Krankenhausseelsorge

„Ich bin der mit der unverfügten Zeit“

  • Personal
  • Management
  • 04.09.2026

f&w

Ausgabe 9/2026

Seite 812

Im DRG-System unsichtbar, im Klinikalltag unverzichtbar: Am Alb Fils Klinikum unterstützt Seelsorge Mitarbeitende in Krisen, stärkt Teams und entlastet die Notaufnahme. Wie das gelingt, erklären Ingo Hüttner und Achim Esslinger.

Herr Hüttner, Herr Esslinger, warum ist Seelsorge am Alb Fils Klinikum mehr als ein ergänzendes Angebot am Krankenbett?

Esslinger: Krankenhausseelsorge hat eine sehr lange Tradition. Schon die frühen christlichen Gemeinden haben sich Kranken und Schwachen zugewandt, später sind daraus Hospitäler entstanden. Heute geht es aber längst nicht mehr nur um Krankenseelsorge im engeren Sinn. Wir sprechen von Krankenhausseelsorge. Das heißt: Wir haben das ganze Haus im Blick. Patienten, Angehörige, Zugehörige und die Mitarbeitenden, von der Reinigungskraft bis zur Leitung.

Hüttner: Für uns ist die Besonderheit, dass Herr Esslinger nicht nur für Patienten da ist, sondern sehr eng mit den Teams arbeitet. Das hat für mich eine klare strategische Bedeutung. Wir sind der Schwerpunktversorger im Landkreis Göppingen mit rund 250.000 Einwohnern und, neben einer neurologischen Fachklinik, das einzige Krankenhaus in dem Kreis. Wir betreuen von den leichter Erkrankten mit planbaren Terminen über komplexe Geburten bis zu schwerst kranken Menschen und Familien in sehr unterschiedlichen Situationen. Da ist Fürsorge ein wichtiger Teil unseres Auftrags.

Wie ist die enge Zusammenarbeit zwischen Geschäftsführung und Seelsorge entstanden?

Esslinger: Als ich 2018 angefangen habe, bin ich direkt auf die Geschäftsführung zugegangen und habe gesagt: Ich bin da, schauen Sie, wie Sie mich brauchen können. Sehr früh gab es dann eine schwerwiegende Medikationsverwechslung mit weitreichenden Folgen. Ich habe mich damals nicht nur für die betroffenen Patienten und Angehörigen angeboten, sondern auch für die Mitarbeiterin und das ganze Haus. Das war der Einstieg.

Hüttner: Das war für mich ein Schlüsselmoment. Die betroffene Mitarbeiterin arbeitet heute noch bei uns und ist bestens integriert. Darauf bin ich stolz. Gleichzeitig hat man gesehen, welche Schockwirkung ein solches Ereignis auf ein ganzes Team und sogar auf eine ganze Berufsgruppe haben kann. Viele dachten damals: Dieser Fehler könnte mir morgen genauso passieren. Genau hier liegt ein wichtiger Wert der Seelsorge. Sie schafft Gesprächs- angebote, bevor Menschen selbst Schaden nehmen. Für mich ist Seelsorge daher ein Thema in der Prävention von Personalausfall. Das Stichwort Second Victim – also das zweite Opfer – ist in solchen Situationen zentral. Seelsorge leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Teamstabilisierung und zur Prävention.

Warum?

Hüttner: Wir sprechen oft über gesunde Arbeits- bedingungen, Betriebliches Eingliederungsmanagement, Betriebsarzt und Wiedereingliederung nach Erkrankung. Aber entscheidend ist auch die Prophylaxe. Unsere Klinikseelsorge leistet hier erlebbar sehr wertvolle Arbeit. Es geht um Unterstützung für Patienten und Angehörige, aber mindestens genauso wichtig ist die Unterstützung unserer eigenen Teammitglieder.

Esslinger: Strukturierte Nachsorge für Krankenhaus- mitarbeitende rückt erst langsam stärker in den Blick. Aus der Notfallseelsorge kennt man solche Formate eher für Feuerwehr oder Rettungsdienst. Aber die Belastungen im Krankenhaus sind vergleichbar. Auf einer Intensiv- station kann ein Team über Tage mit Situationen konfrontiert sein, in denen alle mit Bauchgrimmen und Kopfweh zum Dienst kommen und sich fragen: Was machen wir eigentlich noch?

Welche Erfahrungen haben Sie während der Coronapandemie gemacht?

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