Zum Abschied von DKG-Chef Georg Baum

Abgang eines Strippenziehers

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  • 12.03.2021

Georg Baum geht als DKG-Hauptgeschäftsführer nach 15 Jahren in Ruhestand. Sein Gesicht ist eng verbunden mit der Einführung der Fallpauschalen und dem Wandel der DKG vom Lobbyverein zum Selbstverwaltungspartner. Dafür hat Baum von seinen Leuten viel Prügel eingesteckt – ist aber immer ziemlich cool geblieben.

Georg Baum wirkt seit über 30 Jahren im Kosmos Gesundheitswesen, und das ist unüberhörbar. Fragt man ihn zu einem der mannigfaltigen Krankenhausthemen, antwortet er fast immer ansatzlos – und druckreif. Scheinbar mühelos greift er dabei nach Begriffen aus dem Sozialgesetzbuch und bettet sie wie selbstverständlich in seine Ausführungen ein. Kein Wunder, schließlich hat er das SGB V maßgeblich mitgeprägt. Der gebürtige Franke war bereits mit 37 Jahren Abteilungsleiter im Bundesgesundheitsministerium (BMG), 2006 wechselte er auf den Chef-Posten der DKG, den er bis heute bekleidete. Die Nullerjahre waren für die Krankenhäuser eine Zeit der Umwälzung: Die Fallpauschalen wurden eingeführt, der Gemeinsame Bundesauschuss (G-BA) ging an den Start und die Privatisierung der Krankenhauslandschaft war in vollem Gange. Baums Gesicht ist fest verbunden mit diesem Wandel. Im Jahr 2000 reiste er (noch als Ministerialer) zusammen mit f&w-Gründerin Uta Meurer und anderen nach Australien, um das DRG-System unter die Lupe zu nehmen. 2005 adaptierte Deutschland dieses Finanzierungssystem. Ein Treiber dieses Systemwechsels: Georg Baum. Schon im Sommer 2001 schrieb er in f&w einen Beitrag mit dem Titel „Das australische DRG-System ist auf Deutschland übertragbar“.

Als DKG-Hauptgeschäftsführer waren die Fallpauschalen dann Baums tägliches Brot, und auch die Rolle der DKG änderte sich mit ihm fundamental. Der einstige Lobbyverein wandelte sich zum Selbstverwaltungspartner. Damit hatte Baum in den zurückliegenden 15 Jahren de facto zwei Jobs: Er war Krankenhauslobbyist und Chefverhandler mit Pflichten und Fristen. Der DKG-Chef tütete in seiner Amtszeit hunderte Rahmenverträge mit den Krankenkassen ein – oft mehr als 40 im Jahr. Die rund hundert Mitarbeiter der DKG arbeiten heute zum Großteil an Selbstverwaltungsaufgaben. Nutzenbewertung, Qualitätsvorgaben oder DRG-Codes – über alles bestimmt die DKG mit.

Ein Mann der Kompromisse

Sicher ist, dass Baum Nehmer-Qualitäten hat – sonst säße er am falschen Platz. Für die vielen Kompromisse, die er mit den Kassen und der Politik schloss, hat er intern immer wieder heftig Prügel bezogen. Denn die DKG ist eine vielstimmige Gemeinschaft und ihr Anspruch, diese heterogenen Interessen unter einen Hut zu bringen, ist zugleich ihr größtes Abenteuer. Zwischen kleinen, mittleren, großen sowie kommunalen und privaten, wirtschaftlich desolaten und prosperierenden Krankenhäusern liegen Welten. Bei allen Themen, wo es Gewinner oder Verlier gibt, wo man Dinge weltanschaulich unterschiedlich sehen kann oder wo Größentypen eine Rolle spielen, war Baum ausgebremst. Bei Kassen und Politik haftete der DKG deshalb das Image eines Blockierers an, der nur „mehr Geld“ fordert und konsensbedingt schwachbrüstig sei. Doch dieses Image wird Baum nicht gerecht. Er hat die Rolle der DKG geprägt – und darauf kann er stolz sein. Die jährlichen Verhandlungen zum DRG-System beispielsweise, das immerhin die Verteilung von fast 80 Milliarden Euro pro Jahr festlegt, verlaufen ziemlich lautlos – ganz im Gegensatz zu den Verhandlungen der niedergelassenen Ärzte um ihre Vergütung.

Großes Lob der einstigen Chefin

Eigentlich wollte Baum ein „richtiger Volkswirt“ werden. „Dass es dann die Sozialpolitik geworden ist, empfinde ich nicht als negativ“, resümiert Baum. Der Satz passt zu ihm. So nüchtern, wie er Lobbypolitik betreibt, blickt er auch auf sich selbst. Was ihn wirklich bewegt, zeigt er selten. Baum bleibt meistens cool – und freundlich. Denn trotz vieler Anfeindungen ist der passionierte Golfer (Handicap 15,5) jederzeit ein angenehmer Gesprächspartner geblieben. „Berechenbar und kooperativ“ – so möchte Baum wahrgenommen werden. Schon Ulla Schmidt, seine ehemalige Chefin im BMG, lobte ausdrücklich seine Loyalität: „Obwohl er aktives FDP-Mitglied war, konnte ich ihn als Unterabteilungsleiter bedenkenlos auf jede Veranstaltung schicken und wusste, er würde die Ministeriumslinie vertreten.“ Auch im Interessensorbit der DKG agierte Baum immer loyal. Nicht alles, was er nach außen hart vertreten hat, war seine Meinung. Die Pflegepersonaluntergrenzen etwa sieht er – anders als sein Nachfolger Gerald Gaß – längst nicht so kritisch wie die Mehrheit der Klinikvertreter und auch bei anderen Themen konnte der im politischen Berlin bestens vernetzte Baum nicht immer so, wie er wollte.

Als Baum eine Demo mit 120.000 anführte

Doch bei aller Liebe zum deutschen Korporatismus – Baum kann auch die Krallen ausfahren. 2008, als die finanzielle Not der Kliniken besonders groß war, schmiedete die DKG ein beispielloses Bündnis mit den Gewerkschaften und Berufsverbänden. 120.000 Klinikmitarbeiter standen mit Schildern und Trillerpfeifen vor dem Brandenburger Tor und lieferten der Presse eindrucksvolle Bilder. Baum lief bei der Demo in der ersten Reihe mit. Für das FDP-Urgestein zählt diese Aktion bis heute zu seinen größten Erfolgen. Zu Recht, denn eine so mächtige Allianz zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften ist bis heute in Deutschland einzigartig.

Spahns Würdigung zum Abschied

Corona hat Baums letztes Amtsjahr getrübt. Er hätte sich einen Abschied auf Raten gewünscht: Auf dem DKG-Frühjahrsempfang, dem Deutschen Krankenhaustag und dem DRG-Forum. So blieb ihm der Applaus, den er verdient, verwehrt. Immerhin, am 3. März hat die DKG eine große digitale Abschiedsrunde für Baum organisiert. Minister Jens Spahn hat sich extra zugeschaltet. Baum sei jemand, der wisse, dass es im Gesundheitswesen um mehr gehe, als nur das eigene Interesse, sagte der Minister. Das dürfte Baum gefreut haben.

Die Karriere des Volkswirts Georg Baum begann als Referent für Wirtschaftspolitik bei der FDP-nahen Friedrich Naumann-Stiftung. Es folgten drei Jahre als persönlicher Referent des Bundestagsvizepräsidenten Dieter-Julius Cronenberg (FDP). Nach weiteren drei bei der FDP-Bundestagsfraktion leitete Baum drei Jahre das Bonner Büro des Verbands der Betriebskrankenkassen, ehe er 1991 ins Gesundheitsministerium wechselte (damaliger Minister war Horst Seehofer). Mit 37 wurde er einer der jüngsten Unterabteilungsleiter des Ministeriums, das er nach 14 Jahren Richtung DKG verließ. Dort ist er seit 2006 Hauptgeschäftsführer.

Baum trat schon während seines Wehrdienstes in die FDP ein und ist seit über 40 Jahren Mitglied. 1998 kandidierte Baum im Wahlkreis Neuwied für den Bundestag. 2009, als klar war, dass die FDP in der Koalition mit der Union das Gesundheitsministerium besetzen würde, rechneten viel mit der Ernennung Baums zum Minister oder Staatssekretär. Die Parteispitze um Guido Westerwelle hievte jedoch andere in diese Positionen.

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