Lehren aus dem Shutdown

Wie wir den digitalen Schwung nutzen können

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  • 16.06.2020
Ausgabe 7/2020

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Ausgabe 7/2020

Seite 13

Wie wir den digitalen Schwung nutzen können

Bei schweren Covid-19-Verläufen konnte sich Deutschland auf die Kliniken verlassen. In der Regel machen die Mitarbeiter den Unterschied. Aber die Krise macht auch deutlich, was Digitalisierung alles ermöglichen kann.

Deutschland hat Covid-19 als gemeinsamen Feind kennengelernt. Der dadurch erwachsene Zusammenhalt war sicherlich ein Schlüssel für die erfolgreiche Bekämpfung des Virus. Der Mix aus gemeinsamem Handeln, politischer Führung und ökonomischer Handlungsfähigkeit, gepaart mit wissenschaftlicher Expertise und einem leistungsfähigen Gesundheitssystem war erfolgreich. Dies hat uns in der aktuellen Situation in eine Position versetzt, um die uns viele andere beneiden – nicht benötigte Intensivk apazitäten konnten sogar anderen Staaten angeboten werden.

Unser System kann Improvisation

Erfolgreich ist unser sektorenbasiertes und selbstverwaltetes System vor allem aufgrund einer bereits unter Normalbedingungen erprobten Fähigkeit: der Improvisation. Mitarbeiter, die es gewohnt sind, bestehende Prozessdefizite durch Improvisation zu kompensieren, sind vielerorts über sich hinausgewachsen und haben durch „kreatives Machen“ Schlimmeres verhindert. Dabei wird zunehmend klar, dass diese Tugenden nicht immer ausreichen. Das gilt für die Nachverfolgung von Infektionsketten in den Gesundheitsämtern mit Fax und Telefon ebenso, wie für das Finden freier Intensivkapazitäten oder die Versorgung schwersterkrankter Patienten in kleinen Intensiveinheiten.

An Covid-19 ist wenig Gutes zu finden; zumindest aber hat das Virus eine katalysierende Wirkung auf die Einführung digitaler Werkzeuge, mit der sich unser Gesundheitswesen in den letzten Jahrzehnten eher schwergetan hat. Vor zwei Jahren gab es noch das Fernbehandlungsverbot und Deutschland war auf Platz 16 der europäischen Health-care-Digitalcharts. Mit Corona ist die Videosprechstunde zum Standard geworden und die Bürger verharren in freudiger Erwartung einer Tracing-App. Diese explosive Entwicklung ist auch der emsigen regulatorischen Vorarbeit des Gesundheitsministeriums in den vergangenen zwei Jahren zu verdanken.

Auch in den Krankenhäusern gab es diese digitale Initialzündung. Es seien hierfür zwei wichtige Beispiele genannt: das „Register der Intensivbettenkapazitäten“ (kurz „Divi-Register“) und die „Tele-ICU“ – mitunter könnten beide sogar zukünftig kommunizierende Röhren sein. Beim Divi-Register wurde früh in der Krise etwas geschaffen, was sich die Rettungs- und Intensivmediziner seit langer Zeit gewünscht haben: ein landesweites Dashboard zu der Kapazität von Intensivbetten anhand einiger weniger standardisierter Parameter.

Divi-Register basiert auf händischen Meldeprozessen

So etwas ist im Jahr 2020 keine echte technische Herausforderung, und so ist die Umsetzung in der Vergangenheit auch eher an Partikularinteressen und föderalen Strukturen gescheitert. Covid-19 hat in wenigen Tagen eine Übersicht erzwungen, anhand derer diese wichtige Ressource sichtbar und in der Folge auch steuerbar wurde. Das ist großartig und soll auch nicht verwässert werden. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die dort aktuell dargestellten Daten im Wesentlichen über händische Meldeprozesse entstehen und deren Qualität von der Nachhaltigkeit der Mitarbeiter in den einzelnen Häusern abhängt. Das heißt, hier wird wertvolles Fachpersonal wieder mit administrativen Prozessen beschäftigt und die Datenlage ist noch lange nicht so valide und aktuell, wie es wünschenswert wäre.

Zweitmeinung in Echtzeit

Das zweite Beispiel – die sogenannte „Tele-ICU“ – beschreibt die unterstützende Begleitung von Intensivmedizinern in der Fläche durch Fachspezialisten. Gerade bei Covid-19 benötigen die schweren Verläufe eine spezielle Art der Beatmung, die in Intensivstationen der Grund- und Regelversorgung nicht zur täglichen Routine gehören. Im Rahmen eines Innovationsfondsprojekts konnten über Jahre Erkenntnisse gewonnen werden, die in der Krise die Möglichkeit eröffnet haben, dieses Konzept in die Breite zu bringen. Visitenroboter begleiten den Arzt vor Ort am Beatmungsbett und der zugeschaltete Experte hat einen zusätzlichen Blick auf den Patienten mit allen notwendigen PDMS-Informationen und Details. Diese Zweitmeinung in Echtzeit führt in der Folge zu einer medizinischen Entscheidung auf höchstem Niveau.

Es braucht 5G an jeder Milchkanne

Durch Tele-ICU kann die Qualität von Hochleistungsmedizin in die Fläche gebracht werden. Zwar konnte die Tele-ICU Kapazität in der Krise deutlich gesteigert werden, sie bleibt aber weit von einem landesweiten Roll-out entfernt. Zum einen, weil Visitenroboter gerade in der Krise ein rares Wirtschaftsgut sind. Zum anderen, weil die benötigten IT-Spezialisten knapp sind. Vom Netzausbau im ländlichen Raum ganz zu schweigen. Schwierig wird es aber auch bei Datenschutz und Haftungsrisiken, gerade wenn eine Versorgung über Landesgrenzen hinaus notwendig ist. Da braucht es dringend eine Angleichung der Regulierung. Sind es im Frühjahr 2020 neben ausreichend dimensionierter Intensivkapazitäten vor allem noch Engagement und Improvisationstalent der Fachkräfte, die Bilder und Entscheidungen wie in Norditalien vermieden haben, so wird klar, dass es in Zukunft eines besser austarierten Gleichgewichts zwischen Qualität und belastbarem Wissen um die Lage bedarf. Das gelingt nur mit einem deutlichen „Mehr“ an Digitalisierung, denn dieser Zustand ist ohne vernetzte und standardisierte Systeme nicht erreichbar.

Digitalisierung ist Managementaufgabe

Die letzten Wochen und Monate haben gezeigt, was möglich wird, wenn „Machen“ das „Wollen“ ersetzt. So schön es wäre, mit diesem positiven Fazit diesen Text zu beenden, weist die Realität leider doch noch ein paar Hürden auf. So haben Cybercrime-Angriffe auf die Häuser gerade in der Krise deutlich zugenommen. Gegen die quantitative und qualitative Zunahme neuer Angriffsvektoren sind selbst Kritis-Häuser nicht gewappnet: Kleinere Einrichtungen stehen ihnen eher hilflos gegenüber. Der Curacon-Krankenhaus-IT-Benchmark 2020 zeigt an, dass ein IT-Mitarbeiter im Schnitt 140 Anwender und 129 Endgeräte betreut, das IT-Budget entspricht circa 2,6 Prozent des Jahresumsatzes eines Krankenhauses. Das sind über Jahrzehnte etablierte Werte, mit denen andere Branchen gar nicht lauffähig wären. Digitalisierung ist keine reine Frage des Budgets, sie ist Managementaufgabe. Aber natürlich müssen Krankenhäuser finanziell in die Lage versetzt werden, ein Mindestlevel von infrastruktureller Sicherheit und digitaler Innovation zu erreichen.

Kurzum: Deutsche Krankenhäuser zahlen seit jeher zu wenig für IT-Systeme, sie bezahlen die Spezialisten nicht gut, und sie haben zu wenige von ihnen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob es noch zeitgemäß ist, von einem 200-Betten-Haus zu verlangen, alle Patientendaten auf dem Campus zu halten, keinerlei Cloud-Produkte zu verwenden und sich dabei maximal der digitalen Transformation zu öffnen mit, sagen wir, 2,5 Vollkräften in der EDV.

Die elektronische Patientenakte wird der Schlüssel

Zum Schluss aber doch noch ein Lichtblick mit weitergehendem Lösungsvorschlag. 2021 kommt die elektronische Patientenakte (ePA). Gäbe es sie bereits, wäre die Krise sicherlich noch besser bewältigt worden. Die ePA wird der Schlüssel zur Datenhaltung des Patienten. Sämtliche Gesundheitsinformationen werden standardisiert, datensicher und zugreifbar für alle Healthcare-Professionals zusammengefasst, sofern sich der Patient dies wünscht. Liegt der bisherige ePA-Fokus vor allem auf dem ambulanten Bereich, muss das nicht so bleiben. Selbstverständlich werden Krankenhäuser im Behandlungskontext Daten über die ePA hinaus erzeugen und verarbeiten. Lediglich die relevantesten Patientendaten werden in die ePA überführt und zur Verfügung stehen. Hieraus erwächst allerdings eine immense Chance für die Krankenhäuser: cloud-basierte und gleichzeitig prozess-standardisierte Kernsysteme, die über die ePA kommunizieren. Mit derart zentralisierten, cloud-basierten Ansätzen wird es möglich, Digitalisierung mit hoher Qualität und maximalem Schutz, datenschutzkonform, zu vertretbaren Kosten in die Breite der Versorgung zu bringen. Aus den vielen, unsicheren und ineffizienten Einzellösungen würden sich zentrale Strukturenmit einem viel höheren Grad an Sicherheit und Effizienz herausbilden. Ähnlich wie Reinigung, Verpflegung oder Facility Management muss Datenhaltung und IT-Management nicht zu den Kernkompetenzen eines Krankenhauses zählen. Krankenhäuser sollten sich zentraler Lösungen bedienen können: Dafür allerdings braucht es regulatorische Anpassungen.

Es braucht einen Digitalpakt für die Krankenhäuser

Corona hat vieles verdichtet und unserem Gesundheitssystem im Frühjahr 2020 einen Zeitsprung von vielleicht fünf Jahren geschenkt. Um dies zu verstetigen, braucht die Digitalisierung in Kliniken mehr Raum und Bedeutung. Niemand will heute ohne Navi fahren, Überweisungsträger ausfüllen oder wieder Briefe versenden müssen. Ärzten und Pflegenden im Krankenhaus wird das immer noch täglich zugemutet. Corona macht deutlich, dass es im Interesse aller ist, diese Zustände zu verändern. In Ergänzung zur cloud-basierten ePA brauchen die Krankenhäuser eine inhaltliche Neujustierung der IT-Strukturen, beruhend auf dem, was zentralisierte Cloud-Technologie heute an Sicherheit und Effizienz zu bieten hat. Wir brauchen den Digitalpakt für Krankenhäuser mit einem Dreiklang aus technologischer Innovation, mutiger Regulierung und nachhaltiger Finanzierung. Covid-19 hat gezeigt, dass unsere Krankenhäuser das wert sind.

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