Augurzkys Auswirkungsanalyse

Zu harte Kriterien für Fachkliniken

  • Krankenhausplanung
Zu harte Kriterien für Fachkliniken
Boris Augurzky © Stiftung Münch

In einer von der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) in Auftrag gegebenen Analyse hat Professor Boris Augurzky (RWI) simuliert, welche Auswirkungen die Krankenhausreform auf die Kliniklandschaft hätte. Legt man die von der Regierungskommission empfohlenen Kriterien hart aus, so würden von den knapp 1.700 somatischen Akutversorgern nur 82 im Level 2 – dem Level der Schwerpunktversorger – landen. Ebenfalls bemerkenswert fallen die Zuordnungen ins Level 1 aus. Demnach würden 416 Häuser ins ambulante-stationäre Level 1i fallen und 834 ins Level 1n (mit Notfallversorgung). Würde man die 30-Minuten-Regel allerdings strikt auslägen, fiele ein Großteil der 1n-Kliniken (nämlich 562) ebenfalls ins Level 1i. Die genaue Auswertung ist hier zu finden (ab Seite 15).

Boris Augurzky, der als Mitglied der Regierungskommission den Reformvorschlag selbst mit ausgearbeitet hat, betonte bei der Präsentation seiner Zahlen, dass der Reformvorschlag mit seinen Details nicht in Stein gemeißelt sei. „Nicht alle Kriterien müssen erfüllt werden.“ Dies gelte insbesondere für die Fachkliniken. „Die Ansiedlung von Fachkliniken an Level 2 oder 3 muss nicht zwingend sein“, so Augurzky. Ansonsten sei mit großen Verschiebungen der Patientenströme zu rechnen – etwa in der Geburtshilfe, die laut Kommissionspapier nur noch in Level 2 oder 3 möglich ist. 

Gleichzeitig appellierte Augurzky an alle Beteiligten, die Chancen im Reformpapier zu sehen. „Es ist für alle Akteure unstrittig, dass wir eine Reform brauchen. Denn wenn wir so weiter machen wie bisher, geht uns das Personal aus“, betonte Augurzky. „Wir brauchen Kapazitätszusammenlegung, Schwerpunktbildung und Investitionen.“ In Augurzkys Analyse sind Klinikdaten aus dem Jahr 2020, Erfahrungen aus der Leistungsgruppensystematik in NRW sowie Daten aus dem Notallstufensystem des Gemeinsamen Bundesauschusses (G-BA) geflossen.

Reformvorschlag der DKG 

Die DKG nahm Augurzkys Analyse zum Anlass, einen eigenen Reformvorschlag ins Spiel zu bringen. Statt ein neues System aus Versorgungsstufen und Leistungsgruppen zu formen, solle die Politik auf Bewährtes zurückgreifen: die G-BA-Notfallstufen und die Leistungsgruppen aus Nordrhein-Westfalen. Die Notfallstufen gingen sehr dezidiert auf die Strukturen im Krankenhaus mit seinen Fachabteilungen ein, betonte DKG-Vorstandschef Gerald Gaß, und sie könnten perspektivisch auch weiterentwickelt werden. Im Modell der DKG fallen rund 260 Kliniken ins Level 2 (Schwerpunktversorger) – also deutlich mehr als beim Reformvorschlag der Regierung (82). Anders als beim Reformvorschlag der Kommission lehnt die DKG eine Verknüpfung von Vorhaltestufen und Leistungsgruppen ab. 

DKG: 15 Milliarden pro Jahr zusätzlich

Für die Konvergenzphase der Reform fordert die DKG einen Systemzuschlag von 15 Milliarden Euro pro Jahr. Den sollen je zu einem Drittel Bund, Ländern und Kassen zahlen. „Wenn wir das Problem der strukturellen Unterfinanzierung nicht lösen, werden wir in diesem und im nächsten Jahr einen kalten Strukturwandel mit Klinikschließungen erleben“, warnte DKG-Chef Gaß. Er betonte, dass die Bundespolitik völlig zurecht Klinikfusionen fordert – doch die seien nicht umsonst zu haben. „Würde wie für die Bundeswehr ein Fonds von 100 Milliarden Euro aufgesetzt, könnten wir uns vor Fusionsanträgen nicht retten“, prognostizierte Gaß. Der DKG-Chef unterstrich, dass es durchaus gemeinsame Interessen von Kliniken und Bundesgesundheitsministerium (BMG) gebe. „Uns ist wichtig, dass wir eine bundesweit einheitliche Krankenhausplanung bekommen und wir finden auch die Idee, ambulant-stationäre Einrichtungen zu fördern, richtig. Allerdings verdeutlichte Gaß, dass die ambulante Versorgung im Krankenhaus grundlegend in der Krankenhausreform enthalten sein müsse. Die Einführung von Hybrid-DRG (115f) dürfe nicht losgelöst angepackt werden. 

Reaktionen und Kritik 

Begleitet wird der DKG-Reformvorschlag von Warnungen aus den Krankenhausvertretungen. Statt 18 Standorten für Geburtshilfe würde es nach der Reform nur noch 7 in der Hauptstadt geben, warnte etwa die Berliner Krankenhausgesellschaft. Nur 42 der rund 300 Krankenhäuser in Bayern dürften künftig noch eine umfängliche stationäre Versorgung anbieten, monierte die bayerische Krankenhausgesellschaft. „Das von der Kommission entwickelte Level-Konzept ist realitätsfremd”, urteilte Bernadette Rümmelin, Geschäftsführerin des Katholischen Krankenhausverbands Deutschlands.

Doch es gibt in der Klinikszene auch Kritik an der Kritik. Jens Bussmann, Geschäftsführer des Verbands der Uniklinken (VUD), kommentierte die DKG-Analyse so: „Mehr Geld zu fordern, ist keine Lösung. Der Fachkräftemangel ist bereits jetzt ein großes Problem – und eines, das in den nächsten fünf Jahren noch größer werden wird. Auch darauf müssen wir mit einer richtigen Strukturreform eine Antwort finden.“ Ausnahmen und regionale Abweichungen von den Versorgungsstufen und Leistungsgruppen dürfe es nur begrenzt geben. „Denn gibt es zu viele, wird im Grunde der Status quo fortgeführt“, warnte Bussmann.

Auch der Spitzenverband der Krankenkassen reagierte auf die DKG-Forderung. Johannes Wolff, Referatsleiter Krankenhausvergütung beim GKV-Spitzenverband, erklärte auf Nachfrage: „Zur Beantwortung der für die Versorgung essenziellen Frage: ‚Was ist ein Krankenhaus?‘ braucht es zwingend eine bundesweite Definition der Leistungsgruppen und deren Anforderungen. Es kommt nicht darauf an, irgendein Krankenhaus zu erreichen, sondern das mit den richtigen Angeboten. Der Ausschluss von qualitativ oft schlechter Gelegenheitsversorgung oder Mehrfachversorgung sollte den sinnvollen Einstieg in die Krankenhausreform bilden. Wenn die Grundlage des vorgestellten DKG-Konzepts für die Krankenhausreform nun die G-BA Notfallstufen bilden, dann sollte auch die Definition dieser einheitlichen „Krankenhausplanungssprache“ rechtssicher und transparent im G-BA, in der Selbstverwaltung – frei von strukturpolitischen Partikularinteressen - ausgestaltet und in den Folgen gemeinsam bewertet werden.“

Nils Dehne, Geschäftsführer der Allianz kommunaler Großkrankenhäuser, steuerte ebenfalls eine Vorschlag bei: "Es bringt jetzt nichts, öffentlich über einzelne Strukturanfürderungen zu debattieren. Sinnvoller wäre es, durch ein Punktesystem größeren Gestaltungsspielraum in die Stufendefinition reinzubringen."

Autor

 Jens Mau

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