Der neue Bibliomed-Klinik-Stresstest

Der neue Versorgungs-Explorer

Mit seinem Kliniksimulator hat der GKV-Spitzenverband für heftigen Donner in der Krankenhausszene gesorgt. Die Bibliomed-Redaktion setzt diesem nun im Rahmen ihres Bibliomed-Klinik-Stresstests ein differenziertes Analysetool entgegen. Mehr Freiheit und eine offene Diskussion auf valider Grundlage sind das Ziel.

Der Donner hallt immer noch nach. Seit der GKV-Kliniksimulator am 9. September gelauncht wurde, kann jedermann mit wenigen Klicks nachvollziehen, dass die Schließung eines Klinikstandorts fast nie nachteilig für die Versorgung sein soll. So behauptet es der Spitzenverband. Und die Frontmänner der Krankenhausverbände verwehren sich seither gegen „technisches Spielzeug" (DKG-Hauptgeschäftsführer Georg Baum), „Planspielchen der Krankenkassen" (VKD-Präsident Dr. Joseph Düllings) und das irreführende „Abzählen von Klinikstandorten" (DEKV-Verbandsdirektor Norbert Groß).

Hinter der Kritik steckt mehr als nur ein erwartbarer Reflex mutmaßlicher Besitzstandswahrer. Im Kern geht es um die methodische Blindheit des Simulators. Um Mark Twain zu bemühen: Donner ist gut und eindrucksvoll, aber die Arbeit leistet der Blitz. Im Falle des GKV-Simulators ist der Blitz nicht wirklich geladen. Die Annahmen, unter denen der Simulator programmiert wurde, sind zu restriktiv. Der Simulator blickt ausschließlich auf Fachabteilungen der Inneren Medizin und Allgemeinen Chirurgie, er kalkuliert lediglich eine Erreichbarkeitsnorm von 30 Minuten, er akzeptiert, dass Regionen mit weniger als 5.000 Einwohnern unversorgt bleiben („Betroffenheitsnorm"), und das ambulante Versorgungsangebot ignoriert er vollends. Weder legt der Simulator Wert auf bestimmte Leistungen, noch projiziert er in die Zukunft. Kurzum: Der GKV-Simulator erschlägt eine an sich wichtige Debatte über Versorgungssteuerung, Unter- und Überkapazitäten mit einem monokausalen Karten-Tool. Mark Twain hätte zum Simulator wohl gesagt: Wer als einziges Werkzeug einen Hammer hat, betrachtet jedes Problem als Nagel.

Zur Bewertung der Versorgungswirklichkeit und vor allem zur Versachlichung der Debatte sind intelligentere Werkzeuge notwendig. Die Redaktion öffnet deshalb einen neuen digitalen Werkzeugkasten. Gemeinsam mit unserem Hannoveraner Partner MEDIQON, einem auf Datenanalyse und Visual Analytics spezialisierten Informationsdienstleister, stellen wir einen eigenen Bibliomed-Klinik-Stresstest online bereit, der die Versorgungslandschaft gründlicher ausleuchtet.

Sie finden den Klinik-Stresstest unter »www.bibliomedmanager.de/klinik-stresstest


Das neue Tool basiert nicht auf vorgegebenen Strukturen, sondern bricht die Frage der Erreichbarkeit auf die Leistungsebene herunter. Deshalb startet es mit der Auswahl von Krankheiten. Um die User mit den vielen mehrdimensionalen Möglichkeiten nicht zu erschlagen, haben sich Redaktion und der Partner MEDIQON entschieden, für den Anfang mit zwei Krankheitsbildern zu beginnen, die höchst unterschiedliche Versorgungsformen erfordern: Herzinfarkt und Lungentumor. Bei ersterem zählt jede Minute. Der Patient muss so schnell wie möglich ins nächstgelegene Krankenhaus, möglichst mit einer Herzkatheter-Einrichtung. Eine große Versorgungsdichte ist entscheidend. Bei Zweiterem muss zwar auch rasch gehandelt werden. Wichtiger sind aber spezialisierte Teams. Die Fahrtzeit ins nächste Tumorzentrum darf deutlich länger sein als die zur nächsten Herzkatheter-Einrichtung.

Wie lang die jeweilige Fahrtzeit maximal sein darf, ist in keinem der Fälle eindeutig definierbar. Deshalb verzichtet das neue Analyse-Tool auf Vorgaben. Der User dagegen hat die Möglichkeit, dies selbst zu definieren. Er kann außerdem entscheiden, ob und welche Mindestmengen er definieren will, also ob nur Krankenhäuser mit einer bestimmten Mindestfallzahl zu berücksichtigen sind. Auch hier unterscheiden sich die beiden Indikationen fundamental. Beim Herzinfarkt sind die Mengen nicht essentiell. Wichtiger sind Strukturvoraussetzungen, etwa das Vorhandensein eines Facharztes oder der erwähnten Katheter-Einrichtung. (Solche strukturellen Gegebenheiten wird der Bibliomed-Klinik-Stresstest in den kommenden Wochen stetig ergänzen.) Mindestmengen sind hingegen bedeutsam bei der Krebstherapie. Schließlich ist es längst eine Binsenweisheit: Menge kann Qualität schaffen. Konzentriert man die Therapie allerdings an weniger Standorten, erhöht sich die Fahrtzeit. Ab wann es dadurch zur Unterversorgung kommt, ist Definitionssache. Auch diese Definition überlassen Bibliomed und MEDIQON dem User und damit dem Diskurs der Öffentlichkeit.

Der User kann auch selbst aussuchen, welche Häuser – auch mehrere gleichzeitig – aus dem Plan genommen werden sollen, und er kann analysieren, welche Auswirkungen dies in den entsprechenden Indikationen für ihre Region mit sich bringt. Sukzessive wird MEDIQON den ersten Teil des Bibliomed-Klinik-Stresstests erweitern. Zusätzliche Krankheitsbilder, Einwohnerzahl oder Altersgruppen sollen als Planungsindikatoren ebenso hinzukommen wie die Sitze der Niedergelassenen, um mehr über die Komplexität der Versorgungslandschaft zu erfahren.

Das Ziel der Redaktion und von MEDIQON ist es, mit dem Bibliomed-Klinik-Stresstest eine differenzierte Debatte über die Versorgung der Zukunft zu eröffnen. Neben dem jetzt gestarteten Krankenhausexplorer wird das Online-Angebot weiter wachsen. So sollen zusätzliche Analyse-Tools eingebunden werden, die Aufschluss darüber geben sollen, wo ein Haus im Wettbewerb steht und welche medizinische Strategie sich daraus ableiten lässt. Für die Versorgungsplanung sind damit automatisch auch Rückschlüsse auf Spezialisierungen und regionale Aufgabenteilung möglich. Denn eines ist uns seit dem Donnerhall, den der GKV-Simulator ausgelöst hat, klar: Der Debatte mangelt es an belastbaren Fakten. 

Autoren

 Stefan Deges
Dr. Stephan Balling

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