DKG-Reformkonzept

Zu schmerzhaften Kompromissen bereit

  • Klinikmarkt
  • Titel
  • 26.08.2021

f&w

Ausgabe 9/2021

Seite 786

Dr. Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der DKG

Dr. Gerald Gaß will als Vorstandsvorsitzender der DKG die Reform der Kliniklandschaft mitgestalten. Die Gesundheitsversorgung sei im föderalen System gut aufgehoben, schreibt er. Zentralisierungsfantasien nach dänischem Muster erteilt Gaß eine Absage und fordert stattdessen einen besseren Zugang zum ambulanten Markt für Kliniken.

Neben vielen anderen sind zwei Aspekte in der Corona-Pandemie bemerkenswert: Eine verlässliche und flächendeckende Gesundheitsversorgung ist wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt und das Leben auf dem Land hat für viele einen neuen Stellenwert erhalten. Gleichwertige Lebensverhältnisse in der Stadt und auf dem Land sind eine recht junge Zielsetzung und politische Errungenschaft. Noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mussten die Menschen in dörflichen Regionen mit deutlich schwächeren Versorgungsangeboten Vorlieb nehmen. Das betraf nicht zuletzt die gesundheitliche Versorgung. Zahlreiche regionale Krankenhäuser haben seitdem die Lage der Bewohnerinnen und Bewohner außerhalb der großen Städte deutlich verbessert. Doch eine Vielzahl von Faktoren gefährdet diese Errungenschaften. Zahlreiche Regionen sind von Wegzug betroffen, die Bevölkerung überaltert. Gleichzeitig haben niedergelassene Ärztinnen und Ärzte häufig große Schwierigkeiten, eine Nachfolge für ihre Praxen zu finden. Der Wegzug verschärft die Lage, denn wer für das Medizinstudium in die Stadt gegangen ist, kommt häufig nicht zurück. Es bleiben Krankenhäuser als die Orte, in denen die Menschen mit allen gesundheitlichen Anliegen Hilfe suchen. Doch auch deren Bestand ist gefährdet oder wird vielfach sogar aktiv infrage gestellt. Eine überwiegend leistungsbezogene Finanzierung und wachsende Anforderungen an die Strukturqualität stellen den Fortbestand der Grundversorgungskrankenhäuser immer stärker infrage.

Dass sich die Versorgungslage im niedergelassenen Sektor in dünner besiedelten Regionen verschlechtert, spüren die dort lebenden Menschen seit vielen Jahren immer deutlicher. Vor allem für Termine bei stark nachgefragten Fachärzten sind oft lange Warte- und weite Anfahrtszeiten nötig. Die Ambulanzen und Notaufnahmen der Krankenhäuser sind mancherorts wie selbstverständlich zum Ersatz für seltener gewordene Sprechstunden in Praxen geworden. Wo Grundversorgungsstandorten die Schließung droht, protestieren Menschen nicht aus Angst, dass komplizierte Operationen im Ort nicht mehr möglich sein werden, sondern weil sie fürchten, künftig im Notfall und bei akuter Erkrankung keine erreichbare Hilfe mehr zu finden. Diesen Tendenzen kann die Politik nicht mehr tatenlos zuschauen. Die Politik muss sich der Aufgabe stellen, die Gesundheitsversorgung in den Regionen sektorübergreifend aktiv zu gestalten.

Weniger Wettbewerb, mehr Kooperation

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft hat sich für einen Reformansatz ausgesprochen, der Antworten für die Herausforderungen zur Gesundheitsversorgung in den Regionen bereithält. Zentraler Baustein dabei sind sektorübergreifende regionale Versorgungsnetzwerke, in deren Zentrum Krankenhausstandorte Koordinationsaufgaben übernehmen. Das Leitmotiv dieser Versorgungsnetzwerke lautet weniger Wettbewerb und mehr Koordination und Kooperation bei der Leistungserbringung. Krankenhäuser sollen dabei über Versorgungsstufen hinweg miteinander kooperieren und auch ambulante Versorger einbeziehen. In diesen Netzwerken können kleine Kliniken mit eingeschränktem stationären Angebot ihr Potenzial der ambulanten Vor-Ort-Versorgung ausspielen und zur ersten Anlaufstelle bei Patienten werden. Komplexere Versorgungsauf-gaben werden dann im Rahmen einer organisierten Patientensteuerung von Standorten mit entsprechend spezialisierten Angeboten übernommen. Eine sektorenübergreifende und digital unterstützte Netzwerkkooperation ist die einzige Möglichkeit, das hohe Niveau der Gesundheitsversorgung auch in Regionen aufrechtzuerhalten, die stark von Abwanderung und Überalterung betroffen sind. Die Patientinnen und Patienten wünschen sich einen nahtlosen Übergang von der stationären in die ambulante Versorgung und umgekehrt.

Föderale Verantwortung hat sich bewährt

Gesundheitsversorgung ist im föderalen und regionalen Rahmen genau richtig aufgehoben. Die Corona-Gipfel von Kanzlerin und den Regierungschefs der Länder mögen in der Öffentlichkeit Kritik erfahren haben. Während aber Partikularinteressen und Profilierungsbedürfnisse tatsächlich einige Entscheidungen behindert haben, hat sich die Verantwortung der Länder für die Krankenhäuser und die Pandemiebekämpfung in der Praxis bewährt. Denn so konnten die Verantwortlichen auf spezifische Pandemielagen gut nach den Bedürfnissen vor Ort reagieren. Rufe nach mehr Zentralisierung mit der Pandemie zu begründen, laufen also im Krankenhausbereich anhand der Erfahrungen aus der Extremsituation der vergangenen Monate ins Leere. Die Länder haben an ihre Bedürfnisse angepasste spezifische Pläne für ihre Regionen entwickelt, aber auch das länderübergreifende Kleeblattkonzept zur Verlegung von Corona-Patienten über Landesgrenzen hinweg ergänzt.

Auch dass Kooperationen hervorragend funktionieren, haben die Kliniken während der Pandemie bewiesen. Kliniken aller Versorgungsstufen haben trägerübergreifend schnell handlungsfähige Netzwerke gebildet und so gesichert, dass einerseits Covid-19-Kranke gut behandelt wurden, andererseits die Regelversorgung im größtmöglichen Maß aufrechterhalten werden konnte. In einigen Regionen haben Maximalversorger die Behandlung der Covid-Patienten übernommen, während ihnen kleinere Kliniken quasi den Rücken freigehalten haben. Anderswo wiederum wurden die Covid-Kranken gleichmäßig über alle Versorgungsstufen verteilt. Die Netzwerke haben sowohl in dünn besiedelten Flächenregionen als auch in Ballungsgebieten hervorragend funktioniert. Dieses Kooperationsprinzip wird sich auch außerhalb einer Ausnahmesituation bewähren. Allerdings ist absehbar, dass nach der Bundestagswahl Diskussionen um Planungshoheiten, Strukturen und Kompetenzen wieder aufflammen werden. Die DKG sieht dabei Tendenzen, die Planungshoheit der Länder durch immer mehr Eingriffsrechte des G-BA zu unterhöhlen, sehr kritisch. Regionalität bedeutet im Krankenhausbereich nicht lähmende Kleinstaaterei, sondern verstärkte Handlungsfähigkeit.

Kliniken brauchen neue Bedingungen

Eine Voraussetzung für sektorenübergreifende regional vernetzte Gesundheitsversorgung ist, dass die Politik die Daumenschrauben lockert, wenn es darum geht, dass Krankenhäuser ihr ambulantes Potenzial einbringen können. Die Hürden, denen sich die Beteiligten an der ambulant-spezialfachärztlichen Versorgung gegenübersehen, gefährden bereits heute diesen für die Patientinnen und Patienten sehr sinnvollen Ansatz der sektorenübergreifenden Kooperation. Dabei fordern die Menschen diese Kooperation schon von selbst ein und überwinden Sektorengrenzen, wenn sie medizinische Hilfe benötigen. Schon heute behandeln die deutschen Krankenhäuser mit jeweils rund 20 Millionen Fällen genauso viele Menschen ambulant wie stationär. Schon heute sind Krankenhäuser für die ambulante Flächenversorgung damit unverzichtbar. Dies muss eine sektorübergreifende Landesplanung auch durch die Übertragung von ambulant-stationären Versorgungsaufgaben zum Ausdruck bringen.

Das alles muss sich in einem reformierten Finanzierungssystem niederschlagen. Wer sichere und gleichwertige Versorgung möchte, muss auf die unterschiedlichen Voraussetzungen der Krankenhäuser eingehen. In demografisch schwierigen Regionen, in denen die Fallzahlen geringer sind als in den urbanen Zentren, kann die Existenz einer Klinik nicht von rein leistungsbezogener Vergütung abhängig sein. Funktionierende Kliniknetzwerke bieten aber auch hier Lösungen und können dank gesteigerter Effizienz auch unter schwierigeren wirtschaftlichen Bedingungen die hohe medizinische Qualität sichern.

Die Qualitätssicherung muss, gerade was die Strukturvorgaben angeht, an die neue Realität vernetzter Versorgung angepasst werden. Entscheidend ist nicht allein die Leistungsfähigkeit eines einzelnen Standortes, sondern die des gesamten Netzwerks und seiner Leistungserbringer. Maximale Zentralisierungsfantasien, wie sie vor der Pandemie noch allgegenwärtig waren, werden der Gesundheitsversorgung in Deutschland schaden. In einem relativ gleichmäßig besiedelten Land, in dem die Mehrheit in kleinen und mittleren Städten lebt und vor allem der niedergelassene Bereich starke Ungleichheiten und Versorgungslücken aufweist, können stark zentralisierte Strukturen nach dänischem Vorbild weder funktionieren noch sind sie sinnvoll, im Gegenteil.

Dennoch wird es eine gewisse Standortkonsolidierung geben, die aber politisch verantwortet und gestaltet sein muss. An einem solchen Prozess wird sich die Deutsche Krankenhausgesellschaft aktiv beteiligen. Wir öffnen uns Dialog und Kompromissen und sind auch zu möglicherweise schmerzhaften Kompromissen bereit. Dazu zählt auch, Überkapazitäten und Fusionspotenziale zu erkennen. Die Neustrukturierung der deutschen Krankenhauslandschaft mit all ihren Aspekten von der Finanzierung bis zur Personal- sicherung wird die Mammutaufgabe der Gesundheitspolitik der 20er-Jahre sein. Im Sinne einer zukunftssicheren Versorgung müssen sich alle Beteiligten diesen Reformnotwendigkeiten stellen.

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