Gewalt im Krankenhaus

Jetzt sind Schutzkonzepte ein Muss

  • Strategie
  • Titel
  • 17.09.2026

f&w

Ausgabe 12/2025

Seite 1066

In den vergangenen Jahren hat das Gewaltpotenzial im Krankenhaus stetig zugenommen.

Gewalt im Krankenhaus nimmt zu. Wie Kliniken ihr Personal schützen und welche Konzepte wirken.

Ein alkoholisierter Mann in der Notaufnahme verliert die Kontrolle und rastet aus. Dabei attackiert er eine Pflegerin schwer. Alles geht sehr schnell. Ein Arzt geht dazwischen und kommt mit einem blauen Fleck davon. Der Vorfall ist schon einige Jahre her, und doch erinnert sich der niedersächsische Gesundheitsminister Andreas Philippi noch gut daran. Er war der Arzt, der eingeschritten ist. „So was vergisst man nicht.“

In den vergangenen Jahren hat das Gewaltpotenzial im Krankenhaus stetig zugenommen. Der Respekt vor pflegerischem und medizinischem Personal sinkt. Bereits 2024 hat das eine Blitzumfrage des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) belegt: In drei Vierteln der Kliniken haben körperliche und verbale Übergriffe gegen Mitarbeiter seit 2019 zugenommen. Gleichzeitig fordern 93 Prozent der befragten Krankenhäuser angesichts der zunehmenden Gewalt eine Strafverschärfung.

Was die Ampelregierung begonnen hat, aber nicht zu Ende bringen konnte, hat nun Minister Philippi wieder aufgegriffen: Mit Blick auf den niedersächsischen Vorsitz der Gesundheitsministerkonferenz (GMK) im kommenden Jahr hat er im September eine Bundesratsinitiative für eine Gesetzesanpassung für den Schutz von pflegerischem und medizinischem Personal angestoßen. Bis Sommer 2026, so erwartet es der Minister, könnte ein Gesetzesentwurf vorliegen. Lockerlassen wolle er bis dahin nicht: „Wir werden auf jeden Fall in regelmäßigen Abständen nachfragen, wie weit das Gesetz ist – weniger brav, eher kontinuierlich.“ Grundsätzlich sei aus seiner Sicht das steigende Gewaltpotenzial aber ein gesamtgesellschaftliches Problem, das das Gesetz allein nicht löse, so Philippi. Weitere Initiativen sind in Planung.

Frage des Respekts

Gewalt ist im Krankenhaus inzwischen ein Alltagsphänomen. Kratzen, schlagen, treten, brüllen, drohen – die Liste ließe sich immer weiter fortsetzen, fragt man auch in Krankenhäusern nach. In Zeiten von proppenvollen Notaufnahmen in Kombination mit langen Wartezeiten steht nicht nur das Klinikpersonal unter Strom, sondern auch Patienten und Angehörige sind schnell gestresst. „Das allgemeine Respektempfinden ist gesunken“, bringt es Ulrike Naumann auf den Punkt. Sie leitet am Universitätsklinikum Gießen/Marburg die Betriebliche Fortbildungseinrichtung für Bildung, Information, Kommunikation und Entwicklungsunterstützung (BIKE).

Mit 24/7 Sicherheitsdiensten, internen Meldesystemen und räumlichen Fluchtwegen schützt das Uniklinikum – neben zahlreichen anderen Maßnahmen – bereits seit neun Jahren die Mitarbeitenden vor Gewalt. Zugleich nehme die Einsatzfrequenz in den vergangenen Jahren weiter zu, sagt Naumann, die sich 2024 als Deeskalationstrainerin ausbilden ließ und seit 2019 das Thema begleitet. Weitere vier gibt es in der Uniklinik. Seither schult sie am Standort Marburg das Personal in den Situationstrainings – Fokus: verbale Deeskalation mit professioneller Haltung und im Notfall Abkehr und Flucht. Diese sind keine Pflicht, aber das Interesse der Beschäftigten sei enorm, berichtet sie.

Brennpunkt ZNA

Daneben hat das Uniklinikum für die Nachsorge 15 „Kollegiale Berater“ ausgebildet, „um tiefergehende Traumatisierungen in den ersten Stunden nach einem Vorfall zu vermeiden“, erklärt Naumann. Deren Einsatzgebiete sind hauptsächlich die Brennpunkte Zentrale Notaufnahme (ZNA) und Psychiatrie. Denn: Nicht alle Fälle landen im internen Meldesystem. Eine hohe Anzahl von Mitarbeitenden in der direkten Patientenversorgung sind von herausfordernden aggressiven Situationen betroffen. Insbesondere verbale Angriffe gelten häufig als „nicht meldewürdig“, würden viel zu oft heruntergeschluckt und abgetan. Da kommen die kollegialen Berater ins Spiel. „Gewaltreduktion ist ein langwieriger Prozess, wir sind nie wirklich damit fertig und müssen stetig dranbleiben. Wir können mit dem Konzept zwar Eskalationen entgegenwirken, aber die Gewalt niemals vollständig präventiv abstellen.“

Neben der Sensibilisierung der Mitarbeitenden spielt auch die Krankenhausausstattung eine nicht unwesentliche Rolle für ein vollständiges Sicherheitskonzept: Scheren, Instrumente, Schlüsselbänder – all das sind potenzielle Waffen. Außerdem: Wie stehen Möbel, beispielsweise Liege, Monitore, Schreibtische und Stühle, im Behandlungszimmer? Wo sind Türen, Fenster und optionale Flucht- und Schutzräume verbaut? Insbesondere der Altbestand kann da zur Herausforderung werden. Das Klinikum Worms und das Klinikum Leverkusen haben eigene Gewaltschutzkonzepte auf die Beine gestellt, um ihr Personal vor Eskalation zu schützen.

„Unsere Notaufnahmen nehmen eine Spitzenposition der Risikobereiche für aggressives Verhalten ein“, sagt Janko Haft, Kaufmännischer Vorstand der Uniklinik Dresden. Er bestätigt die stetige „Zunahme an sicherheitsrelevanten Vorfällen“ in den vergangenen Jahren auch in seinem Haus. „Das Aggressionspotenzial steigt“, so Haft. Einerseits könnten gesellschaftliche Entwicklungen ursächlich sein, andererseits täten Alkohol und Drogen ihr Übriges.

Monitore, Getränke, WLAN

Erfahrungsgemäß sinke in Wartezonen die Hemmschwelle zu verbaler und körperlicher Gewalt von Patienten gegenüber dem Personal wahrnehmbar. Abhilfe können installierte Monitore mit Hinweisen, reduzierte und transparente Wartezeiten, Getränkeautomaten mit Erfrischungen und freies WLAN schaffen, um die Reizbarkeit der Patienten zu senken, so Naumanns Empfehlung.

Auch das Uniklinikum in Dresden setzt seit vier Jahren auf eigene Deeskalationsmaßnahmen. 43 Mitarbeitende im hauseigenen Sicherheitsdienst sind geschult und geben ihr Wissen auch an die Kollegen weiter. „Der Sicherheitsdienst zeigt Präsenz und ist ein passiver Schutz“, erklärt Haft. Rufsysteme, Notfalltasten und Schutzräume gibt es außerdem für die Teams vor Ort. Auch Worst-Case-Szenarien wie eine Geiselnahme hat das Katastrophenmanagement bereits durchgespielt, um die Mitarbeitenden für jegliches kritische Szenario zu sensibilisieren. „Die Konzepte hat das Management gemeinsam mit den Mitarbeitenden entwickelt, mit dem Ziel, erst gar keine Gewalt entstehen zu lassen“, sagt der Kaufmännische Vorstand. Gewaltschutz ist Chefsache. „Kommt es doch zu strafrechtsrelevanten Vorfällen, haben wir eine kurze Leitung zur Polizei.“ Die Anzahl dieser Zwischenfälle sei zuletzt tendenziell gestiegen.

Hotspot Psychiatrie

Der zweite Hotspot für Gewalt im Krankenhaus – neben der ZNA – sind die Psychiatrien. „Eskalationen sind in psychiatrischen Einrichtungen zwar kein superhäufiges Ereignis“, berichtet Birgit Janssen, Ärztliche Direktorin der LVR-Klinik Langenfeld. „Aber sie gehören eben dazu.“ Ein internes Meldesystem zeigt: Waren es 2023 noch 20 verbale oder körperliche Patientenübergriffe, waren es 2024 insgesamt 36, ein Jahr später 48. Das liege aber auch an der besseren Dokumentation der Angriffe auf das Personal, weiß Janssen.

Einige Patienten stehen beispielsweise bei Einlieferung unter Alkohol- oder Drogeneinfluss, aber viel häufiger leiden sie auch unter psychotischen Erkrankungen. „Dann verlieren sie schnell die Kontrolle, verkennen die Realität und schätzen Situation völlig falsch ein.“ Zu Fixierungen, die einer richterlichen Anordnung bedürfen, käme es sehr selten. Die LVR-Klinik setzt primär auf deeskalierende Kommunikation. „Wir versuchen, die Autonomie der Patienten zu wahren, möglichst wenig den eigenen Willen einzuschränken und ihnen generell nicht konfrontativ zu begegnen.“ Alle Teams werden darin seit 2023 regelmäßig geschult, Notrufknöpfe und Safe Spaces für den Notfall sind auf den Stationen installiert. „Wachpersonal brauchen wir keines. Maximal zweimal im Jahr müssen wir die Polizei rufen“, ergänzt Janssen.

Nach einem tätlichen Angriff und interner Meldung gibt es externe Supervisionen und ein kollegiales Hilfesystem. Wichtig sei, den Mitarbeitenden klar zu vermitteln, dass das Krankenhaus kein rechtsfreier Raum ist und jegliche Art von Gewalt nicht toleriert wird. „Die Mitarbeitenden dürfen sich niemals bedroht fühlen“, sagt Janssen. Einige Kündigungen hätte sie schon erlebt, Versetzungen seien aber eher der Fall. In der Psychiatrie haben die Patienten andere Anforderungen als in der Somatik. „Weder Ärzte noch Pflege werden vorab auf den Praxisalltag in ihrer Ausbildung vorbereitet – vielmehr ist es ein Learning by Doing, um die richtige Haltung im Arbeitsalltag einer Psychiatrie zu erlangen.“

Interessen im Konzern

„Halt zu Gewalt“ – das ist das Statement des Asklepios-Schutzkonzeptes, das der Betriebsrat angestoßen hat. Zusammen mit dem Vorstand hat er es entwickelt. Nicht immer waren die zwei Seiten – Arbeitgeber und Arbeitnehmer – sofort d’accord. Während die Führung Zahlen und Management eher im Blick habe, vertrete der Betriebsrat mehr den Faktor Mensch, sagt Thomas Haul, Gesamt- und Konzernbetriebsratsvorsitzender der Asklepios Kliniken Hamburg GmbH. „Wir haben im Topmanagement Überzeugungsarbeit geleistet und die Relevanz verdeutlicht“, erinnert er sich. Wichtig war, ein gemeinsames Projekt zu starten. Seit 1,5 Jahren läuft der kaskadische Roll-out der Präventionsmaßnahmen im Konzern.

Nicht überall ist Asklepios gleich weit: „Die sieben Hamburger Standorte mit den circa 19.500 Mitarbeitenden sind zentralistischer aufgebaut und verfügen bereits, aufgrund der städtischen Umgebung, über einen gewissen Mindeststandard im Gewaltschutz“, erklärt er. „Die 160 Standorte der Asklepios Gruppe (Asklepios, Rhön und Mediclin) mit rund 70.000 Beschäftigten in der Fläche sind viel eigenständiger unterwegs.“ Insbesondere die mittlere Führungsebene sei oft eine harte Nuss. „Vor Ort entscheidet eigentlich noch jeder Geschäftsführer für sich selbst, welche Maßnahme er nun tatsächlich umsetzen möchte.“ Die gelte es jetzt zu überzeugen, so Haul.

Mindeststandards als Kern

Das Konzept – in Eigenschreibweise #HaltzuGewalt – setzt vor allem auf Mindeststandards. Vor-Ort-Begehungen mit Empfehlungen helfen bei der Umsetzung. „Haben wir vor der Pandemie noch auf offene Gebäudekonzepte gesetzt, müssen wir diese jetzt vollständig revidieren – insbesondere im Altbestand ist das immer wieder eine Herausforderung“, sagt der Betriebsrat. Viel niederschwelliger als Wandinstallationen und Raumumstrukturierungen sind da Maßnahmen wie mehrsprachige Infotafeln oder Glasscheiben vor den offenen Tresen. Zudem bildet der Konzern inzwischen selbst Personenschützer in der Service-Tochter aus. Eine Grundsatzerklärung ist formuliert und klare Meldewege sind definiert.

#HaltzuGewalt möchte einen Branchenstandard setzen. Im November hat das Asklepios-Projekt bereits den Deutschen Betriebsrätepreis 2025 in Gold erhalten. „Wir erhalten inzwischen viele Nachfragen aus der Klinikbranche“, berichtet Haul. Grundsätzlich wünsche er sich „mehr Aufmerksamkeit für die Gewaltproblematik in Kliniken – und ehrlicherweise härtere Sanktionierungen, damit Angriffe auf Krankenhausmitarbeitende keine Bagatellen mehr sind“. Mit der Bundesratsinitiative und den angestrebten Gesetzesanpassung sei schon mal ein Schritt in die richtige Richtung getan.

Teure Sicherheit

Was noch fehlt, ist das Geld. „Die Sicherheit ist immer noch nicht in der Krankenhausfinanzierung abgebildet“, kritisiert Haft. Dies sei insbesondere eine Herausforderung für die kleineren Häuser. Aktuell müssen Kliniken die Kosten für Gewaltschutzkonzepte inklusive Personal, Schulungen und Anschaffungen die Krankenhäuser selbst zahlen. Demgegenüber verweist die Politik auf die Pflicht, Arbeitgeber hätten die Ausgaben für die Personalsicherheit mit den Betriebskosten selbst zu tragen.

Höchste Zeit also für „klare Förderprogramme und feste Zuschläge statt der pauschalen Aussage, das alles sei schon irgendwie abgedeckt“, fordert Helge Engelke, Direktor der Niedersächsischen Krankenhausgesellschaft. Denn: „Die Realität zeigt: Die Fallpauschalen reichen nicht einmal für den Regelbetrieb, geschweige denn für zusätzliche Schutzmaßnahmen.“

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BibliomedManager MONATSPASS

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