Die lebhafte Diskussion über Renten übersieht eine weitere, strukturell noch tiefere Krise unseres Sozialstaats, findet Asklepios-Chef Marco Walker: die multimorbide gesetzliche Krankenversicherung. Sie leidet gleichzeitig an mehreren strukturellen Erkrankungen, die sich gegenseitig verstärken, mit einem enormen Finanzierungsrisiko.
Die erste große Erkrankung ist – wie bei der Rentenversicherung – die Demografie. Die Pro-Kopf-Ausgaben steigen etwa im Alter von 65 Jahren massiv an und explodieren bei Hochbetagten. Denn Multimorbidität, Chronizität und Pflegebedürftigkeit nehmen dann zu. Jede Babyboomer-Kohorte, die in den Ruhestand eintritt, verschlechtert die Saldenposition der GKV dauerhaft. Der demografische Peak wird zwischen 2028 und 2038 erreicht – ein Jahrzehnt, in dem die altersstrukturellen Effekte ungebremst durchschlagen.
Als zweite, schwere Systemstörung wirkt der medizinisch-technologische Fortschritt. Innovationen wie Gentherapien oder neue Behandlungsansätze in der Onkologie sind medizinisch ein Gewinn, verursachen durch hohe Kosten aber schwere ökonomische Nebenwirkungen. Medikamentenzuzahlungen und kritische Nutzenbewertungen des IQWiG sind allenfalls symbolische Pflaster.
Auch bei der dritten Erkrankung erweist sich etwas grundsätzlich Positives als verhängnisvoll: die angebotsinduzierte Nachfrage. Niedrigschwellige Versorgungsangebote mit traditionell ausgeprägter Krankenhauslandschaft, hoher Bettenzahl und einer dichten Facharztstruktur führen in Deutschland zu mehr Behandlungen, was die Versorgungsforschung seit Jahrzehnten bestätigt. Zugleich ist eine auf Fallzahlen statt auf Outcomes optimierte Struktur sehr ineffizient.
Der Baumol-Effekt macht das Gesundheitswesen strukturell immer teurer
Leiden Nummer 4 ist die Lohn- und Kostenstruktur des Gesundheitswesens. Als hochgradig personalintensiver Sektor ist das Gesundheitswesen dem Baumol-Effekt nahezu völlig ausgeliefert: Produktivität lässt sich nur begrenzt steigern; Löhne dagegen steigen notwendigerweise. Jeder Tarifabschluss schlägt direkt auf die Gesamtausgaben durch.
Fünftens hat Deutschland – auch als Folge der Demografie – eine zunehmende Morbiditätslast. Chronische Erkrankungen, Demenz, Diabetes und Herzinsuffizienz wachsen in allen Altersgruppen. Jede Lebensverlängerung ist epidemiologisch begrüßenswert, aber zugleich durch zusätzliche Gesundheitsausgaben ökonomisch belastend. Sechstens haben wir ein strukturelles und politisches Steuerungsproblem. Die Selbstverwaltung ist fragmentiert; der Leistungskatalog kennt nur eine Richtung: Ausweitung. Priorisierung ist nicht vorgesehen.
Die Gesundheitspolitik versucht sich seit Jahrzehnten an einer Symptomtherapie und doktert unentschlossen herum: kurzfristige Zuschüsse, einmalige Bremsen, punktuelle Reformpakete, verlagertes Defizitmanagement. Machen wir uns ehrlich: Die Kombination aus Demografie, Innovation, Morbiditätswandel, Steigerungen der Versorgungskapazitäten, Preis- und Lohnentwicklung sowie Steuerungsdefiziten ist ein toxischer Cocktail mit exponentiellem Kostenwachstum.
Langfristig hat das multimorbide System eine ganz schlechte Prognose und keine Überlebenschance. Deutschland braucht einen grundlegenden Wechsel: regionale und sektorübergreifende Gesundheitsbudgets, Vorfahrt für digitale Lösungen, Innovationsräume nach internationalem Vorbild, echte Leistungskatalog-Priorisierung, Outcome-orientierte Vergütung und die Bereitschaft, starre Versorgungsstrukturen zugunsten eines integrierten, evidenzbasierten Systems zu öffnen. Ohne eine solche mutige Entscheidung bleibt alles andere palliativ.
GKV-Finanzen im Fokus beim DRG|FORUM
Der Druck auf die gesetzlichen Krankenkassen steigt weiter. Ministerin Nina Warken hat gegen erheblichen Widerstand ihr erstes Sparpaket verabschiedet – ein kleiner Schritt, der vor allem Zeit verschafft. Bis Ende März soll eine Kommission umfassendere Vorschläge für Einsparungen vorlegen. Ein weiteres „kleines Paket“ wird kaum ausreichen, die strukturellen Probleme der GKV zu lösen.
Auf dem DRG|FORUM am 19. März diskutieren in der politischen Spitzenrunde Stefanie Stoff-Ahnis, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbands, DKG-Chef Gerald Gaß, die Hamburger Gesundheitssenatorin Melanie Schlotzhauer und Christian von Klitzing, CEO der Alexianer, über die aktuelle Gesundheitspolitik. Eine Debatte über den weiteren Gang der Krankenhausreform und die Frage, ob die Politik den Mut zu echten Strukturreformen hat.
Außerdem im Programm:
Die Spitzendiskussion zur Zukunft des Sozialstaats am Freitag, 20. März um 13 Uhr: GKV in der Krise: Wie viel darf Gesundheit kosten?
Mit ihrem ersten Sparpaket zieht Ministerin Warken die Notbremse gegen steigende Zusatzbeiträge. Doch welche Rezepte helfen langfristig gegen immer höhere Gesundheitsausgaben? Carola Reimann (AOK-Bundesverband), Robert Möller (CEO Helios), Hendrik Streeck (CDU/CSU) und der Politikwissenschaftler Wolfgang Schröder (Universität Kassel) suchen nach Antworten – zwischen Kostendruck, Versorgungsanspruch und politischer Realität.
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