Covid-19

Schwere Vorwürfe gegen Krankenhäuser

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Schwere Vorwürfe gegen Krankenhäuser
Trotz Trennwänden und Iso-Türen: Plexiglasscheiben helfen den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, den Überblick zu behalten. © Mühlenkreiskliniken/Kai Senf

Der ehemalige Gesundheits-Sachverständige Matthias Schrappe wirft den Krankenhäusern vor, in der Pandemie Patienten "ohne Not" auf die Intensivstationen verlegt zu haben. Zusammem mit anderen Experten kritisiert er zudem Unstimmigkeiten bei den Zahlen der Intensivbetten. Die Kliniken weisen die Kritik zurück.

„Es gab in den Krankenhäusern offensichtlich die Tendenz, Patienten während der Pandemie ohne Not auf die Intensivstation zu verlegen“, so der ehemalige stellvertretende Vorsitzender des Sachverständigenrates Gesundheit, Professor Matthias Schrappe, im Interview mit der Tageszeitung „Die Welt“. Gemessen an der Sieben-Tage-Melderate seien nirgendwo so viele Covid-Kranke auf Intensivstation behandelt worden wie in Deutschland. „Erkranken Bundesbürger schwerer als die übrigen Menschen in Europa? Oder könnte es sein, dass manche Krankenhäuser sich in Erlösmaximierung versuchen?“, fragt Schrappe.

Zusammen mit neun anderen Autoren, darunter Hedwig-Francois Kettner (ehemals Charité), Franz Knieps (Vorstand BKK-Dachverband) sowie Professor Gerd Glaeske (Uni Bremen) hat er gestern eine Stellungnahme zur intensivmedizinischen Versorgung in der Corona-Pandemie veröffentlicht (zum Download auf der Website von Professor Schrappe). Darin äußern die Autoren „Zweifel an einer relevanten Verschlechterung der Intensivversorgung“ während der Pandemie und kritisieren die „Angst-basierte Kampagne“, die eine entscheidende Rolle bei der Durchsetzung von Kontakteinschränkungen gespielt habe.

Ein großes Manko ist aus Sicht der Autoren die mangelnde Datenlage zu demografischen und klinischen Charakteristika von Corona-Patienten, zur Zahl der freien Intensivkapazitäten sowie des verfügbaren Pflegepersonals. So ist es aus Sicht der Autoren praktisch nicht möglich zu überprüfen, wie realistisch die Warnungen vor einer Überlastung der Intensivstationen oder drohender Triage waren. Auch bezüglich der gemeldeten Intensivbettenzahlen „ergeben sich schwerwiegende Zweifel an der Datengrundlage“. Während im Sommer 2020 noch 33.367 Intensivbetten gemeldet worden seien, waren es Anfang Mai nur noch 30.340. Es habe eine „rückwirkende Korrektur“ der Intensivkapazitäten stattgefunden, die nicht mit einer veränderten Zählweise zusammenhänge, schlussfolgern die Autoren. „Fragen zur Finanzierung, zur Bedeutung des Krankenhausplans und zu Freihalteprämien sowie deren Anreizwirkung bleiben offen.“ Auch die Datenlage bezüglich der zur Verfügung stehenden Anzahl von Pflegekräften sei nicht belastbar. Eine Abnahme der aktiv tätigen Pflegekräfte ließe sich statistisch nicht nachweisen.

In einer gemeinsamen Presseerklärung weisen die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), der Marburger Bund und die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) die Vorwürfe zurück. Der Rückgang der Intensivbettenzahl resultiert demnach aus einer Änderung bei der Abfrage der intensivmedizinischen Kapazitäten sowie dem Einsetzen der Pflegepersonaluntergrenzen. Zahlreiche Kliniken hätten ihre Bettenmeldungen an diese Personalvorgaben angepasst, zudem werden seitdem die Notfallreservekapazitäten separat abgefragt. Auch seien keine offizielle Statistiken im Nachhinein manipuliert worden. „Das DIVI-Intensivregister hat im Verlauf der Pandemie die Betten der Kinderintensivstationen aus der Gesamtzahl der betreibbaren Betten herausgerechnet.“

Auch bestreiten die drei Verbände den Vorwurf, die Versorgung der Covid19-Patienten in Deutschland habe unangemessen häufig in den Intensivstationen stattgefunden. „Dies ist eben gerade die Stärke der deutschen Krankenhausstrukturen, schwerkranke Patienten adäquat intensivmedizinisch zu versorgen und dadurch Leben zu retten.“ Es sei zudem nie um Panik oder Angstmache gegangen, sondern immer um Vorsicht. Es ging vor allem um die Versorgung schwerkranker Patienten. „Diese Situation retrospektiv mit dem heutigen Wissen zu bewerten, wird den damaligen Entscheidungsnotwendigkeiten nicht gerecht.“

Auf Twitter sorgten das Interview und das Papier für rege Diskussionen. Der TAZ-Journalist Malte Kreutzfeld warf Schrappe vor, die Zahlen der DIVI nicht richtig zu verstehen:

Der Intensivpfleger Ricardo Lange schrieb:

Auch der Vorstandsvorsitzende der Siemens Betriebskrankenkasse, Hans Unterhuber, und der Pressesprecher des GKV-Spitzenverbandes, Florian Lanz, äußerte sich:

Autor

 Florian Albert

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