Peter Jacobs, Pflegedirektor des Klinikums der Universität München, fordert Allokation statt Delegation in der Pflege

"Was geschehen muss, ist eine Umverteilung von Arbeit"

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  • 01.05.2007
Ausgabe 5/2007

Gesundheits Wirtschaft

Ausgabe 5/2007

Peter Jacobs, Pflegedirektor des Klinikums der Universität München, fordert Allokation statt Delegation in der Pflege.

Ist die Krankenpflege überhaupt noch ein Beruf mit Zukunft? Man hört doch allenthalben, dass die Prozesse in den Kliniken verdichtet werden und dass das Pflegepersonal reduziert wird.

Peter Jacobs: Wenn wir über die Zukunft der Pflegeberufe reden, muss man die gesamte Palette an pflegerischen Arbeitsfeldern beobachten. Hier ist das Krankenhaus neben den Schwerpunkten Altenpflege und ambulante Pflege nur ein Arbeitgeber für Pflegende. Wie das deutsche Institut für Pflegewissenschaften erst kürzlich publiziert hat, sind in den letzten zehn Jahren in Deutschland etwa 48 000 Pflegestellen abgebaut worden.Dies entspricht dem Trend, der auch bei Einführung der DRG in den USA zu beobachten war. In den USA sind die Pflegeberufe jetzt wieder ein Mangelberuf, weil der starke Abbau und die Arbeitsverdichtung dazu geführt haben, dass das Interesse an dem Beruf nachgelassen hat.

Ähnliches ist in Deutschland auch zu beobachten, aber ich prognostiziere, dass es in Deutschland in nicht allzu ferner Zukunft zu einer Trendwende kommen wird, da die Verknappung an Pflegepersonal die medizinische Versorgung gefährden wird. Hinzu kommt für die Krankenhäuser, dass hier nur noch schwerstkranke Patienten behandelt werden, was zur Folge haben wird, dass gerade dort hochqualifiziertes Pflegepersonal, das in Deutschland schon heute Mangelware ist, benötigt wird. Die Aussichten für entsprechend motivierte Pflegekräfte sind also bestens

Wie kann man dann den Beruf der Pflegenden bei den Schulabgängern attraktiver machen? Nicht nur im Hinblick auf die Einkommen, sondern auch auf Karriere und inhaltliche Herausforderungen? Denn der Beruf steht ja in Konkurrenz mit beispielsweise Bankkaufleuten, die im dunkelblauen Kostüm in eleganten Räumen Kredite verkaufen.

Peter Jacobs: Den meisten Schulabgängern ist gar nicht klar, dass sich gerade im Frauenberuf Pflege ein nahezu revolutionärer Wandel vollzogen hat. So ist es heute schon möglich, dass eine junge Frau oder natürlich auch ein junger Mann Krankenpflege lernt, einige Jahre Berufspraxis sammelt und sich dann zum Beispiel für ein Studium entscheidet. Daran kann er oder sie ein Postgraduiertenstudium anschließen, promovieren, um dann eventuell habilitiert zu werden und damit die Professorenlaufbahn einzuschlagen. Das wäre sozusagen das Extremmodell. Aber auch außerhalb der klassischen Pflegeberufe bieten sich Möglichkeiten, in Firmen, auf Kreuzfahrtschiffen, bei Auslandseinsätzen und vielem, vielem mehr.

Wo gibt es denn in der Pflege die Karrieremöglichkeiten?

Peter Jacobs: Entweder führt der Weg über das Pflegemanagementstudium in eine Führungsposition im Krankenhaus oder Altenheim oder in die Industrie. Darüber hinaus gibt es Karrieremöglichkeiten in den sich ständig erweiternden Pflegestudiengängen, wo Dozenten gebraucht werden. Auch viele Beratungsfirmen stellen zunehmend entsprechend erfahrene Pflegekräfte für Beratertätigkeiten in Gesundheitsunternehmen ein. Das sind nur einige Karrieremöglichkeiten von vielen.

Also muss sich die Ausbildung von Pflege ändern? Was muss Pflege dann leisten?

Peter Jacobs: Die Ausbildung der Pflegeberufe ist in den letzten Jahrzehnten zwar langsam, aber doch kontinuierlich an die wachsenden Herausforderungen adaptiert worden. Zurzeit findet eine Diskussion darüber statt, ob die Pflegeausbildung im Rahmen eines Bachelorstudienganges – wie dies in vielen anderen Ländern der Fall ist – etabliert werden soll.

Nach meiner persönlichen Auffassung wird der Weg in diese Richtung gehen, das heißt, die Pflegeausbildung wird – ähnlich wie etwa das Medizinstudium – theoretischer werden, und die praktischen Erfahrungen werden dann in der anschließenden Berufstätigkeit gesammelt analog zur Assistenzarztstelle und zur Facharztausbildung. Damit werden Pflegende aufgrund eines breiten theoretischen Wissens flexibler in ihrer Arbeitsausübung werden.

Machen denn die derzeit vielerorts angebotenen „No-Name-Ausbildungen“ Sinn, bei denen gar nicht klar ist, was sich hinter ihnen verbirgt? Wäre eine standardisierte Ausbildung mit anerkannten Richtlinien nicht besser?

Peter Jacobs: Von Krankenhäusern selbst gestrickte Weiterbildungen in den Pflegeberufen machen überhaupt keinen Sinn. Gerade die Entwicklung der Fachweiterbildungen mit DKG-Anerkennung hat gezeigt, dass vergleichbare Standards wichtig sind, dass es Lehrpläne gibt, an denen man sich orientieren kann, um so auch als Arbeitgeber zu wissen, wen man mit welcher Qualifikation einstellt. Allerdings sind gerade im Bereich der Fachweiterbildungen Reformen dringend anzumahnen

Würde sich mit dem steigenden Ausbildungsniveau der Pflegenden deren Gehaltsniveau nicht dem des Arztes anpassen, sodass die Aufwertung im Endeffekt für die Kliniken noch teurer wird?

Peter Jacobs: Es wäre überaus wünschenswert, wenn die Gewerkschaften sich endlich einmal eine vernünftige Tarifpolitik für Pflegende ausdenken würden. Es ist geradezu skandalös, dass vielleicht nicht zufällig gerade im Frauenberuf Pflege zum Beispiel eine Krankenschwester, die bereit ist, eine Station zu führen, durch diesen Aufstieg weniger verdient als die ihr unterstellten Krankenschwestern.

Daran ändert auch die im letzten Tarifvertrag eingeführte Zulage von 45 Euro nichts, gleichwohl ist dies ein erster Schritt in die richtige Richtung. Die Gewerkschaften müssen begreifen, dass sich auch in der Pflege Leistung – und dazu zählt die Übernahme von mehr Verantwortung – lohnen muss. Inwieweit das in den Krankenhäusern zu Kostensteigerungen führen wird, bleibt offen.

Denn qualifiziertere Pflegende werden ähnlich wie in angelsächsischen Ländern auch nicht mehr als Ressource beim Essenausteilen, bei der Erledigung von Hol- und Bringdiensten und ähnlichen Tätigkeiten verschleudert werden. Es wird zu einem Personalmix mit Einsatz von pflegerischem Hilfspersonal unter Führung qualifizierter und damit auch besser bezahlter Krankenpflegekräfte kommen.

Der Sachverständigenrat fordert in seinem jüngsten Gutachten, dass Pflegende Arbeiten von Ärzten übernehmen.Wollen die das überhaupt? Und geht das einfach so, muss da nicht die Rechtslage geändert werden? Denn wer übernimmt die Verantwortung?

Peter Jacobs: Die im Sachverständigengutachten 2007 geforderte modernisierte Arbeitsteilung insbesondere zwischen Ärzten und Pflegenden ist aus Sicht der Pflegenden absolut zu begrüßen. Es ist ein Anachronismus, dass im Wundmanagement weitergebildete versierte Pflegekräfte sich auch heute noch von Hausärzten etwa, die über keinerlei Weiterbildung auf diesem Gebiet verfügen, veraltete Behandlungsmethoden anordnen lassen müssen. Es geht auch bei dieser Arbeitsteilung primär nicht darum, dass Tätigkeiten wie die Blutabnahme von Pflegenden unbedingt erledigt werden müssen, sondern die Richtung muss sein, dass Pflegende sich zunehmend in die Prozesssteuerung der Patientenabläufe im DRG-Zeitalter einmischen.

Pflegende haben hier Kompetenzen, die genutzt werden können, wie Modellprojekte über Casemanagerinnen oder der Einsatz von Stationsassistentinnen zur Organisation der Abläufe zeigen. Durch diesen intelligenten Einsatz von Pflegenden können sowohl für Ärzte wie auch für die Pflegenden in der unmittelbaren Patientenversorgung Zeitressourcen freigesetzt werden. Natürlich bedeuten diese vom Sachverständigenrat angemahnten Veränderungsprozesse auch, dass die Rechtslage angepasst werden muss und dass insbesondere konservative Juristen, die immer noch den Allmachtsanspruch der Ärzte über die Patientenbehandlung hochhalten, umdenken müssen. Das Gesundheitswesen ist längst ähnlich wie die Industrie zu einem stark arbeitsteiligen Bereich geworden, der sich ohne Verantwortungsverteilung auf nichtärztliche Berufe gar nicht mehr wirtschaftlich steuern lässt.

In der Vergangenheit hat sich die Pflege geweigert, Verantwortung zu übernehmen. Wird sich das ändern? Wenn ja, wie und warum?

Peter Jacobs: Die Weigerung der Pflege, insbesondere während des letzten sogenannten Pflegenotstandes Ende der 80er Jahre, ärztliche Tätigkeiten zu übernehmen, war damals eine Art Notwehrmaßnahme. Dies hat sich heute völlig verändert. Es kann auch nicht darum gehen, dass Pflegende einfach nur zusätzliche Tätigkeiten übernehmen.

Was geschehen muss, ist eine Umverteilung von Arbeit. Es gibt zahlreiche Beispiele für Dinge, die heute in Deutschland noch in der Diskussion, im Ausland aber längst etabliert sind. Hier ist das Primary Nursing zu nennen, das nichts anderes ist als der Einsatz von unterschiedlich qualifizierten Personen in der Pflege unter Leitung von erfahrenen, bestens ausgebildeten Krankenschwestern. Die Ausstellung von Rezepten für Pflegehilfsmittel ist in anderen europäischen Ländern längst gang und gäbe.

Das Extrem stellt sicherlich die USA dar, wo rund 70 Prozent aller Narkosen nicht durch Ärzte, sondern durch weitergebildete Krankenschwestern verabreicht werden. In Dänemark, den Niederlanden, der Schweiz und Österreich haben Pflegeberufe längst Verantwortung im Gesundheitswesen übernommen.

Müssen alle Pflegenden besser qualifiziert werden? Welches Modell steht dahinter? Müssen dann die Krankenhäuser nicht ihre ganzen Prozesse neu organisieren? Und wie wirkt es sich aus – wirtschaftlich und für die Patienten?

Peter Jacobs: Ja, Pflegende müssen sowohl theoretisch wie auch insbesondere im Pflegefachlichen besser qualifiziert werden, die Schritte dazu sind eingeleitet. Die Krankenhäuser werden sich dahingehend neu organisieren müssen, dass sie die Ressource Pflegedienst wesentlich besser nutzen, indem sie Pflegende in die Prozesssteuerung einbinden; das heißt im Versorgungsmanagement, in der Integrierten Versorgung bis hin zum Casemanagement kann Pflege Prozesse übernehmen und damit sekundär auch Ärzte entlasten. Die Verweildauer kann dadurch weiter gesenkt werden, was zur Wertschöpfung im Unternehmen Krankenhaus beiträgt. Das Problem des deutschen Gesundheitswesens ist immer noch, dass zwar jeder darüber redet, dass der Patient im Mittelpunkt des Geschehens stehen muss, aber kaum jemand auch tatsächlich danach handelt.

Das kann beispielhaft daran deutlich gemacht werden, dass immer noch in vielen Kliniken unphysiologische Essenszeiten herrschen, weil das Essen insbesondere mittags und abends viel zu früh gebracht wird, um entsprechende Spätdienste in der Küche zu umgehen. Ein anderes Beispiel ist sehr häufig die Physiotherapie. Zwischen Montag und Freitag wird der Patient physiotherapeutisch bestens betreut. Dann kommt das Wochenendloch, und Physiotherapie spielt zwei Tage lang eine eher untergeordnete Rolle, oder im Extremfall sind dann plötzlich Schwestern gut genug, um Krankengymnastik mit dem Patienten machen zu können.

Röntgentermine und Ähnliches werden so gelegt, dass der Patient zum Beispiel sein Mittagessen nicht einnehmen kann. Das sind nur drei Beispiele von vielen, an denen man deutlich machen kann, dass in der Regel immer noch die Arbeitsabläufe aus Sicht der Beschäftigten wichtig sind und weniger daran gedacht wird, was für den Patienten wichtig ist.

Das Gespräch führte Uta Meurer.

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