Hochwasser

„Um 3:35 Uhr haben wir das Krankenhaus aufgegeben“

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Die Hochwasserkatastrophe hat das Eschweiler St.-Antonius Hospital schwer getroffen. 300 Patienten mussten evakuiert werden, ein Millionenschaden steht zu Buche. Geschäftsführer Elmar Wagenbach lässt die dramatische Flutnacht Revue passieren.

Bereits am Mittwoch, den 14. Juli, um 13:00 Uhr wurde bei uns im St.-Antonius-Hospital (SAH) der kleine Krisenstab aufgrund des deutlich steigenden Wasserpegels an der Inde, die üblicherweise einen Wasserstand unter 40cm hat, in Eschweiler einberufen. Zu diesem Zeitpunkt haben wir uns dazu entschlossen, noch keine akuten Maßnahmen zu ergreifen. 

Gegen 15:30 Uhr haben wir uns dann dazu entschlossen, die Spundwände montieren zu lassen. Somit hatten wir ab 16:00 Uhr einen technischen Hochwasserschutz bis zu einer Höhe von 340 cm Wasserpegel. Der bisherige Höchststand der Inde betrug im Jahr 1967 240 cm bekannt. Nach 1967 wurden zahlreiche Ausbauten der Inde vorgenommen, damit ein Wasserstand von 240 cm ausgeschlossen werden sollte.

Bereits um 16:30 Uhr war das Wasser in eine Nebenstraße in der Nähe des SAH eingedrungen. Wir fragten die Feuerwehr, ob eine Evakuierung zumindest der Intensivstation angebracht sei. Dies wurde verneint.

Als dann das Wasser in die Dechant-Deckers-Straße lief, alarmierten wir um 19:00 Uhr ca. 25 Pflegekräften zur Verstärkung des Nachtdienstes. Als sie am Krankenhaus ankamen, musste sie schon Knietief durch das Wasser waten. 

Der Wasserspiegel stieg kontinuierlich 10 cm pro Stunde. Der Krisenstab tagte nun stündlich. Nach der Besprechung um 0:00 Uhr wurden alle Sauerstoffflaschen aus dem Notfalldepot auf die Stationen zu den sauerstoffpflichtigen Patienten gebracht, da nicht klar war, ob und wie lange bei einem Wassereinbruch in das Gebäude die zentrale Sauerstoffversorgung gewährleistet ist. Kritische Patienten aus den Überwachungsbereichen wurden vorsorglich auf die Intensivstation verlegt, da hier eine höhere Personalstärke vorhanden war. Zu dieser Zeit war der Wasserpegel schon extrem kritisch und die Spundwände wurden mit Sandsäcken auf 350 cm erhöht. Letztendlich war der Höchststand der Inde am 15. Juli bei 373,5 cm.

Evakuierung der Helfer in der Nacht 

Als die Pegelhöhe gegen 3:30 Uhr am 15. Juli extrem kritisch wurde, haben wir das SAH vom regionalen Stromversorger abwerfen lassen. Nach wenigen Sekunden wurde die Stromversorgung von den hauseigenen Notstromaggregaten übernommen. Der Pegel stieg allerdings so schnell, dass bereits wenige Minuten der Wasserschutzwall überschwemmt wurde. Um 3:35 Uhr habe ich entschieden, das Haus aufzugeben und auch die Notstromversorgung abzuschalten. Die Feuerwehrleute und andere Rettungskräfte wurden umgehend aus dem Untergeschoss evakuiert. Binnen kürzester Zeit wurde das komplette 1. und 2. Untergeschoss sowie das gesamte Außengelände geflutet.

Aufgrund des Höhenunterschiedes des Wasserpegels der Inde und der Untergeschosse wurde das Gebäude mit einer Flutwelle verwüstet. Ein vier Tonnen schwerer MRT wurde vom Wasserdruck aus seiner Halterung gerissen und zur Seite gespült. Alle T90-Feuerschutztüren wurden im kompletten Gebäude zum Teil aus den Mauern gerissen oder aber die Türrahmen brachen einfach durch. 

Die Evakuierung der Intensivstation erfolgte mit drei Hubschraubern. Die Patienten der Intensivstation mussten auf Tragen vom 7. Stockwerk zur Hubschrauberplattform ins 10. Stockwerk gebracht werden. Eine Evakuierung mit Krankentransportwagen war zu diesem Zeitpunkt noch nicht möglich. Als dann der Wasserpegel weiter gesunken war, startete die Evakuierungsaktion mit 40 Krankentransportwagen. Insgesamt wurden an diesem Tag 295 Patienten, davon 17 Intensivpatienten, evakuiert. Aufgrund des großen Engagements von Hilfskräften und Mitarbeitern des SAH hat weder ein Patient noch ein Mitarbeiter einen körperlichen Schaden erlitten.

Erste Begehung

Nachdem zwei Tage das Wasser abgepumpt wurde, konnten wir am 20. Juli eine erste Begehung des 1. UG vornehmen. Alle Möbel, Geräte, Türen und Brandschutzdecken waren wild im Gebäude verteilt. Am 21. Juli haben dann Helfer des THW mit 80 Männern eine Gebäudesicherung vorgenommen. Seit dieser Zeit haben Mitarbeiter des SAH und freiwillige Helfer das komplette Untergeschoss des Haupthauses und seine Nebengebäude von Unrat beseitigt. Das Gebäude haben jeden Tag externe Architekten und Statikern untersucht, damit frühzeitig ein potenzielles statisches Problem erkannt werden könnte. In dieser Sicht haben wir dann doch Glück gehabt, denn es gibt keine statischen Probleme an allen Gebäuden.

Schadensbilanz

Der Schaden am Gebäude und der Infrastruktur ist immens und beläuft sich auf Basis einer groben Kalkulation auf über 50 Millionen Euro. Die komplette technische Infrastruktur ist abgängig. Weiterhin muss eine Gebäudefläche von rund 5.500 Quadratmetern kernsaniert werden. Neben Technik und Gebäude sind 2 OP-Säle, ein Nierenlithotripter, Uroröntgen, Urodynamik, Narkosegeräte, die komplette Medizintechnikwerkstatt, die Bettenzentrale, Wäschelager, die komplette Apotheke inkl. Verteilautomat etc. zerstört.

Einige dieser Grundversorgungseinheiten sind bereits nach zwei Wochen wieder hergestellt. So verfügen wir zwischenzeitlich wieder über Strom, die Frischwasserversorgung ist bereits instandgesetzt. Es ist einen neue Telefonanlage installiert, zwar nur mit 128 Telefonen, aber dies ist schon einmal ein Anfang, und in einem Gebäudeteil ist die Abwasserleitung wieder funktionsfähig. Der andere Gebäudeteil soll nach weiteren zwei Wochen funktionsfähig sein. Es wurde ein neues Brandschutzkonzept erstellt und wenn dieses genehmigt wird, soll am 2. August  wieder mit der ambulanten Behandlung gestartet werden. Danach wollen wir kurzfristig die Dialyse und die onkologische Ambulanz in Betrieb nehmen. 

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