Die Universitätsmedizin Magdeburg (UMMD) zeigt, wie Nachhaltigkeit im Klinikalltag funktioniert – mit Quick Wins, Energieeffizienz und Teamfokus.
Wenn es um Nachhaltigkeit geht, denkt man oft an Windräder, Recycling oder Elektroautos. Doch auch Krankenhäuser stehen zunehmend im Fokus. Schließlich zählen Kliniken zu den größten Energieverbrauchern – und sie prägen durch ihre Größe auch das Leben in einer Region. Die UMMD hat diese Verantwortung erkannt und zeigt, wie nachhaltiges Handeln in einem komplexen Klinikbetrieb aussehen kann.
Kein Trend, sondern Muss
Nachhaltigkeit ist kein Nice-to-have, sondern ein Must-have. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen gibt es die offensichtliche Verantwortung gegenüber Umwelt und Gesellschaft. Zum anderen sichern nachhaltige Geschäftsmodelle die Zukunftsfähigkeit der Einrichtung: Sie erschließen neue Finanzierungsquellen, machen die UMMD für Versicherungen sowie Kooperationspartner attraktiver und stärken das Vertrauen von Bewerber:innen. Diese Kombination aus ökologischen, ökonomischen und sozialen Faktoren bildet die Basis des Magdeburger Nachhaltigkeitsverständnisses: Kosten sparen, Klima schützen und Mitarbeitenden gute Arbeitsbedingungen bieten.
Quick Wins als Türöffner
Ein Erfolgsrezept in Magdeburg lautet: klein anfangen, schnell umsetzen, Wirkung zeigen. Quick Wins nennt das Projektteam diesen Ansatz. Statt in langen Strategiepapieren zu verharren, werden konkrete Projekte zügig auf den Weg und in die Praxis gebracht. Dazu gehört zum Beispiel die Bemühung, zukünftig möglichst vollständig auf Lachgas zu verzichten, einem der klimaschädlichsten Narkosegase. Auch Mehrwegverpackungen in der Kantine oder ein eigenes Jobradprogramm für Mitarbeitende gehören zu diesen ersten Schritten.
Das Prinzip ist einfach: Jede gelungene Maßnahme schafft Vertrauen und Motivation für die nächste. So entsteht ein Kreislauf, in dem Nachhaltigkeit nicht mehr als Zusatzaufgabe, sondern als selbstverständlicher Teil des Klinikalltags wahrgenommen wird.
Energie sparen mit System
Besonders eindrucksvoll sind die Erfolge im Energiemanagement. In einem Energieeinspar-Contracting (Kasten Energiespar-Contracting) wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Maßnahmen umgesetzt: moderne Lüftungsanlagen mit Präsenzsteuerung im OP, hocheffiziente Pumpen und Wärmetauscher sowie der großflächige Austausch von Leuchtmitteln gegen LED-Technik. Allein durch diese Maßnahmen spart die UMMD jedes Jahr Tausende Tonnen CO₂ und Millionen Kilowattstunden Energie ein.
Der nächste Meilenstein ist schon in Vorbereitung: Blockheizkraftwerke sorgen ab 2025 für eine Eigenstromversorgung. Das reduziert nicht nur die Abhängigkeit vom Energiemarkt, sondern ermöglicht langfristige Planungssicherheit – ein unschätzbarer Vorteil in Zeiten steigender (Energie-)Kosten. Jeder Euro, der heute in Energieeffizienz fließt, ist ein doppeltes Invest in die Zukunft – bei den Kosten und beim CO₂-Ausstoß.
Projekt Ergo-ITS und Arbeitsgruppe Intensivpflege
Zur Steigerung der sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Nachhaltigkeit in den Intensivtherapiestationen (ITS) hat
die UMMD zwei Arbeitsformate geschaffen: das Projekt Ergo-ITS und die Arbeitsgruppe Intensivpflege:
- Das Projekt Ergo-ITS zielt mit dem Fokus auf die Ergonomie dabei primär auf die Reduktion der körperlichen Belastungen ab. Hierfür fanden mit Pflegekräften aller ITS und Intermediate Care Stationen (IMC) Workshops vor Ort auf den ITS statt, in welchen über 30 verschiedene technische, organisatorische und personenbezogene Maßnahmen vorgestellt und hinsichtlich ihrer Praktikabilität für den jeweiligen Bereich besprochen wurden. Danach erfolgte in arbeitsteiliger Form zwischen Verwaltung und ITS-/IMC-Bereich die Umsetzung der als zweckmäßig identifizierten Maßnahmen. Dies umfasste Beispiele wie die Erprobung von Exoskeletten, die Einführung neuer Lagerungshilfen in das Bestellsystem der UMMD oder die Beschaffung von Stillsesseln und speziellen Säuglingstrage- systemen für die neonatologische ITS.
- Die Arbeitsgruppe Intensivpflege arbeitet in regelmäßigen Treffen mit Pflegekräften aus ebenfalls allen ITS- und IMC-Bereichen auf die stationsübergreifende Standardisierung von Prozessen hin. Als äußerst nachhaltig hat sich der von den Mitgliedern der Arbeitsgruppe entwickelte Perfusoren-Standard erwiesen. Auch die OP-Bereiche und die Zentrale Notaufnahme der UMMD haben sich diesem Standard angeschlossen, wodurch bei wechselseitigen Patientenübernahmen keine Entsorgung von Material sowie Medikamenten mehr notwendig ist und gleichzeitig sowohl die Patientensicherheit als auch die Handlungssicherheit in der täglichen Arbeit gesteigert werden konnten.
Für beide Formate gelten einige grundsätzliche Erfolgsvoraussetzungen: Partizipation der unmittelbar betroffenen Personen, Organisation und Moderation der Treffen durch versierte Mitarbeitende aus der Verwaltung und volle Rückendeckung durch den Vorstand.
Menschen im Blick
Doch Technik allein macht noch keine nachhaltige Klinik. Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf den Mitarbeitenden. Denn ohne zufriedene, gesunde und engagierte Fachkräfte nützen auch die modernsten Geräte nichts.
Das UMMD setzt deshalb auf drei Benefits für Mitarbeitende:
- Flexiblere Arbeitszeitmodelle – damit Beruf und Privatleben besser vereinbar sind.
- Gesundheitsprogramme direkt auf Station – von Rückenschulungen bis zum Einsatz von Exoskeletten, die körperlich schwere Arbeiten erleichtern.
- Ein betriebliches Gesundheitsmanagement – das körperlichen und mentalen Belastungen gezielt vorbeugt.
Besonders zielführend ist der Ansatz, Mitarbeitende selbst stärker in die Gestaltung ihrer Arbeit einzubeziehen (Projekt Ergo-ITS und Arbeitsgruppe Intensivpflege). Wunschdienstpläne, frühzeitigere Dienstplanungen und Pilotprojekte wie der Stationsservice, der Pflegekräfte von nichtpflegerischen Aufgaben entlastet, sind Beispiele dafür. Das Ergebnis: eine Arbeitskultur, in der Nachhaltigkeit auch bedeutet, langfristig gesund im Beruf bleiben zu können.
Auszubildende leiten Station
Der Fachkräftemangel ist eine der größten Herausforderungen im Gesundheitswesen. Auch hier setzt die UMMD auf nachhaltige Strategien. Von Berufswerbung und -orientierung an Schulen, hauseigenem Ausbildungstag über Praktika und Freiwilligendienste bis hin zu Recruiting-Videos wird intensiv in Nachwuchsgewinnung investiert.
Auszubildende erhalten nicht nur eine fundierte Ausbildung, sondern auch attraktive Perspektiven. Ein Highlight ist das Format, in dem Auszubildende zeitweise die Verantwortung für eine Station übernehmen. Das stärkt Selbstbewusstsein und Identifikation mit der UMMD.
Darüber hinaus kümmert sich die UMMD um internationale Pflegekräfte. Mit einer Koordinatorin für Integrationsmanagement und einem Patenprogramm gelingt es, Fachkräfte aus dem Ausland erfolgreich ins Team zu holen.
Vernetzung mit Partnern
Nachhaltigkeit endet nicht am Klinikzaun. Die Universitätsmedizin Magdeburg arbeitet eng mit der Stadt, der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und weiteren Partnern zusammen. So entsteht ein Netzwerk, das auch außerhalb der Klinik in der gesamten Region Impulse setzt – sei es im Klimaschutz oder in der Gesundheitsförderung in Sachsen-Anhalt.
Die bisherigen Erfahrungen zeigen deutlich: Nachhaltigkeit lohnt sich. Die Klinik spart Energiekosten in Millionenhöhe, verbessert ihr Image als Arbeitgeber und sichert langfristig ihre Wettbewerbsfähigkeit. Damit stellt sich die UMMD robuster gegenüber Krisen auf – Credo: Wer heute nachhaltig handelt, gewinnt morgen Stabilität.
Modell für andere Kliniken
Der Rat für andere Gesundheitseinrichtungen: Man muss nicht alles auf einmal schaffen. Aber jeder kleine Schritt, jedes Quick Win, macht den Unterschied – und zeigt, dass sich nachhaltiges Handeln auszahlt. Am Ende geht es um mehr als Energie oder Finanzen. Es geht um das umfassende Verständnis von Gesundheit – ein Zusammenspiel von Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft.
Energiespar-Contracting
Die UMMD steht exemplarisch für viele öffentliche Kliniken in Deutschland: Alte Gebäudestrukturen, gesetzliche Vorgaben und Kostendruck erfordern innovative Lösungen. Mit dem Einstieg in ein Energiespar-Contracting gelang es, trotz begrenzter Mittel, Energieeffizienzmaßnahmen umzusetzen und langfristige Einsparungen zu sichern.
Die UMMD verfügt über teils denkmalgeschützte und über 100 Jahre alte Gebäude. Diese verursachen einen hohen Energieverbrauch, bieten aber auch großes Einsparpotenzial. Steigende Energiepreise und Umweltauflagen erhöhten den Handlungsdruck, sodass 2017 die Entscheidung auf das Contracting-Modell fiel. Dabei übernimmt ein externer Partner Planung, Finanzierung und Umsetzung von Effizienzmaßnahmen. Die Investitionen werden über die realisierten Einsparungen refinanziert.
Das Maßnahmenpaket in der UMMD: Heiznetzoptimierung, hydraulischer Abgleich, Austausch alter Lüftungsanlagen, Umrüstung auf LED-Beleuchtung, Lastspitzenmanagement und moderne Regeltechnik. Zwei Blockheizkraftwerke erzeugen nun Strom und Wärme vor Ort, wodurch Effizienz und Versorgungssicherheit steigen. Die Ergebnisse sind messbar: Seit Projektbeginn wurden rund 6.700 Tonnen CO₂ vermieden, seit 2015 jährliche Energieeinsparungen von 11 Prozent erzielt und für 2025 und danach werden 22 Prozent erwartet. Das Modell zeigt, dass Energiespar-Contracting öffentlichen Einrichtungen ermöglicht, trotz knapper Budgets nachhaltig zu investieren und langfristig Kosten zu senken.