Immer mehr Kliniken beschäftigen Physician Assistants. Wie diese ihre Kollegen entlasten können und worauf es beim Einsatz ankommt, zeigen erste Erfahrungen an der Universitätsmedizin Essen.
Für die einen ist es eine neue Generation von Medizinerinnen und Medizinern, für die anderen eine Art Assistenzarzt – und wieder andere haben gar keine konkrete Vorstellung von diesem noch recht jungen Berufsbild. Die Rede ist vom Physician Assistant. Angesichts des massiven Ärztemangels implementieren derzeit immer mehr Kliniken das Berufsbild in ihre Prozesse. Auch die Universitätsmedizin Essen gehört dazu: Seit Anfang dieses Jahres ist die Funktion in die Strukturen des Konzerns integriert, mittlerweile sind 20 Physician Assistants im Einsatz.
Grundsätzlich ermächtigt das Studium Physician Assistants dazu, delegierbare ärztliche Tätigkeiten zu übernehmen – eigenständig, in Delegation, aber ohne Aufsicht. Davon profitieren unter anderem die Mitarbeitenden. Studien zeigen beispielsweise: In Teams mit Physician Assistants werden die Mitarbeitenden entlastet, während die Versorgungsqualität gleich hoch bleibt. Ein weiterer Vorteil ist, dass Physician Assistants einen erheblichen Mehrwert für die tägliche Stationsorganisation bieten – insbesondere dann, wenn sie in einem Tagesdienstmodell arbeiten und keine zusätzlichen Dienste übernehmen. Bereits der Einsatz von zwei Physician Assistants kann erheblich dazu beitragen, die Abläufe und Organisation zu optimieren. Sie können Aufnahmen, Entlassungen, Untersuchungen sowie die Funktionsdiagnostik planen und klinische Verläufe engmaschig überwachen. Dank ihres medizinischen und organisatorischen Wissens können sie als Ansprechpersonen für Assistenzärzte dienen, die im Gegensatz zu Physician Assistants nur rotierend in der jeweiligen Abteilung tätig sind. Sie können die Ärzte somit auf Augenhöhe auf den neuesten Stand bringen.
Aufgaben: von der Anamnese bis zur Dokumentation
Aktuellen Studien zufolge können Physician Assistants bis zu 70 Prozent der Aufgaben eines Assistenzarztes übernehmen. Das können allgemeine Tätigkeiten sein – von der Anamnese über die Beratung bis hin zur Auswertung von Laborergebnissen und Dokumentation. Es können aber auch spezielle Aufgaben wie Sonografien, die Anlage von Drainagen und Kathetern oder OP-Assistenztätigkeiten sein. Ein optimaler Einsatzbereich für einen Physician Assistant ist daher eine Position, in der üblicherweise Mediziner Tätigkeiten ausführen, die vollständig oder nahezu vollständig delegierbar sind. Dies ermöglicht es den Ärzten, sich auf komplexere Fälle zu konzentrieren oder mehr Fälle zu versorgen.
Um das Potenzial von Physician Assistants auszuschöpfen, bedarf es jedoch eines klaren Aufgabenprofils. Denn die Erfahrung zeigt: Der größte Fehler besteht darin, das Tätigkeitsprofil des Physician Assistant entweder gar nicht oder nicht klar zu definieren. Problematisch ist zudem, wenn der Funktion Aufgaben zugewiesen werden, die nicht der Qualifikation von Physician Assistants entsprechen und diese schlichtweg unterfordern.
Erwartungen und Aufgaben klar kommunizieren
Werden die Kompetenzen und Aufgaben des Berufsbildes nicht klar genug definiert, schmälert das die gewünschte Effizienzsteigerung und Entlastung. Das kann nicht nur zur Unzufriedenheit der Physician Assistants und ihrer Kollegen führen, sondern auch die Sinnhaftigkeit des Berufsbildes an sich infrage stellen. Daher ist ein klares Tätigkeitsprofil notwendig, das auf die jeweilige Abteilung des Physician Assistant zugeschnitten ist. Die jeweiligen Aufgaben und Erwartungen müssen dann klar kommuniziert werden.
Beispiel Notaufnahme: Lange Wartezeiten, ungeduldige Patienten und zahlreiche Fälle, die keine akuten Notfälle sind, gehören hier zu den Herausforderungen. Nicht zuletzt wegen Personalmangels tendieren viele Kliniken dazu, Assistenzärzte mit vergleichsweise wenig Erfahrung rotierend im Drei-Schicht-System in der Notfallmedizin einzusetzen. Physician Assistants, die dauerhaft fest in der Notaufnahme arbeiten, können hier eine stabile Ergänzung sein. Sie können insbesondere Spitzenbelastungen in der direkten Patientenversorgung auffangen. Auch die Dokumentation und – falls erforderlich – die Organisation von Verlegungen können sie übernehmen.
Folgendes Szenario ist somit denkbar: Ein triagierender Oberarzt weist dem Physician Assistant einen Patienten zu. Dieser legt einen Zugang, übernimmt die Blutentnahme, die Anamnese und körperliche Untersuchung und holt – falls nötig – Informationen beim Einweiser ein. Gegebenenfalls ergänzt er die Diagnostik durch eine Sonografie. Die ersten Ergebnisse werden an den Oberarzt zurückgespielt, die Befunde verifiziert, eventuell ergänzt. Der Oberarzt legt die Diagnose und Therapie fest. Danach kann wieder der Physician Assistant übernehmen. Er kümmert sich um mögliche weitere diagnostische Maßnahmen, dokumentiert alles und regelt die Entlassung oder Verlegung.
Mit den Abläufen gut vertraut
Gleiches gilt auch für das zweite praktische Beispiel: die Chirurgie. Operationen, Ambulanzdienst, OP-Nachsorge und Sprechstunden sind klassische Arbeitsfelder von Ärzten in der Chirurgie. Physician Assistants können zum einen flexibel dort eingesetzt werden, wo der Bedarf am dringendsten ist. Zum anderen fungieren sie als ständige Ansprechpartner, die für die ärztlichen Kollegen den Überblick behalten. Das sorgt nicht nur dafür, dass die Aufgaben effizienter bewältigt werden können. Es ermöglicht den Assistenzärzten auch, sich auf die Bereiche zu fokussieren, die ihre Weiterbildung zum Facharzt bestmöglich unterstützen.
Der Ausbildungsweg von Physician Assistants
Die Ausbildung dauert sechs bis acht Semester an einer der 25 Hochschulen in Deutschland, die den Studiengang mit dem Abschluss Bachelor of Science anbieten. Seit 2021 kann man ebenfalls einen Master absolvieren. Rund 2.000 Absolventen standen dem Arbeitsmarkt Ende 2023 zur Verfügung. Im Wintersemester 2023/2024 sind 1.700 Studierende immatrikuliert.
Da Physician Assistants langfristig in einer Abteilung arbeiten, sind sie mit den Abläufen gut vertraut. Das hilft, die sonst üblichen Informationsbrüche zu vermeiden. Aufnahmen, Visite, Drai- nagemanagement, Verbandswechsel, Wundkontrolle, chirurgische Assistenz, Patienten- und Angehörigengespräche und die eingangs erwähnte Entlassung oder Verlegung – all das sind mögliche Tätigkeiten. Wenn sogar mehrere Stellen besetzt werden können, könnte ein Physician Assistant im OP-Saal assistieren. Zwei weitere könnten die stationäre Versorgung und administrative Tätigkeiten übernehmen und zugleich die diensthabenden Ärzte über anstehende Aufgaben informieren.
Kliniken können also in vielerlei Hinsicht von der Expertise und Unterstützung durch Physician Assistants profitieren. Sie helfen dabei, den ärztlichen Dienst zu stabilisieren und bieten zugleich langfristig finanzielle Vorteile.