Gesunder Werra-Meißner-Kreis

Versorgungsmodell mit Zukunft

  • Strategie
  • Management
  • 04.05.2020

f&w

Ausgabe 5/2020

Seite 448

Mit einem integrierten Versorgungskonzept soll die Gesundheit im ländlichen Raum gestärkt werden. Was seit Jahren im Kinzigtal funktioniert, wird nun – in ähnlicher Form – im nordhessischen Werra-Meißner-Kreis ebenfalls umgesetzt.

Der Weg zur Geschäftsstelle des Gesunden Werra-Meißner-Kreises (GWMK) führt entlang der Werra durch eine Landschaft, die von kleinen Burgen und Fachwerkstädten geprägt ist. Frau Holle soll am Hohen Meißner zu Hause sein. Klingt märchenhaft – dennoch hat die Region einige Probleme in der Sicherstellung einer guten Gesundheitsversorgung, auch für die Zukunft. Altersbedingt schließen viele Hausarztpraxen und nicht jede wird neu besetzt; schon jetzt gibt es nicht in jedem Ort einen Haus- geschweige denn Facharzt.

Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH) gibt es im Werra-Meißner-Kreis derzeit 64 Hausärzte mit einem Versorgungsumfang von 61,0 Versorgungsaufträgen. Auf 1.656 Einwohner kommt demnach ein Hausarzt, „wodurch das Verhältnis etwas über dem Soll-Versorgungsniveau von 1.609 Einwohnern pro Hausarzt liegt“, schildert Karl Roth, Pressesprecher der KVH auf Anfrage von f&w.

Marco Althans, Vorstand der BKK Werra-Meissner, hat nach Lösungsmöglichkeiten gesucht, um die Versorgung zu verbessern. „Ich durfte mir ein Bild über das Kinzigtal machen und war begeistert“, sagt er. Das „Gesunde Kinzigtal“ ist ein Netzwerk mit verschiedenen Leistungserbringern, das im Rahmen eines Vertrages zur Integrierten Versorgung im Jahr 2005 gegründet wurde und knapp 9.000 Mitglieder hat.

An dieser Stelle kam der Vorstandsvorsitzende der auf Integrierte Versorgung und Versorgungsforschung spezialisierten Hamburger OptiMedis AG, Dr. Helmut Hildebrandt, ins Spiel. Nach den ersten Planungen und Vorgesprächen mit dem Landrat und weiteren Entscheidungsträgern sowie diversen Leistungserbringern der Region wurde im Mai 2018 der Vertrag über die Integrierte Versorgung gemäß §140 a aus dem Fünften Sozialgesetzbuch (SGB V) geschlossen (siehe Kasten). „Gemeinsam ist das Ziel“, fasst Marco Althans zusammen, „wir wollen nicht gegen etwas arbeiten, sondern für etwas. Gemeinsam mit den Bürgern und mit dem Landkreis wollen wir die Versorgung verbessern.“

Dem GWMK geht es nicht ausschließlich um die ärztliche Versorgung der Region, sondern vielmehr um eine generelle Verbesserung der Gesundheitsversorgung, die Verknüpfung von medizinischem und sozialem Sektor, gezieltes Versorgungs- und Gesundheitsmanagement und die Aktivierung von Patienten. Langfristig sollen die Ärzte durch die Expertise anderer Berufsgruppen aus dem Gesundheitsbereich entlastet werden. Eins zu eins lässt sich das Netzwerk aus dem Kinzigtal jedoch nicht auf den nordhessischen Landkreis übertragen. Marco Althans beschreibt, dass die Problematik im Werra-Meißner-Kreis vor allem mit der Hausarztstruktur zusammenhänge, viele Patienten werden stationär behandelt. Die Patienten hätten zum Teil weitere Anfahrtswege. Dadurch ergebe sich eine hohe Ausgabensituation im Kreis.

Prinzipiell sei die Teilnahme beim GWMK für jeden, der bei der BKK Werra-Meissner versichert ist, interessant. Dem Gesunden Werra-Meißner-Kreis können sich aber auch andere Krankenkassen anschließen. „Es soll kein Ausschließlichkeitsmodell für die BKK Werra-Meissner sein“, so Althans. Sind mehr Kassen dabei, können noch mehr Menschen im Kreis von dem Versorgungsnetz profitieren. Das Gesundheitsnetzwerk ist für vier Bevölkerungsgruppen interessant:

  • Gesunde Menschen können Informationsangebote, beispielsweise zum Thema Ernährung und Bewegung nutzen und sich präventiv von den Gesundheitslotsen beraten lassen.
  • Menschen mit Risikofaktoren wie Übergewicht oder Rauchen können neben den Informationsangeboten auch die individuellen Beratungen durch die Lotsen nutzen oder an entsprechenden Kursen teilnehmen.
  • Für chronisch Erkrankte gibt es zusätzlich ein Coaching-Angebot.
  • Für Mehrfacherkrankte und Hochkostenpatienten gibt es neben den bereits genannten Angeboten noch das Case Management.

Ziel des integrierten Versorgungsprojekts ist, die Menschen zu unterstützen, dass sich bestimmte Krankheiten gar nicht erst entwickeln. Das klassische Gesundheitssystem unterscheidet die Bereiche Prävention, Früherkennung und Versorgung. „Die Aufgabe der integrierten Versorgung ist, diese Bereiche zu verknüpfen und aufeinander abzustimmen“, beschreibt Hildebrandt, „Unser Ansatz ist, an der richtigen Stelle zu intervenieren, um das bestmögliche Ergebnis für den Patienten zu erreichen und gleichzeitig die Kosten im Rahmen zu halten.“ Hierfür biete § 140 a die entsprechenden Möglichkeiten, „er schafft Freiräume für weiterdenkene Lösungen, die damit auch zum Modell für eine Umgestaltung des Gesundheitswesens werden können“, so Hildebrandt. Für ihn sind Modelle wie der GWMK Versorgungsmodelle der Zukunft.

Bestandteil dieses Modells sind die Netzwerkpartner, zum Beispiel Apotheken oder Arztpraxen sowie die Gesundheitslotsen, die als Schnittstelle zwischen Patienten und Leistungserbringern dienen.

Gut beraten

Ortswechsel in eine Eschweger Apotheke. Hier arbeitet Ivonne Kohler, Pharmazeutisch-technische Assistentin. Seit Kurzem ist sie auch Gesundheitslotsin im Kreis. 20 gibt es bisher, derzeit läuft ein Kurs mit zehn weiteren Teilnehmern, bis Ende des Jahres soll es 70 geben. „Wir bilden Gesundheitslotsen aus, die die Patienten ergänzend zu Ärzten präventiv und aktivierend beraten, Unterstützungsbedarfe erfragen, Gesundheitsziele vereinbaren und passende Angebote vermitteln“, beschreibt Marianne König, Gesundheits- und Versorgungsmanagerin beim GWMK. In sechs Wochen können sich Mitarbeiter aus den Netzwerkunternehmen zum Gesundheitslotsen qualifizieren lassen. Die Lotsen kommen aus allen Bereichen des Gesundheitswesens. „Für uns geht die Gesundheit quer über alle Sektoren und wir wollen möglichst frühzeitig an der richtigen Stelle intervenieren“, so der Vorstandsvorsitzende der OptiMedis AG und Geschäftsführer des GWMK.

Ivonne Kohler ist es wichtig, den Menschen bei Problemen zu helfen. Ein entscheidender Faktor ist auch die Zeit, die man sich als Gesundheitslotse für die Menschen nehmen kann. Ein Gespräch dauert länger als ein normales Beratungsgespräch in der Apotheke, es findet in einem separaten Raum statt und ist privater. Die Schweigepflicht ist eine Selbstverständlichkeit. „Ein Gespräch reicht manchmal schon aus“, erzählt die Pharmazeutisch-technische Assistentin, „die Leute interessieren sich für die Möglichkeiten, um die Lebensqualität zu verbessern, und Alternativen zu Medikamenten.“

Während des Erstgesprächs können ein Fragebogen zur Gesundheit ausgefüllt und Ziele festgelegt werden, zum Beispiel die Teilnahme an bestimmten Kursen. „Es geht viel um Eigenverantwortung“, sagt Marco Althans, „man kann unheimlich viel selber machen, bevor man überhaupt in den Kreislauf des Gesundheitssystems kommt. Der GWMK kann die Versicherten zu dieser Eigenverantwortung anleiten.“ Helmut Hildebrandt ergänzt: „Die Frage ist, wie kann ich jemanden dabei unterstützen, seine eigenen Ressourcen für sich zu nutzen? Hierfür gibt es verschiedene Interventionen, unter anderem bieten wir das Selbstmanagementtraining ‚Gesundheit & Ich‘ an.“

Netzwerkpartner

Aktuell haben sich 43 Partner dem Netzwerk angeschlossen, darunter Apotheken, Arztpraxen oder Pflegedienste. Das Netzwerk ist für weitere Partner offen, die durch die Zusammenarbeit von verschiedenen Vorteilen profitieren. So soll für Betriebe zum Beispiel das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) im Fokus stehen. Dazu wird in enger Abstimmung mit der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Werra-Meißner-Kreis ein Angebot erarbeitet.

Wie wichtig das Thema BGM für die Initiatoren des Netzwerkes ist, stellt man auch beim Besuch in der Geschäftsstelle fest. Dort steht testweise ein Präventiometer. Die futuristisch wirkende Kugel führt in Begleitung einer Medizinischen Fachkraft unter ärztlicher Aufsicht in 30 Minuten eine umfassende Gesundheitsuntersuchung durch. Vom Sehtest bis zur Blutanalyse können alle relevanten Parameter untersucht werden, sodass bei Bedarf darauf ein zielgerichtetes Coaching angeboten werden kann.

Mitglieder

Derzeit profitieren von dem Gesundheitsnetzwerk nur die Versicherten der BKK, von 100.715 Einwohnern im Kreis sind das knapp 25 Prozent. Die kostenlose Mitgliedschaft beim GWMK ist jedoch keine Pflicht, sondern freiwillig. Um teilzunehmen, müssen die Versicherten nur eine Teilnahmeerklärung abgeben, bislang haben sich rund 450 Personen für eine Mitgliedschaft entschieden, darunter Berufstätige, Rentner und Frührentner. Es gibt verschiedene Kurse zu Ernährung, Bewegung, Rauchfreiheit oder medizinischen Vorsorgethemen, die der GWMK gemeinsam mit Experten, unter anderem vom Klinikum Werra-Meißner, veranstaltet. Einer von ihnen ist Dr. Armin Fischer, Chefarzt der Gynäkologie des Klinikums. Sein Schwerpunkt liegt vor allem auf der Gesundheit des Beckenbodens, mit seinem Engagement möchte er für das Thema sensibilisieren. Versorgungsnetzwerke wie das des Werra-Meißner-Kreises sieht er als Vorzeigemodell.

Zunächst kostet das Projekt jedoch auch Geld, im ersten Jahr investiert der GWMK gemeinsam mit OptiMedis die Summe für den Betrieb und die Maßnahmen vor Ort. „Es ist eine Art Wette“, beschreibt Helmut Hildebrandt, „Schaffen wir es, die Menschen mit dem Einsatz dieser Mittel an der richtigen Stelle so zu unterstützen, dass bestimmte Erkrankungen in milderer Form auftreten?“ In jedem Jahr wird analysiert, wie sich die Kosten entwickeln und wie die Kostensteigerungen im Vergleich mit Deutschland sind. Sind die Kostensteigerungen im Werra-Meißner-Kreis niedriger als im Vergleich, erwirtschaftet der GWMK ein „positives Delta für die Krankenkassen“. Dieses werde mit der Krankenkasse geteilt, erklärt Hildebrandt.

Für die Krankenkassen entstehen dabei keine Belastungen, sondern Vorteile. Auch an den Leistungen für die Versicherten werde nicht gespart, sondern ihre Gesundheit durch die verschiedenen Angebote des Versorgungsnetzwerkes, verbessert. Marco Althans beschreibt diesen Effekt als „Win-win-win“-Situation für Patienten, Krankenkasse und das Unternehmen. An vierter Stelle nennt er auch die Leistungserbringer im Gesundheitswesen, da sie eine verbesserte Ausgangssituation hätten. Die Patienten seien weniger krank, dafür besser aufgeklärt und würden kompetenter mit ihrer Erkrankung umgehen. Welche Kosten eingespart werden können, wird am Beispiel Schlaganfall erklärt: Die Behandlung eines Schlaganfalls kostet im Schnitt 30.000 Euro pro Jahr in der Folgezeit durch Pflegeaufenthalte und weitere Therapien. Schafft man es vorher, Probleme mit dem Blutdruck besser zu behandeln, sei das Risiko für einen Schlaganfall geringer. Ein positiver Aspekt, von dem alle Beteiligten profitieren.

Umgang mit Corona

Der GWMK hat sein Angebot an die Corona-Lage angepasst. Die Veranstaltungen müssen entfallen, trotzdem möchte man die Menschen in der Region unterstützen. Die Gesundheitslostsen sind über eine Hotline erreichbar und haben für Gesundheitsfragen jeder Art ein offenes Ohr. Neu ist außerdem ein Online-Kurs für pflegende Angehörige. Gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen unterstützt der GWMK Ärzte und Psychotherapeuten bei der digitalen Sprechstunde. Und auch in den sozialen Netzwerken sind die Gesundheitsexperten aktiv und posten regelmäßig Sporttipps oder Smoothie-Rezepte sowie Tipps von der Ernährungsberaterin der BKK Werra-Meissner.

§ 140 a SGB V

(1) Die Krankenkassen können Verträge mit den in Abs. 3 genannten Leistungser- bringern über eine besondere Versorgung der Versicherten abschließen. Sie ermöglichen eine verschiedene Leistungssektoren-übergreifende oder eine interdisziplinär fachübergreifende Versorgung (integrierte Versorgung) sowie unter Beteiligung vertragsärztlicher Leistungserbringer oder deren Gemeinschaften besondere ambulante ärztliche Versorgungs- aufträge.

 Quelle: www.gesetze-im-internet.de/sgb_5/__140a.html

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