Die Krankenhausreform hat die Richtung vorgegeben – doch die Bewährungsprobe liegt in der Notfallversorgung, meint Christoph Radbruch. Überlastete Strukturen, fehlende Akutleitstellen und die wachsende Zahl älterer Patient:innen verlangen präzise Steuerung und neue Versorgungsmodelle, damit das System tragfähig bleibt.
Die politische Lage lässt sich oft besser in Gesprächen erfassen als in Programmpapieren. In den ersten Wochen dieses Jahres waren es genau diese Gespräche – am Rande von Veranstaltungen, zuletzt auf einem Parteitag –, die ein klares Bild ergeben haben. Die Krankenhausreform ist politisch beschlossen. Damit endet eine Phase grundsätzlicher Strukturdebatten. Die Aufmerksamkeit richtet sich nun auf das, was folgt.
Der Kontrast zu vor zwei oder drei Jahren ist deutlich. Damals ging es um langfristige Ordnungsmodelle, um Effizienzgewinne, um Systemarchitektur. Heute liegt der Fokus auf kurz- und mittelfristigen Maßnahmen, die vor allem eines leisten sollen: die Sozialbeiträge stabilisieren. Gesundheitspolitik wird weniger als Gestaltungsprojekt verstanden, sondern zunehmend als Konsolidierungsaufgabe.
Überlastete Notaufnahmen machen Steuerungsdefizite sichtbar
Diese Verschiebung prägt die Agenda. In den Vordergrund rücken Fragen der Patientensteuerung, insbesondere im Zusammenhang mit der Notfallreform und dem geplanten Primärarztsystem. Prävention, Eigenverantwortung, fiskalische Lenkungsinstrumente – vieles wird diskutiert. Doch nirgends verdichtet sich der Handlungsdruck so deutlich wie in der Notfallversorgung.
Kaum ein Bereich zeigt die strukturellen Schwächen unseres Systems so klar wie die überlasteten Notaufnahmen. Zu viele Patientinnen und Patienten landen dort, weil es an verlässlicher Steuerung fehlt. Nicht jede akute Beschwerde ist ein Fall für die Klinik. Aber jede braucht eine qualifizierte Ersteinschätzung.
Akutleistelle ist Voraussetzung für tragfähiges System
Genau hier liegt der Kern der Reform. Eine verbindliche Akutleitstelle, die 112 und 116117 funktional verzahnt, ist kein organisatorisches Detail. Sie ist Voraussetzung für ein System, das Ressourcen zielgerichtet einsetzt. Steuerung darf dabei nicht als Abwehrinstrument missverstanden werden. Sie dient der richtigen Zuordnung, nicht der Abschottung.
Doch Steuerung allein greift zu kurz. Denn zugleich verändert sich das Profil der Notfallpatientinnen und -patienten grundlegend. Der größte Anteil in unseren Notaufnahmen sind inzwischen ältere Menschen. Multimorbidität, komplexe Medikationen, soziale Fragilität prägen das Bild. Wer hier lediglich Prozesse beschleunigt, ohne Versorgungsinhalte anzupassen, löst das Problem nicht. Notfallstrukturen brauchen geriatrische Kompetenz, sektorenübergreifende Kooperation und realistische Versorgungsräume, die medizinisch wie organisatorisch tragfähig sind.
Steuerung entscheidet: Entlastung oder neue Engpässe
All das geschieht nicht im luftleeren Raum, sondern unter engen finanziellen Bedingungen. Politische Vorschläge werden daran gemessen, ob sie kurzfristig zur Stabilisierung der Beiträge beitragen. Reformen sollen ordnen, entlasten und zugleich sparen. Das erhöht den Erwartungsdruck – und die Gefahr vorschneller Lösungen.
Gerade deshalb ist Notfallversorgung mehr als eine Schnittstelle zwischen ambulanter und stationärer Welt. Sie ist ein Belastungstest für die Funktionsfähigkeit des gesamten Systems. Wenn Steuerung gelingt, können Ressourcen geschont und Wartezeiten reduziert werden. Wenn sie misslingt, entstehen neue Engpässe, neue Friktionen, neues Misstrauen.
Die Weichen werden jetzt gestellt. Orientierung heißt in dieser Phase, Reformen nicht an ihrer Ankündigung zu messen, sondern an ihrer Versorgungswirkung. Entscheidend ist nicht, ob Strukturen neu benannt werden, sondern ob sie im Alltag tragen. Nur dann wird aus Steuerung tatsächliche Entlastung.
Notfallreform | Tüfteln am Versorgungspfad der Zukunft
Freitag, 20. März, 13 Uhr | Vom Rettungsdienst bis ins Krankenhaus und die niedergelassenen Ärzte: Wie sollte die ambulante Notfallversorgung der Zukunft organisiert sein?
Speaker:
- Christoph Radbruch, Vorstandsvorsitzender, Deutscher Evangelischer Krankenhausverband
- Kerstin Bockhorst, Referatsleiterin Versorgungsstrukturen, GKV-Spitzenverband
- Martin Degenhardt, Freie Allianz der Länder KVen
- Dr. Janosch Dahmen, MdB, gesundheitspolitischer Sprecher Fraktion Bündnis90/Die Grünen
- Moderation: Ingrid Mühlnikel, Journalistin, Berlin
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