Orientierungswert von Professor Jochen Werner

Pflegebonus: Strategie statt Strohfeuer

  • Meinung
Pflegebonus: Strategie statt Strohfeuer
Jochen Werner © Frank Lothar Lange

Die Gesundheitspolitik befindet sich aktuell scheinbar im Auge des Orkans: Nach Monaten fokussierter Bekämpfung von Corona ist eine Phase zumindest scheinbarer Entschleunigung eingetreten. Vorbestehende hochvirulente Themen wie der Pflegenotstand melden sich erneut zu Wort, dieses Mal jedoch als Antwort auf einen hausgemachten, Enttäuschung erzeugenden Vorgang. Es geht um die sogenannte Anerkennungsprämie für Pflegekräfte in Höhe von bis zu 1.500 Euro. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, über die teilweise noch ungesicherte Finanzierung, das komplizierte Aufstocken des Sockelbetrags oder unterschiedliche Vorgehensweisen in den Ländern oder auch bei Krankenhausträgern zu sprechen. Auch die umstrittene Unterscheidung zwischen Pflegekräften in der Altenpflege und im Krankenhaus soll hier nicht weiter erörtert werden. Vielmehr darf und muss man die unpopuläre Frage nach der Sinnhaftigkeit dieser politischen Prämieninitiative stellen.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Die Pflegekräfte müssen adäquat bezahlt werden und eine spürbare Verbesserung zum derzeitigen Gehaltsniveau bekommen. Allerdings ist die über Jahre gesunkene Attraktivität des Pflegeberufes nicht nur über das Gehalt zu begründen, maßgeblich dafür ursächlich sind auch die Arbeitsbedingungen. Zuwenig Zeit für die Patienten, Personalmangel mit daraus resultierenden unsicheren Dienstzeiten, fehlende Wertschätzung und ein überbordender Aufwand für die Dokumentation – das sind einige der tatsächlichen Herausforderungen im Alltag. Ein einmaliger Bonus löst kein einziges dieser strukturellen Probleme im Pflegebereich. Im Gegenteil: Es ist nicht auszuschließen, dass der politische Druck, die Rahmenbedingungen für die Pflege mit Nachdruck zu verbessern, mit dem Hinweis auf die Einmalzahlung sinkt.

Je nachdem, ob alle oder nur ein Teil der 1,7 Millionen Pflegekräfte die Einmalzahlung erhalten, sprechen wir von einem Kostenfaktor zwischen wohl einer und 2,5 Milliarden Euro, den man wiederum in Relation setzen muss zu dem drei Milliarden Euro betragenden Umfang des "Zukunftsprogramm Krankenhäuser" im Rahmen des Konjunkturpaketes. Und in diesem Zusammenhang müssen wir uns vor Augen halten, dass wir zur Entlastung der Pflegekräfte erheblich in die Digitalisierung investieren und die Arbeitsbedingungen dauerhaft verändern müssen.

Insofern: Gerne ein Bonus für erbrachte Leistungen in der Pflege. Aber nicht als Strohfeuer und Feigenblatt, sondern nur in Verbindung mit einer stringenten, nachhaltigen Politik zur Verbesserung der Situation in der Pflege einschließlich einer deutlich stärkeren digitalen Unterstützung.

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