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Gewalt auf Station

Ärzte und Pfleger als Täter

Ärzte und Pfleger als Täter

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  • 01.01.2017

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Ausgabe 1/2017

Seite 10

Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. Jürgen Osterbrink

Gewalt, sexueller Missbrauch, sogar Mord: Viele dieser Verbrechen im Krankenhaus haben wiederholt Schlagzeilen gemacht und die Öffentlichkeit erschüttert. Doch oft bleiben die Täter unentdeckt. Kliniken sollten ihre Mitarbeiter sensibilisieren, um Warnzeichen zu erkennen und Übergriffe präventiv zu verhindern.

In einer scheinbar geschützten klinischen Umgebung sind zunächst keinerlei Formen von Gewalt zu erwarten, vor allem nicht von Menschen, die sich das Heilen und Pflegen zur Aufgabe gemacht haben. Dass Ärzte oder Pfleger vorsätzlich schaden oder töten, erscheint angesichts eines vermeintlich unantastbaren Territoriums als vollkommen abwegig.

Bedingt durch die günstigen Voraussetzungen ist davon auszugehen, dass ein Großteil der Gewalthandlungen erst gar nicht ans Tageslicht gelangen. So gehört zum Beispiel das Setzen von Spritzen oder das Verabreichen von Medikamenten zu den alltäglichen Arbeitsvorgängen im Krankenhaus. Und nicht zuletzt ist auch das Ableben eines Patienten in einer solchen Einrichtung keine Seltenheit. Die Taten stehen unter dem Schutzmantel des Stationsalltags und erhöhen somit deren Aufdeckungsbarriere.

Ähnlich gestaltet sich der wohl spektakulärste deutsche Fall von Patiententötung. Im Februar 2015 wird der ehemalige Krankenpfleger Niels H. vom Oldenburger Landgericht zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Vor Gericht stand der damals 38-Jährige wegen der Ermordung zweier Patienten und des versuchten Mordes an drei Patienten zwischen 2003 und 2005 am Klinikum Delmenhorst. Im Verlauf des Prozesses hatte der Angeklagte zudem gestanden, insgesamt 90 intensivpflichtigen Patienten eine Überdosis eines Medikaments verabreicht zu haben, das zur Behandlung von Herzrhythmusstörungen verschrieben wird. Ein Drittel der Betroffenen sei dabei gestorben. Wie viele Menschen er tatsächlich tötete, ist bis heute unklar. H. gab vor Gericht an, sich nicht mehr an all seine Opfer erinnern zu können. Die anhaltenden Ermittlungen umfassen mehr als 200 Verdachtsfälle.

Gewalt und deren Ursprünge

Im Fall Niels H. und in anderen Beispielen handelt es sich um Wiederholungsdelikte. Die Täter sind Ärzte und Mitarbeiter aus dem Pflegebereich – Personen, die häufig mit Tod und Sterben konfrontiert und sowohl hohen psychischen als auch körperlichen Anstrengungen ausgesetzt sind. Zudem haben sich die Arbeitsumstände vor allem in der Pflege in den vergangenen Jahren deutlich verschärft: Erheblicher Personalmangel, latente Überbelastung, permanenter Zeitdruck und eine vergleichsweise niedrige Bezahlung kennzeichnen den Alltag auf Station. In diesem Zusammenhang erscheint es nahezu unmöglich, ein allgemeingültiges Motiv für Gewalt genauer zu definieren.

Gewalt entsteht stets durch die Wechselwirkungen verschiedener komplexer Ursachen. Erfahrungsgemäß sind dem Gewaltakt Ereignisse vorangestellt, die beim Mitarbeiter oder beim Patienten Frustration, Enttäuschung, Angst, Ärger oder andere negative Emotionen hervorrufen. Kritische Situationen können direkt aus dem Patientenverhältnis resultieren, ihren Ursprung aber auch außerhalb dieser Beziehung manifestieren. Dabei ist zu beachten, dass Aggressionen nicht zwangsläufig auf denjenigen gerichtet sein müssen, der sie verursacht hat.

So wollte auch Hebamme Regina K. den Tod der werdenden Mütter herbeiführen, um ein Ventil für ihre Wut zu finden (Textkasten: Hebamme bringt Schwangere in Lebensgefahr). Frustriert von ihrer Stelle, ihren Aufgaben und ihren Kollegen, die ihr keine Wertschätzung entgegengebracht hätten, wollte sie laut eigenen Angaben ihrem Ärger Luft machen. Ihre Taten bezeichnete K. im Verlauf des Prozesses als „Demonstration einer Überlegenheit“.

Hebamme bringt Schwangere in Lebensgefahr
München, Oktober 2016 – „Das sollte eigentlich der schönste Tag des Lebens werden, aber es wurde der schlimmste”, zitiert der Vorsitzende Richter des Landesgericht München eine Klägerin. Die Frau ist eine von insgesamt sieben Patientinnen, die zwischen 2012 und 2014 von Hebamme Regina K. kurz vor ihrer Entbindung den Blutverdünner Heparin verabreicht bekamen und somit absichtlich in Lebensgefahr versetzt wurden. Die Unzufriedenheit mit ihrer Stelle und ihren Kolleginnen seien laut Anklage das Motiv der perfiden Mordversuche gewesen, mit denen die 35-Jährige ihre Überlegenheit demonstrieren und ihren Frust kompensieren wollte. Das Gericht verurteilte Regina K. zu einer 15-jährigen Haftstrafe in Verbindung mit einem lebenslangen Berufsverbot.

Auch dem ehemaligen Krankenpfleger Niels H. mangelte es nach Ansicht des urteilenden Richters an Anerkennung. Allerdings ging es dem Angeklagten nicht vordergründig um das Töten als Tat der Genugtuung, sondern um das Ansehen seiner Kollegen, das er glaubte, in Rettungssituationen zu erfahren. Für die Beherrschung einer Situation der gefühlten Überforderung nahm H. den drohenden Tod der Patienten billigend in Kauf.

Ihre Tatmotive charakterisieren Regina K. und Niels H. als überdurchschnittlich selbstunsichere Menschen, die sich primär über die Anerkennung und Wertschätzung anderer definieren. Bleiben diese Bestätigungen im Alltag aus, so kann dies bei den Tätern zur Frustration führen, die sich in Gewalt niederschlägt.

Warnzeichen frühzeitig erkennen

Gewaltakte im Gesundheitssektor und deren Auswirkungen lassen sich in der Praxis oftmals nur schwierig erkennen. Entweder sind die Opfer nicht mehr in der Lage, von ihren Erlebnissen zu berichten oder sie schämen sich und haben Hemmungen, Vorfälle zu melden. Daher ist es umso notwendiger, das Bewusstsein für mögliche Gewaltanwendungen zu schärfen und Mitarbeiter für diese Problematik zu sensibilisieren. Dies betrifft sowohl das Verhalten und die körperliche Verfassung des Patienten als auch das Verhalten der Angestellten.

In der Angelegenheit des verurteilten Chefarztes aus Bamberg war es eine Patientin, die mit ihrer Anzeige die Ermittlungen entscheidend vorantrieb (Textkasten: Chefarzt vergewaltigt junge Frauen). Nach einer angeblichen Untersuchung durch den Mediziner klagte die Frau über Schwindelgefühle und Erinnerungslücken. Daraufhin ließ sie sich von ihrem Vater, ebenfalls Arzt, eine Blutprobe entnehmen, in der ein Betäubungsmittel nachgewiesen werden konnte.

Chefarzt vergewaltigt junge Frauen
Bamberg, Oktober 2016 – Schwere Vergewaltigung in sechs Fällen und schwere sexuelle Nötigung in fünf Fällen lautet die Anklageschrift
im Fall von Heinz W., dem ehemaligen Chefarzt des Bamberger Klinikums. In einem bundesweit beachteten Prozess verurteilte das Landgericht Bamberg den 51-Jährigen zu sieben Jahren und neun Monaten Haft. Dem Mediziner wurde vorgeworfen, zwischen 2008 und 2014 zwölf junge Frauen betäubt und anschließend missbraucht zu haben. Der Angeklagte wies die sexuellen Motive zurück und gab an, dass er lediglich neue Behandlungsmethoden gegen Beckenvenen-Thrombosen erprobt habe.

Indizien für solche Übergriffe von Angestellten eines Krankenhauses auf Patienten können ein Fehlbestand oder ein hoher Verbrauch an Medikamenten sowie das Auffinden von leeren Ampullen sein. Auch das vermehrte Auftreten von Todesfällen während der Dienstzeit eines bestimmten Mitarbeiters nährt Verdachtsmomente.

Einen ähnlichen Fall wie den des Bamberger Chefarztes behandelte aktuell das Hamburger Landgericht. Dieses sah es als erwiesen an, dass der Arzt seine Pflichten missbraucht hatte (Textkasten: Unfallchirurg vergeht sich an Patientin).

Unfallchirurg vergeht sich an Patientin
Hamburg, Dezember 2016 – Sexueller Missbrauch einer Patienten lautete der Vorwurf gegen den früheren Unfallchirurgen am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), Dr. T. Die große Strafkammer 29 des Landgerichts Hamburg verurteilte des 36-jährigen Mediziner zu einer Freiheitsstrafe von 15 Monaten auf Bewährung. Der Arzt hat im Laufe des Prozesses gestanden, sich 2014 an der Patienten mit seinen Fingern vergangen zu haben. Seinem Opfer, das sich wegen Rückenschmerzen hatte behandeln lassen wollen, hatte er damals erklärt, die Untersuchung sei medizinisch notwendig.
Das Urteil fiel milde aus, da der Arzt der Betroffenen 10.000 Euro Schmerzensgeld gezahlt und sich entschuldigt hatte.
Ihm drohen außerdem berufsrechtliche Konsequenzen.

 

Präventives Handeln

Für gewaltpräventives Handeln ist es von essenzieller Bedeutung, Pflegende und Ärzte nicht sich selbst zu überlassen, sondern ihnen möglichst frühzeitig professionell beizustehen. Das Zugeständnis, dass Fehler passieren können und dürfen, kennzeichnet dabei den ersten wichtigen Schritt. Eine angenehme Arbeitsatmosphäre in Form einer fortlaufenden Kommunikation, gegenseitiger Rücksichtnahme und Anerkennung wirkt der Gewalt- und Aggressionsentstehung entgegen. Eine klare Arbeitsorganisation mit nachvollziehbaren Strukturen und einer fundierten Pflegeplanung steigert zudem die Zufriedenheit der Mitarbeiter. Letzteres liegt auch in der Verantwortung der Führungspersönlichkeit eines Unternehmens, deren Aufgabe es ist, die notwendigen Grundlagen für ein respektvolles und auf Augenhöhe basierendes Arbeiten im Team zu schaffen.

Den richtigen Umgang mit negativen Gefühlen innerhalb von Stresssituationen zu erlernen, ist ein weiterer Ansatz, um Gewalt im Vorfeld zu verhindern. Hierfür sollten im Krankenhaus entsprechende Unterstützungs- und Entlastungsangebote für Mitarbeiter zur Verfügung stehen, die einen ausreichenden Austausch über tägliche Belastungen und eigene Erfahrungen im Team ermöglichen. Dies bedeutet auch, dass sämtliche Mitarbeiter für die Zeichen und Symptome von Burn-out sensibilisiert sind. Sind diese bekannt, kann der Mitarbeiter eine Überlastung der eigenen Person oder der Kollegen rechtzeitig erkennen und darauf reagieren.

Literaturhinweise beim Verfasser

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