Ein Plädoyer für mehr Gemeinsamkeit, Offenheit und Verlässlichkeit im Gesundheitssystem

Denken und arbeiten in patientenzentrierten Netzwerken

  • Politik
  • Strategie und Organisation
  • 01.04.2008

Wir müssen unser Gesundheitssystem neu denken. Wir benötigen patientenzentrierte Netzwerke, in denen alle Anbieter von Gesundheitsleistungen mitwirken. Dann können endlich wieder Zuverlässigkeit, Vertrauen und Stabilität ins System zurückkehren. Vor allem aber muss die Politik ihre Richtung klar und offen kommunizieren

In den neuen Gesundheitsnetzwerken, die wir benötigen, sollen alle mitwirken, nicht nur die Ärzte im ambulanten und stationären Bereich oder die Krankenhäuser, sondern auch die anderen therapeutisch und diagnostisch tätigen Fachgruppen. Seien dies nun Physiotherapeuten, Ergotherapeuten oder Logopäden. Ebenso gehören in diese Netzwerke die Anbieter von Heil- und Hilfsmitteln und von Arzneimitteln, die Pflegedienste oder Rehakliniken. Der Bogen soll weit gespannt sein, damit der Patient in einem solchen Netzwerk frühzeitig weitergeleitet wird, um genau jene Hilfe zu erhalten, die er benötigt. Im Fall einer endoprothetischen Versorgung im Krankenhaus heißt dies zum Beispiel, dass nach reizfreiem Verschluss der Wunde eine Überführung in eine Anschlussheilbehandlung möglich ist. Da diese Anschlussheilbehandlung in der heutigen Zeit auf in der Regel drei Wochen begrenzt ist, muss sich eventuell eine Weiterbehandlung in einem ambulanten Zentrum anschließen und je nach Alter und Genesungsfortschritt des Betroffenen eine Versorgung im häuslichen Umfeld.

In einer solchen Struktur wird der Patient stets mit den Angeboten unterstützt, die er benötigt, und eine Über-, aber ebenso eine Unterversorgung vermieden. Natürlich bedürfen solche Netzwerke einer Regulation. Alle Beteiligten in einem Netzwerk müssen auf einer festgelegten, vertraglichen Basis miteinander arbeiten. Rahmenverträge erfüllen solche Voraussetzungen nicht, da in ihnen meist keine klaren und verbindlichen Regeln festgeschrieben sind. Diese sind aber notwendig, damit sich alle Beteiligten im Netzwerk auf den jeweiligen Partner verlassen können. Natürlich braucht ein Netzwerk auch ein Management. Dieses muss zunächst nach innen tätig werden.

Der Patient muss der Gewinner sein

Ganz entscheidend ist bei allen Überlegungen aber, dass der Patient durch solche neuen Strukturen etwas für sich gewinnt. Der Patient benötigt einen festen Ansprechpartner, der ihn durch den Dschungel der verschiedenen Anbieter und Dienstleister begleitet und ihn unterstützt. Wichtig ist, dass durch das Management des Netzwerkes klare Verträge mit den Kostenträgern über die Gesamtleistung abgeschlossen werden. Nur so kann sichergestellt werden, dass es zu keiner Unterversorgung kommt, weil die Kostenträgerschaft ungeklärt ist. Solche unklaren Kostenstrukturen führen nicht nur zur Frustration der Betroffenen und zu einer suboptimalen Behandlung, sondern letztlich auch zu erheblichen Mehrkosten durch eine nicht aufeinander abgestimmte und zeitlich unkoordinierte Versorgung. Im Mittelpunkt muss immer die bestmögliche Versorgung der Patienten stehen. Es geht also nicht in erster Linie um Zusatzeinnahmen für die einzelnen Anbieter im Gesundheitswesen, sondern um aufeinander abgestimmte Diagnose- und Therapieverfahren. Diese führen letztlich volkswirtschaftlich betrachtet nur dann zu Mehreinnahmen bei Ärzten oder in den Krankenhäusern, wenn entweder mehr Geld insgesamt für die Gesundheitsversorgung, aus welchen Quellen auch immer, zur Verfügung steht oder indem weniger Anbieter am Markt agieren.

Es gibt erste Ansätze des neuen Denkens

Ansätze für diese Netzwerke sind sowohl in Integrieten Versorgungsverträgen als auch in der Verzahnung der ambulanten und stationären Leistungen vom Medizinischen Versorgungszentrum über die Portalklinik bis hin zu Maximalversorgern zu sehen. Auch die Vereinheitlichung der Abrechnungsgrundlagen im ambulanten und stationären Bereich erleichtert die Bildung von Netzwerken. Leider sind bisher lediglich einzelne Möglichkeiten zur Netzwerkbildung eröffnet worden, ohne dass eine große politische Linie zu erkennen wäre. Da werden vom Gesetzgeber die Zügel locker gelassen, und gleichzeitig hat er eine Mauer aufgebaut, die dann zu einer Vollbremsung zwingt. Deshalb sind die ersten Ansätze positiv zu werten. Aber sie können letztlich nur positiv wirken, wenn Klarheit über das Wohin im Gesundheitswesen besteht. Doch daran fehlt es noch. Die Strukturen im Gesundheitswesen haben sich über viele Jahrzehnte gebildet.

Überall herrscht Angst, dass der jeweils konkurrierende Bereich – sei es nun der ambulante oder der stationäre, seien es die Anbieter von weiteren Gesundheitsdienstleistungen – von dem jeweils anderen übervorteilt werde. Die Ängste sind umso stärker, je schwieriger die wirtschaftliche Lage ist. Um das zu verändern, muss Vertrauen von Neuem geschaffen werden. Die Ärzte haben zum Beispiel ihren Beruf gewählt, weil sie Menschen behandeln wollen. Bürokratie, betriebswirtschaftliches Führen eines Krankenhauses oder einer Praxis stehen nicht im Fokus des Arztes. Deshalb müssen Tätigkeiten auch im Inneren so strukturiert werden, dass der Mediziner vor allem gute Medizin machen kann.

Die Politik stiftet Unklarheit und erzeugt Instabilität

Aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Es fehlt an Klarheit und Verlässlichkeit. In der ambulanten Versorgung werden die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) als Zusammenschluss der niedergelassenen Hausund Fachärzte sowie der Psychotherapeuten infrage gestellt. In vielen Regionen gerät die ambulante Versorgung in Gefahr, weil es demnächst an Ärzten fehlen könnte. Weitere Instabilität kommt auf, weil die hausärztliche Vertragsversorgung außerhalb der KV im Süden der Bundesrepublik zustande kam.

Die Kostenträger können mit einzelnen Anbietern separate Verträge schließen. Indes wird für die Krankenhäuser das Budget gedeckelt. Der Mehrbedarf an Gesundheitsleistung muss mit dem gleichen und teilweise sogar verminderten Geldbetrag erbracht werden. Von Jahr zu Jahr bleibt völlig unklar, welche gesetzliche Regelung im Folgejahr gilt. Die Krankenhäuser befinden sich in einer bedrohlichen Situation. Diese Instabilitäten entstehen, weil den Politikern der Mut fehlt, marktwirtschaftliche Lösungen umzusetzen. Wenn der Bedarf nach Gesundheitsdienstleistungen steigt, dann muss auch das dafür vorgesehene Finanzpotenzial entsprechend steigen.

Das heißt nicht, dass alles solidarisch finanziert werden muss. Es sind sehr wohl Abgrenzungen zwischen solidarischer Finanzierung und privater Zusatzfinanzierung möglich, die aber klar definiert werden müssen und die dem Bürger von den Politikern auch erklärt werden müssen. Da hierzu der Mut fehlt, werden auf der einen Seite Schritte hin zu mehr Flexibilität gesetzlich eröffnet – hin zu Ausschreibungen und zu Individualverträgen. Auf der anderen Seite werden aber Deckelungen weiterhin fortgeführt, um insgesamt die Summe der Leistungen im Gesundheitswesen zu begrenzen. Die Erfahrung zeigt, dass innerhalb der großen Struktur des Gesundheitswesens die einen stets besonders negative und die anderen durchaus positive Entwicklungen zu gewärtigen haben. Nimmt man aber das Ganze in eine Netzwerkstruktur, so könnte sich innerhalb der Netzwerke der Ausgleich vollziehen.

Anschrift des Verfassers:

Karl-Georg Dittmar, Geschäftsführer Orthopädische Klinik Hessisch Lichtenau gemeinnützige GmbH, Am Mühlenberg, 37235 Hessisch Lichtenau

Autor

Ähnliche Artikel

Weitere Artikel dieser Ausgabe

Unsere Zeitschriften

f&w
Pflege und Krankenhausrecht

Klinik-Newsletter

Abonnieren Sie unseren kostenlosen täglichen Klinik-Newsletter und erhalten Sie alle News bequem per E-Mail.

* Durch Angabe meiner E-Mail-Adresse und Anklicken des Buttons „Anmelden“ erkläre ich mich damit einverstanden, dass der Bibliomed-Verlag mir regelmäßig News aus der Gesundheitswirtschaft zusendet. Dieser Newsletter kann werbliche Informationen beinhalten. Die E-Mail-Adressen werden nicht an Dritte weitergegeben. Meine Einwilligung kann ich jederzeit per Mail an info@bibliomed.de gegenüber dem Bibliomed-Verlag widerrufen. 

Kontakt zum Kundenservice

Rufen Sie an: 0 56 61 / 73 44-0
Mo - Fr 08:00 bis 17:00 Uhr

Senden Sie uns eine E-Mail:
info@bibliomedmanager.de

Häufige Fragen und Antworten finden Sie im Hilfe-Bereich