Interview zum Thema Triage

"Niemand wird alleine gelassen"

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"Niemand wird alleine gelassen"
Prof. Dr. Holger Holthusen ist Medizinischer Direktor der Knappschaft-Kliniken

Im Verbund der Knappschaftskliniken gab es bislang noch keinen Triage-Fall, weder innerhalb noch außerhalb von Corona, sagt der Medizinische Direktor Prof. Dr. Holger Holthusen. Für den Ernstfall sei man aber vorbereitet.

Gab es Triage-Fälle bei Ihnen?

Wir hatten in unserem Verbund glücklicherweise noch keinen Triage-Fall, weder innerhalb noch außerhalb von Corona.

Wie gut ist das Personal auf die Situation vorbereitet?

Wir haben das Thema Triage schon gleich während der ersten Coronawelle aufgegriffen, als die Infektionszahlen sehr schnell stiegen und die Medien voll davon waren. Wir haben dann Informationsmaterial zusammengestellt, es an unsere Krankenhäuser versendet und die lokalen Ethikkommissionen gebeten, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Kurze Zeit später wurden ja dann auch die klinisch-ethischen Empfehlungen von sechs Medizinischen Fachgesellschaften und der Akademie für Ethik veröffentlicht. Auch diese haben wir als Diskussionsgrundlage allen zukommen lassen. Von Seiten der Hauptgeschäftsführung und der Medizinischen Direktion wurden bewusst keine Vorgaben gemacht. Dazu ist das Thema aus unserer Sicht zu sensibel. Die Ethikkommissionen haben sich dann sehr intensiv mit Triage beschäftigt. Somit können wir sagen, dass das Personal gut vorbereitet ist. Dennoch ist der Ernstfall immer noch etwas ganz anderes.

Wer sitzt in den Ethikkommissionen?

In den Ethikkommissionen sitzen Pflegekräfte, Ärzte, Vertreter aus den Kirchen, der Betriebsrat, die Pflegedirektion und ein Vertreter der Geschäftsführung. Also multiprofessionell, das muss auch so sein. Solche hochsensiblen ethischen Handlungsempfehlungen müssen von vielen entwickelt und getragen werden.

Welche Unterstützung bieten Sie dem Personal?

Zu unserem Knappschaftsverbund gehört die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Lütgendortmund. Diese hat zur Unterstützung von Belastungssituationen eine Anlaufstelle zur psychosozialen Krisenintervention eingerichtet und dazu ein rund um die Uhr erreichbares Corona-Krisentelefon geschaltet. Jeder Mitarbeiter der Knappschaft kann sich dort kostenfrei beraten lassen. In dem Erstgespräch wird entschieden, ob eine weitergehende Beratung  gewünscht oder erforderlich ist und ob diese persönlich, per Video oder telefonisch erfolgen soll. Ich bin sehr froh, dass wir dieses Angebot haben, denn ich weiß, wie hoch belastend die Arbeit auf der Intensivstation unter Corona-Bedingungen ist. Und wenn dann noch Extrementscheidungen zu treffen sind…

Sollte es dennoch zu so einer Situation kommen, wie laufen die Entscheidungen ab?

Ich glaube ehrlich gesagt nicht und hoffe auch nicht, dass diese Situation eintritt. Über die Förderung des Landes und des Bundes konnten zahlreiche Beatmungsgeräte, Monitore, Perfusoren usw. angeschafft und die Intensivkapazitäten erheblich ausgeweitet werden. Wir haben frühzeitig ärztliches und pflegerisches Personal während der ersten Welle intensivmedizinisch geschult, sodass die zusätzlichen Betten im Ernstfall auch betrieben werden können. Aber falls wider Erwarten die Situation doch eintritt, wird ein sogenanntes Ethikkonsil einberufen, an dem dann auch die behandelnden Ärzte und Pflegekräfte teilnehmen. Niemand wird alleine gelassen.

Was kann man tun, um Triage zu verhindern?

Entscheidend ist zunächst, dass die Behandlungskapazitäten drastisch ausgebaut wurden. Dann stehen wir in Kommunikation mit unseren Verbundhäusern und den Häusern in der Region, um Patienten bei Bedarf zu verlegen. Darüber hinaus haben wir von den Patienten der ersten Welle gelernt, wie Medikamente, Sauerstoff und Flüssigkeitstherapie am besten gegen Covid-19 eingesetzt werden. Wenn es allerdings zu eng wird, müssen Elektivoperationen ausgesetzt werden, um Betten und Personal frei zu bekommen. Ein wenig hilft der Umstand, dass derzeit kaum jemand verreist. Ich bin sicher, dass im Notfall unser Personal bereit ist, aus dem Urlaub zurückzukommen.

Was kann man noch tun? Schlicht und ergreifend die Corona-Grundregeln sehr, sehr ernst nehmen und sorgfältig beachten, im Krankenhaus und im privaten Bereich.

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Autor

 Luisa-Maria Hollmig

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