DRG|FORUM

Experten streiten über Richtung und Tempo der Gesundheitsreformen

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Dr. Carola Reimann, Vorstandsvorsitzende, AOK-Bundesverband
Dr. Carola Reimann, Vorstandsvorsitzende, AOK-Bundesverband © Regina Sablotny

Auf dem DRG|Forum in Berlin diskutierten Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Krankenkassen und Kliniken über die Zukunft des Sozialstaats und die Reformfähigkeit des deutschen Gesundheitssystems. Während erste Veränderungen bereits angestoßen sind, gehen die Einschätzungen über deren Tragweite auseinander. 

Auf dem DRG|Forum in Berlin haben am Freitagmittag Experten aus Politik, Wissenschaft, Krankenkassen und Kliniken intensiv über den Stand der Gesundheitsreformen und die Zukunft der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) diskutiert. Die Runde zeigte sich einig, dass Veränderungen nötig sind – strittig blieb jedoch, wie tiefgreifend und wie schnell sie umgesetzt werden müssen.

Akzeptanzverlust und steigende Belastungen

Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder von der Universität Kassel verwies auf einen spürbaren Legitimitätsverlust des solidarisch finanzierten Gesundheitssystems. Viele Menschen hätten "den Eindruck, dass für den eingesetzten Aufwand zu wenig rauskommt". Die Akzeptanz gegenüber Finanzierung und Leistungsfähigkeit des Systems nehme ab; zugleich stiegen Anforderungen und Kosten.

Die Vorstandsvorsitzende des AOK‑Bundesverbands, Carola Reimann, beschrieb eine ähnliche Wahrnehmung bei Versicherten: Die Beiträge stiegen, während Verbesserungen bei Zugängen, Wartezeiten oder Qualität häufig ausblieben. Die Ausgaben der GKV wüchsen "deutlich schneller als die Einnahmen". Eine "einnahmenorientierte Ausgabenpolitik" sei dringend nötig.

Kliniken: Spezialisierung statt Strukturdenken

Der CEO des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, Jens Scholz, kritisierte eine Überbetonung von Strukturkriterien. Ergebnisqualität sei entscheidender, aber schwieriger messbar. Die moderne Medizin sei hoch spezialisiert; komplexe Behandlungen seien stärker an erfahrenen Standorten mit entsprechender Ausstattung zu bündeln. Die Krankenhausreform könne diese Entwicklung unterstützen, sei jedoch in ihrer abgeschwächten Form weniger wirksam.

Wie gerecht ist das Solidarsystem?

Ates Gürpinar von der Fraktion Die Linke im Bundestag bezeichnete das System als "extrem ungerecht". Als Belege nannte er drei Punkte: die niedrigere Lebenserwartung ärmerer Menschen, die ungleiche Belastung verschiedener Einkommensarten sowie die Trennung zwischen gesetzlich und privat Versicherten. "Das Solidarsystem wird in diesen drei Fragen völlig ad absurdum geführt", so Gürpinar. 

Johannes Wagner vom Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag widersprach nicht grundsätzlich, verwies jedoch auf die im internationalen Vergleich hohe Leistungsfähigkeit des deutschen Systems. Reformen seien notwendig, aber die aktuelle Bundesregierung müsse jetzt zeigen, wie sie die Abschwächungen der ursprünglichen, von Karl Lauterbach (SPD) initiierten Krankenhausreform kompensieren wolle.

Krankenhausreform: Wirkung erwartet – aber begrenzt

Die Diskutanten kritisierten die Entschärfung der ursprünglich geplanten Reform. Wagner sieht "nicht mehr den richtigen Weg", während Scholz dennoch Veränderungen erwartet: Sobald Leistungsgruppen verbindlich zugeteilt seien, würden Krankenhäuser, Chefärzte und Weiterbildungsstrukturen reagieren.

Reimann betonte, die Reform bringe "mehr Licht als Schatten". Die wohnortnahe Grundversorgung bleibe stabil, während komplexe operative Eingriffe künftig klarer an Standorten mit entsprechender Ausstattung und klinischer Erfahrung konzentriert würden.

Primärversorgung: Patienten besser steuern

Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussionsrunde war die Frage, wie Menschen künftig zielgerichteter durch das System geführt werden können. Wagner forderte eine Stärkung des hausärztlichen Primärarztsystems, unterstützt durch digitale Erstbewertungen.

Reimann plädierte für interprofessionelle Teams in Primärversorgungszentren, die einen Großteil der Behandlungen abschließen könnten, bevor überwiesen werde. Dafür brauche es transparente Kapazitäten im Facharztbereich sowie klare Versorgungsaufträge.

Prävention: Deutschland im europäischen Vergleich weit zurück

Breite Einigkeit herrschte beim Thema Prävention: Deutschland hinke im europäischen Vergleich deutlich hinterher. Reimann verwies auf den von AOK-Bundesverband gemeinsam mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum entwickelten Public Health Index, in dem Deutschland bei der Umsetzung empfohlener Maßnahmen der Weltgesundheitsorgaisation nur vorletzter sei.

Schroeder betonte, Prävention sei kulturell und institutionell unzureichend verankert: "Wir haben großen Nachholbedarf." Ohne Verhältnisprävention – etwa bei Tabak, Alkohol, Ernährung oder Bewegung – ließen sich weder Ausgaben langfristig stabilisieren noch gesundheitliche Folgen reduzieren.

Autor

 Nadine Millich

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