins Handeln kommen
Doch die Grenzen der Technologie liegen weiterhin entlang ihrer Lerndaten, ihres Kontextes und der Modellarchitektur. „Wenn ein Wert im Krankenhaus verrutscht, kann das essenziell sein“, warnt er. Deswegen müsse man daraufhin arbeiten, gesundheitsrelevante Daten ins Gesundheitssystem zu bringen, denn KI kann genau solche Daten messbar und auslesbar machen. „Diese Pflicht ist komplett unteradressiert“, so Lobo.
Zudem zeigt er auf, wie groß die Dynamik ist: Tech‑Konzerne wie Google investieren seit Jahren Milliarden in KI‑Forschung und sichern sich die klügsten Köpfe weltweit. Und doch hat Google, trotz guter Vorbereitung, irgendwann sein eigenes Geschäftsmodell als bedroht durch KI gesehen. „Wenn Google überrascht wird, dann ist es keine Überraschung, dass wir es auch sind“, sagt Lobo.
Wandel der Arbeitskultur nötig
Ein weiteres Beispiel: Robotik. Während frühe Roboter eher an kuriose Prototypen erinnerten, habe sich der Bereich der humanoiden Robotik rasant weiterentwickelt. Der Fortschritt in der Motorik sei enorm. Roboter könnten heute Bewegungsabläufe ausführen, die noch vor wenigen Jahren unmöglich wirkten. „Wir unterschätzen die Radikalität des Fortschritts“, sagt Lobo.
Was es jetzt brauche, sei ein Wandel der Arbeitskultur. Deutschland müsse ein „Ausprobieren“ lernen. „Wir müssen lernen, uns voranzuscheitern“, sagt er, – Fehler als notwendigen Schritt zu akzeptieren, um später stabilere Modelle und Prozesse zu entwickeln. Das Gelingen der großen KI-Transformation werde zudem eine Frage der Aus-, Fort- und Weiterbildung. Ohne Qualifizierung werde die KI‑Transformation jedoch scheitern. Lobo verweist auf China, wo KI ein reguläres Schulfach ist – inzwischen sogar in der Grundschule.
Die Folgen des Wandels seien deutlich: Junge Menschen nutzen KI‑Systeme wie ChatGPT als eine Art Lebensberater, zunehmend auch für Gesundheitsfragen. Lobo sieht darin Chance und Risiko zugleich. Kliniken müssten sich strategisch mit teilautomatisierten Diagnosesystemen beschäftigen und interne Prozesse systematisch durchgehen: Wo kann KI Effizienz schaffen, wo kann sie Qualität verbessern, wo ermöglicht sie völlig neue Arbeitsweisen? Wenn das Gesundheitssystem nicht sauber dafür aufgesetzt sei, werde ein Mechanismus greifen, den Lobo „KI‑Transformation von unten“ nennt. Mitarbeitende und Patienten nutzen dann KI einfach – nur nicht offiziell und nicht strukturiert.
KI-Teams und KI selbst führen
Sein Rat an Führungskräfte? „AI Leadership“ entwickeln. Das bedeutet, Teams zu leiten, die mit KI arbeiten – und letztlich auch die KI als Werkzeug selbst zu führen. In jeder Organisation gebe es Menschen, „die richtig Lust auf KI haben“. Man müsse sie finden und ihnen Raum geben, zu experimentieren. „Wenn man das tut – strukturiert und strategisch sinnvoll –, dann hat man den wichtigsten Schritt bereits geschafft“, sagt Lobo.
Und vielleicht wird die KI irgendwann auch alle Bundesländer fehlerfrei nennen. Aber bis dahin bleiben Führungskräfte im Krankenhaus gut beraten, selbst aktiv zu werden – bevor andere es für sie tun.



