Vorstandsvorlage

So viele Geisterfahrer. Außer Deutschland.

  • Strategie
  • Management
  • 07.06.2022

f&w

Ausgabe 6/2022

Seite 528

Kai Hankeln

Deutschland ist immer der Musterknabe und weiß einfach, wie es geht: vollzog die konsequenteste Energiewende, stieg dafür parallel aus Atomstrom und Kohle aus, praktizierte die radikalste Friedenspolitik mit einer nur noch symbolischen Bundeswehr und einem vertrauensseligen Appeasement gegenüber Russland. Und alles mit einem Gestus moralischer Überlegenheit. Aber plötzlich steht der eingebildete Kaiser völlig nackt da. Die Energiewende erkauft als Rohstoffjunkie mit totaler Abhängigkeit von Russland, das Putinflöten und -flüstern hat nichts geholfen, Einmarsch samt Krieg kamen trotzdem. Noch als Rückzugsgefecht dieses Irrwegs ist wohl das Gezerre um Waffenlieferungen an die Ukraine zu verstehen, bei dem Kanzler Scholz und Verteidigungsministerin Lambrecht offensichtlich auf Zeit spielen – unübersehbar auf Kosten der Ukraine.

Am deutschem Wesen wird auch diesmal die Welt nicht genesen. Die teutonische Haltung erinnert vielmehr fatal an den Autofahrer, der, als er die Warnung vor einem Falschfahrer im Radio hört, empört ausruft: „Ein Geisterfahrer? Nein, Dutzende! Wann zieht man diese ganzen Amokfahrer endlich aus dem Verkehr?“ Es wird Zeit, aus der Naivität aufzuwachen und der Wirklichkeit ins Auge zu sehen! Es sind nicht alle anderen, die sich irren, sondern wir.

Aber warum handeln wir so? Ist es Bequemlichkeit, German Angst oder eine seit der Kaiserzeit immer wieder hervorschimmernde vermeintliche Überlegenheit? Die Unfähigkeit, auf internationale Lösungen zu schauen, oder die Neigung, Realitäten zu verdrängen? Statt Debatten ernsthaft und offen führen zu können, wird ständig über das „Sagbare“ nachgedacht. Wir müssen wieder Abwägen können, Werte aufwiegen statt Grundrechte unter Kollektivrechte zu stellen. Ich befürchte auch einen Dammbruch aus den pandemischen Erfahrungen, es könnte das Lehrbuch für viele Lebensbereiche werden: Mobilität, Wohnen, Essen und vieles andere. Auch gesundheitspolitisch sind wir ähnlich unterwegs: mit viel Hybris, aber wenig Verstand. Wir haben das System ähnlich kaputtgespart wie die Bundeswehr, leisten uns aber dank massiver finanzieller wie personeller Fehlallokationen für ein Prozent der Weltbevölkerung acht Prozent der Sozialausgaben. So ist das nicht mehr finanzierbar. Wir brauchen weniger Kliniken, die aber endlich besser ausgestattet werden. Ganz nebenbei würden wir so auch den Fachkräftemangel spürbar entschärfen.

Auch wenn viele die Notwendigkeiten für harte Reformen nicht sehen wollen und stattdessen mit sozialistischen Glaubenssätzen flirten – spätestens mit der Pandemie hat der Staat doch überdeutlich demonstriert, was er alles eben nicht kann. Planwirtschaft und versteckte Subventionen helfen nicht, ein fairer Wettbewerb verschiedener Trägermodelle dagegen schon. Am besten mit Anreizen für innovative Versorgungsformen ohne Sektorengrenzen, bei denen statt Partikularinteressen endlich die Ergebnisse und der Nutzen für den Patienten im Vordergrund stehen.

Unser Handelssystem löst sich gerade auf, die Welt verfällt in Blöcke. Da ist es für unsere Wirtschaft und damit unser Land lebenswichtig, die Lohnnebenkosten niedrig zu halten, um im raueren Wind wettbewerbsfähig zu bleiben. Das geht nur mit drei Elementen: einem unternehmerfreundlicheren Klima, performanten Strukturen im Gesundheitswesen und Ehrlichkeit gegenüber unseren Bürgern.

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