Ambulante Strukturen tragen sich nur, wenn sie konsequent auf Effizienz getrimmt sind. Dabei ist Geschwindigkeit im OP längst mehr als eine Frage der Organisation, sie entscheidet über Wirtschaftlichkeit. Die zunehmende Ambulantisierung zwingt Krankenhäuser, spätestens jetzt ihre OP-Strukturen neu zu denken.
Noch ist der große Umbruch ausgeblieben, wie Martin Krings, Geschäftsführer von Med 360 Grad, sagt. „Selbst wenn Hybrid-DRG und ambulante Eingriffe weiter zunehmen, bewegen sie sich bis 2030 voraussichtlich im einstelligen Prozentbereich der Gesamtausgaben. „Vier bis sechs Milliarden Euro stehen einem stationären Markt von rund 110 Milliarden gegenüber“, so Krings. „Keine Panik!“, rät er.
Doch kann das die Krankenhäuser wirklich beruhigen? Ambulantisierung ist politisch gesetzt, international längst etabliert und wird schrittweise ausgeweitet. Die Frage ist daher nicht, ob sich Krankenhäuser darauf einstellen müssen, sondern wie schnell. Ein optimal ausgelasteter ambulanter OP-Tag bringt etwa 10.000 Euro Umsatz bei acht Eingriffen. Ein vergleichbarer stationärer Tag kann mehr als das Doppelte erlösen. Ambulante Strukturen tragen sich nur, wenn sie konsequent auf Effizienz getrimmt sind. Was das praktisch bedeutet, zeigt sich nicht im Operationssaal selbst, sondern in den Minuten davor und danach. Ursula Störrle-Weiß, Geschäftsführerin des Agaplesion Diakonieklinikums Hamburg, beschreibt es nüchtern: „Die medizinische Leistung unterscheidet sich kaum. Die Schnitt-Naht-Zeiten bleiben ähnlich, auch die Narkosezeiten variieren wenig. Entscheidend sind die Wechselzeiten.“
Der Prozess steht im Fokus
Im Hamburger Zentral-OP liegen diese bei rund 25 Minuten, in der Praxisklinik deutlich darunter. Die Ursachen sind banal und zugleich schwer zu verändern: Wege sind kürzer, Abläufe klarer, Verantwortlichkeiten eindeutiger. Es gibt in der Regel keine Notfälle, die den Plan durcheinanderbringen, und keine konkurrierenden Prioritäten. Der Tag folgt einem Takt und der Fokus verschiebt sich. Nicht die einzelne Operation steht im Zentrum, sondern der Prozess. In vielen Häusern werden OP-Kapazitäten traditionell nach Fachabteilungen vergeben. Jede Disziplin sichert sich ihren Saal und plant ihre Fälle. Für ambulante Strukturen funktioniert dieses Modell nicht. „Es geht nicht darum, wer operiert, sondern was operiert wird“, so Störrle-Weiß. Der Versuch, ambulante Eingriffe im bestehenden Zentral-OP zu integrieren, scheitert häufig genau daran. Kurze, planbare Eingriffe konkurrieren mit komplexen, zeitintensiven Operationen. Das Ergebnis sind ineffiziente Mischformen und Frustration auf allen Seiten.
Vier grundsätzliche Optionen
Viele Häuser ziehen daraus die Konsequenz und trennen die Welten. Eigene Praxiskliniken, ausgelagerte OP-Zentren oder Kooperationen mit externen Partnern entstehen. Doch jede dieser Lösungen bringt neue Herausforderungen mit sich. Für Krings gibt es vier grundsätzliche Optionen: bestehende OP-Räume reaktivieren, neue ambulante Zentren aufbauen, Kooperationen eingehen oder das Thema bewusst klein halten. Letzteres ist theoretisch möglich, praktisch aber riskant. Die Aktivierung vorhandener Räume ist selten, aber attraktiv, da die Investitionen gering sind und schnell gestartet werden kann. Ein Neubau bietet optimale Bedingungen, verlangt jedoch hohe Anfangsinvestitionen und erfüllt immer komplexere regulatorische Anforderungen. Kooperationen erscheinen naheliegend, scheitern jedoch oft an bürokratischen Hürden.
Bundesweit entstehen neue ambulante OP-Zentren in großer Zahl, insbesondere in Ballungsräumen. Im ländlichen Raum stellt sich die Situation anders dar, wie PD Dr. Thomas Menzel, Sprecher des Vorstands des Klinikums Fulda, beschreibt. In der Region Osthessen fehlen spezialisierte ambulante Angebote, sodass ein Maximalversorger wie das Klinikum Fulda die Lücke schließen muss. „Das ist keine strategische Option, sondern Teil der Daseinsvorsorge“, so Menzel. „Wenn die Leistungen nicht selbst organisiert werden, entsteht eine Versorgungslücke.“ Gleichzeitig verändert sich das Patientenprofil. Komplexe, multimorbide Fälle bleiben im stationären Bereich, während einfachere Eingriffe ambulant erbracht werden. Das hat Folgen für den Zentral-OP. Die Eingriffe werden anspruchsvoller, dauern länger und erfordern mehr Ressourcen. Routinefälle verschwinden zunehmend.
Rollenwechsel für Mitarbeiter
Menzel beschreibt diese Entwicklung als Aufteilung in zwei Welten: „High Speed für den Standardfall, High-Tech für die komplexen Fälle.“ Beide benötigen unterschiedliche Strukturen, Prozesse und Kulturen. Ambulante OP-Zentren sind klar getaktet, standardisiert und effizient. Sie leben von planbaren Abläufen und stabilen Teams. Gleichzeitig müssen sie für seltene, aber kritische Situationen an die stationäre Versorgung angebunden bleiben. Diese Verzahnung ist anspruchsvoll. Sie verlangt nicht nur organisatorische Lösungen, sondern auch ein gemeinsames Verständnis darüber, wo welche Leistung hingehört.
Die größte Hürde liegt seiner Meinung nach in der Kultur. Ambulantes Operieren bedeutet für viele Mitarbeitende einen Rollenwechsel. Hierarchien werden flacher und Aufgaben werden breiter verteilt. „In manchen Praxiskliniken reinigen Operateure selbst mit, um Wechselzeiten zu verkürzen. Das ist zwar effizient, widerspricht aber den gewohnten Berufsgrenzen. Nicht jeder kann oder will sich darauf einlassen“, weiß Menzel. Hinzu kommen Ängste: Ambulante Eingriffe gelten als einfach, werden mitunter als weniger attraktiv wahrgenommen. Gleichzeitig wächst die Sorge, den Anschluss an komplexe stationäre Medizin zu verlieren. Jüngere Fachärzte erleben die neue Umgebung als ambivalent, denn sie bekommen zwar mehr Eigenverantwortung, dafür aber weniger unmittelbare Rückversicherung.
Im Zentral-OP verändert sich die Arbeitsrealität weg von der Routine hin zu mehr Komplexität und zu höherem Druck. Die Balance zwischen beiden Welten muss aktiv gestaltet werden. Standardisierung könnte hier die Lösung sein, doch für viele Chirurgen ist das ein sensibles Thema. Individuelle Präferenzen bei Instrumenten, Abläufen oder Techniken gehören zum Selbstverständnis des Fachs. Im ambulanten Setting stoßen sie an Grenzen, denn variierende Abläufe oder unnötige Wege kosten Zeit und damit Geld. Menzel spricht sich dafür aus, alles, was nicht unmittelbar zur Operation beiträgt, zu minimieren und dafür unter anderem digitale Assistenzsysteme zu nutzen.
Anspruch der Patienten
Auch für Patienten verändert sich der Ablauf. Der stationäre Aufenthalt wird nicht mehr als Selbstverständlichkeit angesehen, sondern es wird immer mehr erwartet, am selben Tag nach Hause zu gehen. Daher muss der Ablauf vorher in Aufklärungsgesprächen klar vermittelt werden und die Nachsorge und Betreuung im häuslichen Umfeld müssen gesichert sein. Eine einfache Lösung gibt es nicht. Jedes Haus muss seinen eigenen Weg finden, abhängig von Struktur, Region und strategischer Ausrichtung.