Krankenhausreport

Fallzahlen weiter rückläufig

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Fallzahlen weiter rückläufig
© Werner Krüper

Die Fallzahlen in den Krankenhäusern sind 2021 gleichermaßen zurückgegangen wie im ersten Pandemiejahr 2020. Der Rückgang bei den somatischen Fällen lag bei 14 Prozent gegenüber 2019, wie aus dem aktuellen Krankenhaus-Report des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) auf Basis der Abrechnungsdaten der stationär behandelten AOK-Versicherten hervorgeht. 

Wie Jürgen Klauber, Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (Wido) mitteilt, sind die Ursachen der einzelnen Entwicklungen vielfältig. "In der ersten Pandemiewelle (März bis Mai 2020) waren noch alle Krankenhäuser aufgefordert, Behandlungen soweit medizinisch vertretbar, zu verschieben", so Klauber. Mit minus 27 Prozent erreichte der Fallzahleinbruch in der Somatik den höchsten Wert, und war in den Folgewellen niedriger, trotz höherer Covid-Fallzahlen. "Offenbar haben sich die Krankenhäuser nach dem Schockmoment der ersten Welle mehr und mehr organisatorisch eingestellt", sagt Klauber.

Abbau von Überversorgung

Die Zahl der planbaren Eingriffe ist weiterhin rückläufig, bewegt sich bei einigen Indikationen aber auf ähnlichem Niveau wie 2020, beispielsweise bei der Implantation künstlicher Hüftgelenke (2021: minus zehn Prozent, 2020: minus elf Prozent) oder der Entfernung der Gebärmutter bei gutartigen Erkrankungen (2021: minus 16 Prozent, 2020: minus 14 Prozent). Auffällig ist jedoch der Einbruch bei den Mandelentfernungen mit einem Rückgang von minus 49 Prozent (2020: minus 33 Prozent). "Bei allen genannten Operationen handelt es sich um Eingriffe, die tendenziell zu häufig und teilweise ohne leitliniengerechte Indikationsstellung durchgeführt werden. Insofern gab es im Zuge der Pandemie offenbar auch einen Abbau von Überversorgung bei diesen Eingriffen", sagt Klauber. Eine vollständige Rückkehr zum Fallzahl-Niveau vor der Pandemie erscheint aus seiner Sicht nicht sinnvoll. Gleiches gelte für die ambulant-sensitiven Fälle, die nach Einschätzung von Fachleuten auch häufig ambulant versorgt werden könnten. 2020 und 2021 gab es im Vergleich zu 2019 durchgängig starke Fallzahlrückgänge, die auch in den Sommermonaten "zwischen den Wellen" anhielten. Sie erreichten bei der Herzinsuffizienz etwa ein minus von 13 Prozent, bei der chronisch-obstruktiven Lungenerkrankung (COPD) waren es sogar minus 34 Prozent. 

Anlass zur Sorge geben nach Einschätzung von Experten die Entwicklungen im Bereich der Notfallversorgung. Beim Herzinfarkt waren 2021 insgesamt neun Prozent weniger Krankenhausbehandlungen festzustellen als 2019. Der Rückgang war auch noch ausgeprägter als 2020 (minus sieben Prozent). Auch die Zahl der Schlaganfallbehandlungen lag im vergangenen Jahr um sieben Prozent niedriger als im Vergleichsjahr 2019 (2020: minus fünf Prozent). Wie Klauber berichtet, zeige eine Detailanalyse für den Krankenhausreport, dass in den Kliniken eher schwerere Fälle angekommen seien. Auch international ließe sich dieser Trend beobachten. "Fallzahleinbrüche bei diesen Notfallindikationen sind nicht auf Deutschland beschränkt, sondern wurden auch international beobachtet. Als eine Erklärungshypothese steht im Raum, dass Patienten - möglicherweise aus Angst vor einer Infektion beziehungsweise einer Überlastung des Notfallsystems - darauf verzichtet haben, bei leichteren beschwerden das Gesundheitssystem in Anspruch zu nehmen", erklärt Klauber. 

Covid-Patienten überwiegend in Schwerpunktzentren behandelt

Seit mehr als zwei Jahren beeinflusst die Pandemie den Alltag. Die Versorgung der stationär-behandelten Covidpatienten konzentriert sich dabei auf Universitätskliniken und Krankenhäuser der Maximalversorgung. Ein Viertel der Kliniken hat laut der Auswertung knapp zwei Drittel (62 Prozent) aller stationären Covid-Fälle behandelt. Im Durchschnitt hatten die Krankenhäuser rund 700 Betten. Häuser mit deutlich weniger Betten (unter 300) behandelten nur eine geringe Zahl an Patienten. "Die Versorgung dieses Krankheitsbildes ist sehr komplex und aufwendig und sollte in erster Linie an Schwerpunktzentren mit entsprechender Ausstattung und Erfahrung erfolgen. Das gilt besonders, wenn die Patienten beatmet oder sogar an eine künstliche Lunge angeschlossen werden müssen", sagt Christian Karagiannidis, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIN). Die Sterblichkeit der stationär behandelten Patienten liegt bei 19 Prozent, bei den Beatmeten sogar bei 51 Prozent. Die Zahl der invasiv beatmeten Patienten war im Verlauf der Pandemie jedoch rückläufig. Während in der ersten Welle noch etwa 75 Prozent der Patienten invasiv beatmet wurden, waren es in der zweiten Welle 37 Prozent und in der vierten Welle Ende 2021 30 Prozent. Karagiannidis verweist darauf, dass es im Verlauf der Pandemie deutliche Fortschritte in der Therapie von Covid-19 gegeben habe, etwa in der Entwicklung von Medikamenten. "Für schnellere Fortschritte in der Therapie sollten aber wesentlich mehr betroffene Menschen in Deutschland in Studien eingeschlossen werden. Hier haben wir im internationalen Vergleich deutlichen Nachholbedarf", so seine Kritik. 

Fallzahlen auch in diesem Jahr rückläufig

Auch in diesem Jahr scheint sich der Trend des Fallzahlrückgangs fortzusetzen. "Ein erster, ganz aktueller Blick auf die Omikron-Welle zeigt, dass sich die Fallzahl-Einbrüche auch in diesem Jahr fortsetzen. So waren im Januar und Februar 2022 gegenüber 2019 Rückgänge von 22 Prozent bei den somatischen und 14 Prozent bei den psychiatrischen Fällen zu verzeichnen. Das ist der zweithöchste Wert aller bisherigen Pandemiewellen", sagt WIdO-Geschäftsführer Jürgen Klauber. Hauptgrund sind die hohen Infektionszahlen in der Bevölkerung, die zu deutlichen Personalengpässen und in der Folge zur Absage von Behandlungen und Operationen führen. 

AOK: mehr Spezialisierung notwendig

Die Erkenntnisse zur Fallzahlentwicklung während der Pandemie könnten helfen, einen dauerhaften Strukturwandel zu befördern, meint Klauber. Im Rahmen der aktuell anstehenden Krankenhausreform sollten sie aufgegriffen werden. "Wenn der zukünftige Mix aus ambulanten und stationären Leistungen nicht geklärt wird, werden wir nach der Pandemie wahrscheinlich zum vorherigen stationären Leistungsniveau zurückkehren", so Klauber. 

Aus Sicht des AOK-Bundesverbands hätten die Erfahrungen aus der Pandemie gezeigt, dass in der Krankenhausversorgung in Zukunft mehr Spezialisierung von Kliniken und eine Konzentration von Leistungen notwendig sind. "Die Pandemie zeigt erneut, wie dringlich eine Krankenhausreform ist, die Zentrenbildung, mehr Kooperation und mehr Spezialisierung in den Kliniken forciert", sagt die AOK-Vorstandsvorsitzende Carola Reimann. Nach Einschätzung der Kasse ist die extreme Personalbelastung auch auf die historisch gewachsene Krankenhauslandschaft zurückzuführen. "Wir verteilen unsere gut ausgebildeten Mediziner und Pflegekräfte auf viel zu viele Klinikstandorte", so Reimann. Dies sei ineffizient und erhöhe der Arbeitsbelastung der Mitarbeitenden. Die anstehende Struktur- und Finanzreform sollte für einen "klug geplanten, gesteuerten und qualitätsorientierten Umbau der Versorgungsstrukturen" genutzt werden. Es brauche einen ordnungspolitischen Rahmen für eine sektorenübergreifende Versorgung mit einer sinnvollen Leistungs- und Mengensteuerung. Die Fallzahleinbrüche im ambulant-sensitiven Bereich würden einen deutlichen Hinweis darauf geben, dass in Deutschland wesentlich mehr Krankenhausfälle ambulant versorgt werden könnten als bisher. Auch die aktuell bestehende Krankenhaus-Rahmenplanung der Länder auf Basis von Betten und einzelnen Fachrichtungen sei nicht mehr zeitgemäß. An ihre Stelle sollten regionale Versorgungsaufträge auf Basis von Leistungsgruppen treten, die genau festlegen, welche Leistungen ein Krankenhaus erbringen und abrechnen kann. "Klinikstandorte, die nicht mehr benötigt werden, sollten zu interprofessionellen Gesundheitszentren umgewandelt werden, die ambulante Leistungen erbringen und ergänzende Überwachungsbetten anbieten", so Reimann in einem Statement. 

DKG: Kalten Strukturwandel beenden

Aus Sicht der Deutschen Krankenhausgesellschaft weisen die Vorstellungen des AOK-Bundesverbands zur Krankenhaus-Versorgungslandschaft zwar die richtigen Ansätze auf, würden sich aber erneut zu stark auf die "einfache Botschaft der Krankenhausschließungen" konzentrieren. Richtig sei, dass man einen klug geplanten und gesteuerten Umbau der Versorgungsstrukturen brauche und der bisher kalte Strukturwandel beendet werden müsse. "Dieser Strukturwandel sollte jedoch nicht das primäre Ziel haben, Krankenhausstandorte ersatzlos aufzugeben, sondern das Leistungsgeschehen orientiert am Versorgungsbedarf der Menschen in den Regionen neu zu ordnen. Krankenhäuser brauchen entsprechende Rahmenbedingungen, um einen Teil ihrer bisher vollstationären Leistungen ambulant am Krankenhaus erbringen zu können", erklärt der Vorstandsvorsitzende der DKG, Gerald Gaß. Die Fallzahlrückgänge in den vergangenen zwei Jahren würden nicht belegen, dass die bisherigen Leistungen nicht benötigt werden oder komplett ambulant erfolgen könnten. Vielmehr würden gerade die Zahlen bei Herzinfarkt und Schlaganfall zeigen, dass viele leichte Fälle überhaupt nicht behandelt wurden, weil Patienten aus Angst vor Infektion oder Überlastung das Krankenhaus gemieden haben. Spätfolgen müssten auch bei Darmkrebspatienten befürchtet werden, da Früherkennungsbehandlungen in hoher Zahl nicht mehr stattfanden. „Absolut richtig liegt der AOK-Bundesverband, wenn er fordert, die ambulanten Potenziale der Krankenhäuser besser zu nutzen. Es kann aber nicht darum gehen, bislang stationär erbrachte Leistungen eins zu eins in ambulante Strukturen zu überführen. Vielmehr müssen wir die Kompetenzen der Kliniken nutzen, um die ambulante klinische Versorgung aufzubauen und zu etablieren. Das muss adäquat finanziert werden“, erklärt DKG-Vorstand Gaß.

Autor

 Luisa-Maria Hollmig

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