Rehabilitation gilt oft als Randthema. In seiner Kolumne stellt Achim Schäfer die entscheidende Frage: Welche Folgen hätte ein Gesundheitssystem ohne Rehakliniken? Ein Gedankenexperiment.
Stellen Sie sich vor, die ersten Rehabilitationskliniken verschwinden. Würden wir es überhaupt bemerken? Nicht durch einen politischen Beschluss. Sondern leise. Gebäude altern, notwendige Investitionen bleiben aus, wirtschaftlicher Druck wächst, Standorte schließen.
Im Juni habe ich in dieser Zeitschrift über die Finanzierung der Kapitalkosten in der Rehabilitation geschrieben. Damals ging es um Gebäude, Investitionen und die Frage, wie eine Infrastruktur erhalten werden kann, wenn ihre Erneuerung dauerhaft nicht finanziert wird. Heute beschäftigt mich eine andere Frage: Was passiert eigentlich, wenn diese Infrastruktur verschwindet?
Es ist ein ungewöhnliches Gedankenexperiment. Denn mit den Rehabilitationskliniken verschwinden die Patientinnen und Patienten nicht. Sie bleiben länger im Krankenhaus, weil sie noch nicht nach Hause können. Sie benötigen früher oder länger Pflege. Sie kehren häufiger wegen Komplikationen zurück. Manche finden nicht mehr in ihren Beruf zurück. Andere verlieren dauerhaft einen Teil ihrer Selbstständigkeit.
Die Kosten verschwinden nicht. Sie wechseln nur das Konto, auf das sie gebucht werden. Dabei sprechen wir über einen Leistungsbereich, auf den heute weniger als ein Prozent der Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung entfällt. Gemessen an den Gesamtausgaben wirkt Rehabilitation fast wie eine Randnotiz. Oder wie das Schmieröl in einer teuren Maschine.
Vielleicht ist genau das unser Denkfehler: Denn Rehabilitation behandelt nicht nur die Folgen einer Erkrankung. Sie entscheidet häufig darüber, ob Menschen ihre Selbstständigkeit, ihre Teilhabe und ihre Erwerbsfähigkeit zurückgewinnen. Sie bildet die Brücke zwischen erfolgreicher Akutmedizin und einem selbstbestimmten Leben. Fällt diese Brücke weg, müssen Krankenhäuser, Pflege, Renten- und Sozialversicherung die Folgen tragen.
Deshalb interessiert mich inzwischen weniger die Frage, was Rehabilitation kostet. Mich interessiert vielmehr die Gegenfrage: Was kostet ein Gesundheitssystem ohne Rehabilitation? Ich vermute, dass wir die Antwort darauf bislang unterschätzen.
Sollte dieses Gedankenexperiment Ihr Interesse geweckt haben, würde ich mich freuen, wenn Sie dies der Redaktion mitteilen. Vielleicht lohnt es sich, dieser Frage gemeinsam mit wissenschaftlichen Daten und gesundheitsökonomischen Analysen einmal ausführlicher nachzugehen.
Bis dahin bleibt für mich nur eine Antwort auf die Eingangsfrage: Ja. Wir würden es bemerken. Aber erst, wenn die Auswirkungen Krankenhäuser, Pflege, Rentenversicherung und Familien erreicht haben.
Denn die Frage ist nicht, ob wir uns Rehabilitation leisten können. Die Frage ist, welche Folgen wir uns leisten müssen, wenn sie fehlt.