Digitalisierung

Arbeit zum Mitnehmen

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  • 28.09.2021

f&w

Ausgabe 10/2021

Seite 888

Selbstständig und flexibel arbeiten, zu unterschiedlichen Zeiten an jedem Ort – im Krankenhaus ist das nur begrenzt möglich. Doch digitale Tools wie eine Dienstplanungs-App und virtuelle Konferenzen geben dem Personal die von New Work geforderte Selbstbestimmung und Freiheit ein Stück weit zurück.

Ein kurzer Blick auf das Smartphone genügt. Dann weiß Krankenpflegerin Sandra, welche Schichten auf ihrer Station im Klinikum Traunstein noch frei sind. Für ihre Wunschschichten kann sie sich dann direkt eintragen, zu Hause vom Sofa aus. Die App checkt, für welche Dienstzeiten sich zu viele Kolleginnen und für welche sich zu wenige eingetragen haben, fragt bei einer Über- und Unterbelegung nach einem Wechsel und koordiniert bei Zustimmung den Tausch.

Diese digitale Möglichkeit zur selbstständigen Dienstplanung testeten Pflegekräfte der Kliniken Südostbayern über einen längeren Zeitraum mithilfe einer speziellen App. „Mehr als 80 Prozent der Dienstpläne konnten wir über die App planen, ohne dass ein weiteres Zutun notwendig war“, sagt Dr. Uwe Gretscher, Vorstandsvorsitzender der Kliniken Südostbayern AG. Ansonsten unterstützte der Dienstplaner weiterhin. Apps zur Personaleinsatzplanung sollen zwar seine Arbeit erleichtern, nicht aber ersetzen. In vier Abteilungen des Klinikums Traunstein kam diese mobile Anwendung zum Einsatz. Auch langfristig soll es Lösungen für mehr Flexibilität und Selbstbestimmung am Arbeitsplatz geben. Das Ziel: weg mit den starren Dienstplänen hin zu mehr Work-Life-Balance und Mitarbeiterzufriedenheit. Damit nähern die Kliniken Südostbayern sich der Philosophie New Work an.

New Work stößt auf Grenzen

New Work ist ein Schlagwort, auf das man derzeit häufig stößt. Der Kern von New Work: Der Mensch, seine Bedürfnisse und Stärken rücken in den Vordergrund, die Arbeit selbst ist nicht mehr nur Mittel zum Zweck, Tätigkeiten sollen sinnerfüllend sein. Zentrales Merkmal sei die Selbstständigkeit, ein Beispiel die Flexibilisierung von Arbeitszeiten und -orten, die erst durch den Einsatz von Digitalisierung möglich werde, beschreibt es der Unternehmer, Autor und Herausgeber Harald R. Fortmann in dem Fachbuch „Die Zukunft der Arbeit im Gesundheitswesen“. In der Gesundheitsbranche mit ihren Arbeitsstrukturen stoße das jedoch auf Widerspruch, New-Work-Methoden seien deutlich schwieriger umzusetzen, so sein Fazit.

Das weiß auch Dr. Uwe Gretscher. „Ein 9-to-5-Job ist eine Illusion. Im Krankenhaus wird es durch den Versorgungsauftrag kranker Menschen immer auch Arbeit nachts und an Wochenenden geben.“ Auch sei in der Pflege eine Ortsunabhängigkeit schwierig. Und doch biete die Digitalisierung eine Menge Möglichkeiten, die die Kliniken Südostbayern für ihre sechs Standorte derzeit auslotet. Die Dienstplanungs-App etwa gebe den Mitarbeitern Selbstbestimmung zurück und sorge für Stabilität und weniger Fehlzeiten. Krankheitsfälle sind natürlich nicht zu vermeiden, aber wer einspringt oder den Kollegen öfter aushilft, soll mithilfe eines Punktesystems in der weiteren Dienstplanung profitieren.

Digitales Arbeiten entlastet

Auch die nun eingeführte digitale Fieberkurve soll Ärzte und Pflegekräfte bei aufwendigen Planungs- und Dokumentationsaufgaben entlasten und Zeit für das schaffen, das sinnstiftend ist: die Patientenversorgung. 600.000 Euro hat der Verbund in die Ausstattung der Stationen mit 116 mobilen Messwagen investiert, damit das Personal Vitalfunktionen wie Temperatur, Sauerstoffsättigung des Blutes, Pulsfrequenz, Blutdruck und weitere direkt am Patienten messen kann. Die Werte landen direkt im Gerät ohne zusätzliche Dokumentation am Bildschirm oder gar auf einem Notizzettel. Für die Pflege hat der Verbund eine Ersparnis des Arbeitsaufwandes von jährlich 18.000 Arbeitsstunden errechnet. Die Daten aus den Messwagen wiederum werden über WLAN in die zentral erfasste elektronische Patientenakte geschickt, auf die alle autorisierten Mitarbeiter sofort Zugriff haben.

Die weitere Skalierung der digitalen Fieberkurve und Automatisierung von Prozessen werde den Verbund noch künftig beschäftigen, sagt Gretscher. Eine Herausforderung sei etwa das Medikationstool. Zwar können elektronische Medikationspläne, die Patienten mit in die Klinik bringen, eingelesen werden, diese stünden aber nur einem geringen Teil der Patienten zur Verfügung und seien oft handschriftlich verändert. Die Medikamente müssen daher oft manuell eingetragen und nachgepflegt werden. Auch die weitere Veränderung der Medikation im Laufe eines Aufenthalts bis hin zum Entlassbrief und Medikationsplan erfolgt digital mit allen Möglichkeiten der Prüfung von Wechselwirkungen und anderem. Bis hin zur Verabreichung der Medikation entsteht so ein Closed-Loop, ein geschlossenes System, das allen und besonders der Patientensicherheit dient. „Umfangreich ist auch die Schulung der 3.800 Mitarbeiter – darunter 1.465 im Bereich Pflege. Das dauert seine Zeit, die wir uns aber gerne nehmen und nehmen müssen“, sagt Gretscher. Er ist überzeugt davon, dass sich die Arbeitsweise im klinischen Betrieb erheblich ändern wird, und dafür müsse man die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen.

Selbstorganisiert vernetzen

Die Paracelsus Kliniken setzen vor allem auf Videokonferenzen, und das nicht erst seit der Corona-Pandemie. Sie erlauben es, ortsunabhängig und dezentral zu arbeiten. Ziel ist aber nicht, dass Mitarbeiter allein für sich bleiben, sondern ihre Teilhabe zu erhöhen und mehr miteinander zu vernetzen. „New Work bedeutet Vernetzung, also mehr miteinander zu arbeiten, und das deutlich selbstorganisierter“, sagt Katharina Lutermann, Start-up-Managerin bei der OHA Osnabrück Healthcare Accelerator GmbH.

An jedem der 19 Paracelsus-Standorte gibt es beispielsweise Familienbeauftragte. Vor der Nutzung von Videokonferenzen habe es kaum einen Austausch zwischen den Standorten gegeben, vielmehr verlief die Kommunikation immer über die Konzernzentrale. Nun aber organisieren sich die Familienbeauftragten selbst in regelmäßigen Videoterminen. „Auch ärztliches und pflegerisches Personal vernetzt sich in Fachgruppen zum Austausch“, berichtet Dirten von Schmeling, Pressesprecherin und Leiterin der internen Kommunikation bei Paracelsus. Eins zu eins werde das digitale Gespräch das persönliche Treffen nicht ersetzen, aber zumindest in Teilen. Wichtig sei, Konferenzen sinnvoll zu gestalten, etwa mit einem vernünftigen Check-in, einer Moderation und Begleitung der Meetings. Auch gebe es Kniffe, um Emotionen in die virtuellen Sitzungen zu bringen. Eine ganz kleine Intervention könnte es schon sein, eine Reaktion auf das Gesagte durch Icons wie den erhobenen Daumen auszudrücken. Oder eine Pause des virtuellen Meetings durch kleine Eisbrecher aufzulockern und damit das gegenseitige Kennenlernen zu fördern. „All das kann man lernen“, sagt Lutermann.

Mehr Zeit für den Patienten

New-Work-Methoden sind mithilfe von Digitalisierung in weiteren Bereichen denkbar. Homeoffice liegt etwa auf der Hand. Im kaufmännischen Bereich ist es schon gang und gäbe; Recherchen nach einem Beispiel aus dem ärztlichen oder gar pflegerischen Bereich blieben jedoch vergeblich. Die Umfrage der Beratung Kienbaum zeigt: Fast die Hälfte des Verwaltungspersonals und der Ärzte besitzt einen Dienstlaptop (43 Prozent), unter den Pflegekräften ist es jedoch weniger als ein Drittel (26 Prozent). Die Mitarbeiter:innen der Pflege sind also am schlechtesten mit IT ausgestattet.

Die Beratung sieht aber für alle drei Dienstarten einen entscheidenden Vorteil im Homeoffice: Fahrtkosten und -zeit ließen sich einsparen, wenn Mitarbeiter außerhalb der Klinik Zugriff auf Patientendaten erhalten und ortsunabhängig arbeiten können – damit hätten sie, wie so oft gefordert, wirklich mehr Zeit für die Patientenversorgung gewonnen.

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