Boris Augurzky über den Rettungsschirm

"Belastbar wäre eine Regelung bis nach Ostern oder Pfingsten"

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"Belastbar wäre eine Regelung bis nach Ostern oder Pfingsten"
© Stiftung Münch

Boris Augurzky hat die Finanzsituation der Kliniken für die ersten drei Quartale 2020 analysiert. Im Interview spricht der Gesundheitsökonom über den Erlöszuwachs in den Psychiatrien, den bemerkenswerten Anstieg des Casemixindex und die Zukunft des Rettungsschirms.

Professor Boris Augurzky (RWI) sitzt zusammen mit Professor Reinhard Busse (TU) im Expertenbeirat des Gesundheitsministeriums (BMG). Beide haben für das Gremium die InEK-Daten aus den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres analysiert. Zu den Ergebnissen des Berichts geht es hier. Auf Basis dieser Zahlen muss der Expertenbeirat am 24. Februar über die Neugestaltung des Rettungsschirms für Kliniken entscheiden.

 

Herr Professor Augurzky, psychiatrische Kliniken können sich in den ersten drei Quartalen über einen Erlöszuwachs von 14 Prozent freuen. Hat Sie diese Zahl als Mitglied des Expertenrats, der die Pauschalen mit aus der Taufe gehoben hat, erschreckt?

Im ersten Moment hat mich dieser Wert zwar überrascht, weil der Erlöszuwachs in der Psychiatrie nun noch etwas höher war als in unserer ersten Berechnung für die Monate Januar bis einschließlich Mai. Allerdings ist der Zuwachs nachvollziehbar, denn bis zum 13. Juli floss ja noch die Pauschale von 560 Euro für alle. Erst danach hat das Bundesgesundheitsministerium (BMG) die Freihaltepauschale in fünf Stufen ausdifferenziert, sodass die Psychiatrien nur noch 280 Euro für ein freigehaltenes Bett bis zum 30. September bekommen haben. In der Jahresendabrechnung, also inklusive des vierten Quartals, in dem die Psychiatrien keine Freihaltepauschalen mehr erhielten, wird sich der Erlöszuwachs in der Psychiatrie dann wahrscheinlich etwas relativieren.  

Insgesamt haben die psychiatrischen Kliniken in den ersten drei Quartalen 2020 rund 1,8 Milliarden Euro aus dem Rettungsschirm erhalten. Das hat dem Expertenrat massive Kritik eingebracht. Wie bewerten Sie rückblickend die Freihaltepauschalen – war das Instrument richtig?

Rückblickend war die einheitliche Pauschale für alle am Anfang falsch. Aber mit dem Beginn der Pandemie brauchten wir zügig ein Finanzierungsinstrument für Kliniken, um die Finanzierung bei zum Teil 40 Prozent weniger Krankenhausfälle aufrecht zu erhalten. Wir haben die Pauschale auf Basis unserer Erkenntnisse aus den ersten Wochen später feinjustiert. Man muss aber auch feststellen, dass der preisbereinigte Erlöszuwachs der Kliniken insgesamt nur zwei Prozent im Vergleich zum Vorjahr beträgt. Dafür, dass wir im März grob vorgehen mussten, ist das relativ nah am Ziel von null Prozent. In der Summe wurden die Kliniken in dem Analysezeitraum also gut unterstützt, wenngleich es im Einzelfall anders aussehen kann.

Wann ist mit der Gesamtjahresbilanz zu rechnen?

Das InEK hat uns die aufbereiteten Zahlen für das ganze Jahr 2020 zur Verfügung gestellt, aber für die Schlussrechnung brauchen wir sicher noch einige Wochen. Denn durch die immer weiter ausdifferenzierten Freihaltepauschalen ist die Finanzierung zwar gerechter geworden – aber auch komplexer, was für uns die Auswertung erschwert. Daher wird es mit der Auswertung der Erlösseite der Krankenhäuser länger dauern. Schneller sollten dagegen die Leistungsdaten ausgewertet sein. 
 
Welche Erkenntnisse ziehen Sie noch aus Ihrer Analyse der InEK-Daten?

Der Casemixindex ist im Vergleich zum Vorjahr um vier Prozent gestiegen – so stark wie bisher noch nie. Das zeigt, dass die Kliniken bei einem Fallzahlrückgang von 11 Prozent eher die leichteren Fälle rausgehalten haben. Das macht sowohl medizinisch als auch betriebswirtschaftlich Sinn – und so wird es wohl auch zwei Interpretationslinien geben: Die einen werden die Kliniken loben, weil sie sich auf die komplexen Fälle konzentriert haben und ihrer Verantwortung in der Krise gerecht geworden sind. Die anderen werden kritisieren, dass die Kliniken Behandlung versus Freihaltung abgewogen haben – wobei auch die Frage ist, welche Patienten von sich aus nicht gekommen sind. 

Was für Schlüsse ziehen sie für die zukünftige Ausgestaltung des Rettungsschirms, der ja Ende Februar ausläuft?

Richtig belastbare Aussagen können wir erst nach der Auswertung des gesamten Jahres machen, da die Freihaltepauschalen zum Winterbeginn ja noch einmal spürbar angepasst wurden. Im Frühjahr 2020 hatten die kleineren Grundversorger eher einen Vorteil, im Winter werden es eher die großen Häuser sein. Zudem können Krankenhäuser mit Mindererlösen durch den noch durchzuführenden Ganzjahres-Corona-Erlösausgleich 2020 Finanzlücken teilweise schließen.  

Die Kliniken wünschen sich eine Finanzierungszusage für das ganze Jahr 2021, sie wollen „Planungssicherheit“ …

Belastbar wäre aus meiner Sicht eine mittelfristige Regelung bis nach Ostern oder Pfingsten. Im Moment kann das BMG für das ganze Jahr sicher keine Finanzierungszusage machen, zumal es auch auf Zusagen des Finanzministeriums angewiesen ist. Klar ist, dass die Kliniken für die kommenden Monate eine verlässliche Liquiditätssicherung brauchen.

 
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Autor

 Jens Mau

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