Innenansichten

Sündenfall Betten vor Bedarf

  • Psych
  • Psych
  • 10.03.2026

f&w

Ausgabe 3/2026

Seite 267

Dr. Margitta Borrmann-Hassenbach

Die stationäre Psychosomatik wächst rasant – nicht wegen steigendem Bedarf, sondern aufgrund starker ökonomischer Anreize. Während die akutstationäre Psychiatrie essenziell für Krisenintervention bleibt, entwickelt sich die psychosomatische Versorgungzunehmend zu einem Geschäftsmodell, das vom realen Versorgungsbedarf entkoppelt ist, findet Margitta Borrmann-Hassenbach.

Die Kommerzialisierung des Gesundheitswesens hat viele Gesichter. Der massive Ausbau psychosomatischer Krankenhauskapazitäten mit stiller Verschiebung medizinischer Maßstäbe durch ökonomische Anreizsysteme ist eines davon. Was nach mehr Fürsorge für psychische Leiden aussieht, entpuppt sich als System, das ökonomische Logik konsequent über medizinischen Bedarf stellt.

Der eine Pol ist die psychiatrische Akutversorgung, bundesweit als zuverlässige Pflichtversorgungsstruktur mit regionalem Sicherstellungsauftrag eta-bliert. Schutzraum für Menschen in suizidalen Krisen, schweren Psychosen, bei Selbst- und Fremdgefährdung, Delirien, hirnorganischen Entgleisungen. Ziel der Aufnahme ist unmittelbarer Schutz und rasche Stabilisierung. Verweildauer kurz, auf akuten Bedarf begrenzt. Krise beenden, Sicherheit herstellen, Nachsorge organisieren. Die Psychiatrie ist idealiter eine gestufte Brückenstruktur von der Krise zurück ins möglichst selbstbestimmte Leben.

Stetiges Wachstum in der Psychosomatik

Der andere Pol ist die akutstationäre Psychosomatik. Etwa 90 Prozent der Klinikfälle haben bei Aufnahme keine psychische Krise, keine Suizidalität, sind nicht in Lebensgefahr und bedürfen keines akuten Schutzes. Dennoch wachsen hier die vollstationären Kapazitäten seit Jahren massiv. Neue Betten mit wochen- und monatelangen Aufenthalten, elektiv geplante Patientenselektion und wie Hotelbetriebe organisiert.

Ein Paradox: Psychisch akut erkrankte Menschen müssen sich möglichst schon nach wenigen Tagen damit befassen, wie und wo es nach dem kurzen Klinikaufenthalt weitergehen kann. Für jeden Kliniktag eines Patienten in der Psychiatrie ist die Notwendigkeit gegenüber dem MD zu belegen. Gleichzeitig verbringen psychisch relativ stabile Patientinnen und Patienten Wochen und Monate in psychosomatischen Kliniken – fern ihres Alltags, fern ihrer Belastungsfaktoren und der Umgebung, in der Therapie greifen müsste.

Das ist kein Zufall, sondern Systemlogik. Stationäre Psychosomatik ist risikoarm und renditestark. Über Monate planbare Aufnahmen, kalkulierbare Verweildauer, kaum Risiken. Kliniken füllen sich mit Menschen, die fachlich überwiegend ambulant und wohnortnah behandelt werden sollten.

Vom Versorgungsbedarf entkoppelt

GKV, BMG und auch G-BA fördern mit ihrem Schulterzucken zu dieser Entwicklung gezielt die Kommerzialisierung der elektiven psychosomatischen Krankenhausversorgung zulasten der Solidargemeinschaft. Hier liegt der Skandal. Nicht in der Anerkennung eines Hilfebedarfs für psychische Erkrankungen – sondern in der systematisch unterstützten Kommerzialisierung dieser nicht vollstationär behandlungsbedürftigen Zielgruppe.

Die akutstationäre Psychiatrie ist Schutzraum für Patientenkrisen. Die akutstationäre Psychosomatik aktueller Prägung ist ein vom Versorgungsbedarf entkoppeltes Geschäftsmodell. Wer reformieren will, darf die Unterschiede zwischen versorgungspolitisch unverzichtbarer akutpsychiatrischer Versorgung und elektiver stationärer Psychosomatik nicht länger ver-wischen. Mehr Betten sind kein Versorgungsfortschritt.

Autor

BibliomedManager MONATSPASS

Jetzt einen Monat vollen Einblick

  • Unbegrenzter Zugriff auf alle Fachartikel und Analysen
  • Ideal für Entscheider im Gesundheitswesen
  • Endet automatisch - völlig unverbindlich

Klinik-Newsletter

Abonnieren Sie unseren kostenlosen täglichen Klinik-Newsletter und erhalten Sie alle News bequem per E-Mail.

* Durch Angabe meiner E-Mail-Adresse und Anklicken des Buttons „Anmelden“ erkläre ich mich damit einverstanden, dass der Bibliomed-Verlag mir regelmäßig News aus der Gesundheitswirtschaft zusendet. Dieser Newsletter kann werbliche Informationen beinhalten. Die E-Mail-Adressen werden nicht an Dritte weitergegeben. Meine Einwilligung kann ich jederzeit per Mail an info@bibliomed.de gegenüber dem Bibliomed-Verlag widerrufen. 

Weitere Artikel dieser Ausgabe

Kontakt zum Kundenservice

Rufen Sie an: 0 56 61 / 73 44-0
Mo - Fr 08:00 bis 17:00 Uhr

Senden Sie uns eine E-Mail:
info@bibliomedmanager.de

Häufige Fragen und Antworten finden Sie im Hilfe-Bereich