DEMIS-Meldesystem

"Der Name Comfort-Client ist schon ein kleiner Euphemismus"

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"Der Name Comfort-Client ist schon ein kleiner Euphemismus"
Sebastian Karmann © Vivantes

Der vom Gesetzgeber verordnete Schnellstart des Corona-Meldesystems DEMIS hat die Krankenhausszene empört. Klinikcheflobbyist Gerald Gaß kündigte gar „zivilen Ungehorsam“ an. Wie aufwändig die Meldungen sind und warum die Wellen so hochschlagen, erklärt Sebastian Karmann. Er ist Abteilungsleiter Medizinmanagement, Organisation und Katastrophenschutz beim Berliner Klinikkonzern Vivantes. 

Herr Karmann, Krankenhäuser müssen neuerdings täglich vier Zahlen an das Robert-Koch-Institut melden: die belegten Betten nach Erwachsenen- und Kinderdisziplinen sowie die betreibbaren Betten für die beiden Disziplinen. Wie viel Aufwand ist das für Vivantes?
Das ist grundsätzlich machbar, operativ stellt es uns aber vor Probleme. Bei Vivantes müssen wir für unsere neun Krankenhäuser jeweils gesondert melden. Ärgerlich ist, dass die Datenübergabe nicht automatisch funktioniert – wir müssen die Informationen aus unseren Systemen ziehen und dann händisch eingeben. In der Regel dauert das pro Standort nicht mehr als 20 Minuten, allerdings müssen wir die Datenübergabe sieben Tage die Woche sicherstellen – also auch am Wochenende. Jetzt kann man sagen, dass im Krankenhaus immer jemand da ist – aber am Wochenende arbeitet die Verwaltung nicht, also muss diese Aufgabe in der Regel der ärztliche Dienst übernehmen – und das belastet natürlich zusätzlich. 

Transparenz in der Covid-19-Behandlung ist doch sinnvoll – lohnt sich der Aufwand aus Ihrer Sicht nicht? 
Ich bin der Überzeugung, dass die DEMIS-Meldungen grundsätzlich sinnvoll sind und deshalb wollen wir diese Pflicht auch erfüllen. Uns stört aber, dass der Gesetzgeber uns ohne eine Übergangsphase so einen Aufwand aufbürdet. Mit einer Schnittstelle zur automatischen Datenübertragung ist laut Hersteller unseres Krankenhausinformationssystems (KIS) erst im kommenden Jahr zu rechnen – hoffentlich schon im ersten Quartal. Wir betreiben aber jetzt auf Druck des Gesetzgebers ohne Schnittstelle einen erheblichen Aufwand: Wir müssen in sehr kurzer Zeit große Teile unseres Personals schulen und einen Prozess aufsetzen, der in einem guten halben Jahr wahrscheinlich obsolet ist. 

Was kann der Client, den die Kliniken von der Gematik bekommen haben?
Die Funktionalität zur Bettenmeldung des sogenannten „Comfort-Clients“ wurde erst zwei Tage vor dem Scharfschalten der Meldepflicht freigegeben. Vorher hatten wir nur einzelne Screenshots zur Verfügung. Damit kann man sein Personal aber nicht vernünftig schulen. Auch Testmöglichkeiten mit Dummy-Daten sind bis heute nicht gegeben, sodass erst im Echtbetrieb auffällt, wenn etwas noch nicht rund läuft. Das ist schon ein komischer, überhastet wirkender Vorgang. Den Client müssen wir auf jedem Rechner, der ihn benötigt, einzeln installieren – so gesehen ist der Name Comfort-Client schon ein kleiner Euphemismus. Dort können wir dann die vier Zahlen eintippen.

Gesundheitsminister Karl Lauterbach warnt vor einer Covid-Welle im Herbst. Wahrscheinlich sah er deshalb Eile geboten. Ist das für Sie eine Fehleinschätzung?
Die Situation in den Kliniken war schon im vergangenen Winter deutlich entspannter und wir sehen bisher keine Anzeichen dafür, dass sich das in diesem Winter wesentlich ändert. Ich denke, hier liegt die Ursache für den Aufschrei der Kliniken. Für Minister Lauterbach scheint die Pandemie noch nie so gefährlich gewesen zu sein wie jetzt – und deshalb sieht er sich vielleicht zu solch einem Schritt gezwungen. Ich möchte an dieser Stelle nochmal unterstreichen, dass ich nichts dagegen habe, den Infektionsschutz zu digitalisieren. Dass wir Daten zu Covid-19, Tuberkulose und anderen Infektionskrankheiten bisher per Fax oder bestenfalls per Mail an die Ämter gemeldet haben, ist gelinde gesagt suboptimal. Doch dass der Minister diesen Meldeprozess jetzt, zu einem Zeitpunkt wo die Hospitalisierungsquote von Covid-Patienten auf ein erträgliches Maß geschrumpft ist, gefühlt mit der Brechstange und ohne ein wirklich funktionierendes Meldesystem durchsetzen muss, dafür fehlt es mir ehrlich gesagt etwas an Verständnis. 

Minister Lauterbach hat erst kurz vor der endgültigen Verabschiedung des Gesetzes angekündigt, dass die Krankenhäuser zusätzlich zu den vier ursprünglichen Zahlen demnächst auch die „Kapazitäten der Notfalleinrichtungen“ über Demis melden sollen. Werden diese Daten bereits vom Comfort-Client abgefragt?
Meines Wissens bisher noch nicht – vielleicht, weil es da noch ein Definitionsproblem gibt. Den Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich spreche, ist ebenso wenig wie mir klar, was der Gesetzgeber damit genau meint. Der aktuelle Gesetzestext spricht von den Behandlungskapazitäten der Notaufnahmen und davon, dass Näheres per Verordnung geregelt werden soll. Diese wurde tatsächlich auch am 19. September verkündet, jedoch fehlt darin aus meiner Sicht bisher ein konkretisierender Abschnitt zu eben diesen Kapazitäten und wie sie einheitlich gemessen werden sollen. Ohne eine solche Vorgabe hat eine entsprechende Meldeverpflichtung aus meiner Sicht aber angesichts des großen Interpretationsspielraums wenig Sinn.

Autor

 Jens Mau

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