Bundesgesundheitsministerin Nina Warken hat Gespräche über ein Primärarztsystem gestartet. Ein entsprechender Gesetzentwurf dürfte aber noch eine ganze Weile brauchen.
"Am Ende werden alle Seiten von dieser Reform profitieren." Mit diesem Versprechen startete Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) den Fachdialog zum Primärversorgungssystem. Dazu hat sie Vertreter:innen von Verbänden des Gesundheitswesens im Bundesgesundheitsministerium in Berlin empfangen. So will das Ministerium (BMG) frühzeitig die beteiligten Akteure in den Gesetzgebungsprozess einbinden. Die Einführung eines solchen Systems dürfte das größte eigene Projekt der Ministerin sein. Krankenhausreform und Notfallreform sind zwar ähnlich dicke Bretter, stammen aber noch von der Agenda ihres Vorgängers.
Schnellere Terminvergabe, bessere Steuerung
Union und SPD hatten sich im Koalitionsvertrag auf ein Primärarztmodell geeinigt, um eine schnellere Terminvergabe, weniger Arztkontakte und eine besser Steuerung im niedergelassenen Bereich herbeizuführen. Eine zentrale Rolle sollen Hausärzte spielen, die im internationalen Vergleich hohe Zahl von Facharztterminen soll sinken. Am Ende, so die Idee, soll die Reform auch Geld sparen. Mit welchen Mitteln diese Ziele erreicht werden können – zum Beispiel Bonussysteme, Praxisgebühr, et cetera – ist noch nicht ausgehandelt. In jedem Fall birgt die Reform viel Konfliktpotenzial.
„Mehr Navigation durch den ambulanten Bereich, eine schnellere Versorgung entsprechend der medizinischen Notwendigkeit sowie ein zielgerichteter und effizienter Einsatz von personellen und finanziellen Ressourcen“, verspricht Ministerin Warken.
Digitales und telefonisches Verfahren zur Ersteinschätzung
Wesentlicher Bestandteil soll ein digitales und telefonisches Verfahren zur Ersteinschätzung sein. Auch die Frage, ob qualifizierte Pflegekräfte Ärzte beim Erstkontakt entlasten, steht auf der Agenda.
"Der erste Kontakt, die Steuerung und die Versorgung müssen auch pflegefachlich und aus Sicht der Hebammen gedacht, koordiniert und vergütet werden", betonte Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerats anlässlich des Treffens.
Der Durchbruch entstehe "durch die Kopplung der drei digitalen Bausteine elektronische Ersteinschätzung, elektronische Überweisung und elektronische Terminvermittlung zu einem digitalen Versorgungspfad", kommentierte Stefanie Stoff-Ahnis, stellvertretende Vorsitzende des GKV-Spitzenverbands.
"Wir verfügen mit der 116117 über ein leistungsfähiges Instrumentarium, das sich insbesondere im Sinne der digitalen Steuerung ausbauen lässt. Gemeinsam mit den Kassenärztlichen Vereinigungen bieten wir unsere konstruktive Unterstützung an", verspricht Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Eine bessere Zuordnung der Patienten sei ein Gewinn, spare aber "zumindest kurzfristig kein Geld", so Gassen.
Vorbilder für ein Primärarztsystem sind vor allem skandinavische Länder. Dort sind die Wartezeiten auf bestimmte Facharzttermine allerdings deutlich länger als hierzulande. Insofern werden die Beteiligten neben der Patientensteuerung auch über Priorisierung von Leistungen oder Leistungskürzungen debattieren. Viele Möglichkeiten sind bis dato noch nicht offen ausgesprochen und könnten noch zu hitzigen gesellschaftlichen Debatten führen. In diesem Jahr ist wohl nicht mit einem Gesetzentwurf zu rechnen.


