Der Pflegekräftemangel zwingt Krankenhäuser zu neuen Strategien. Das Klinikum Aschaffenburg-Alzenau setzt dabei auf ungewöhnliche Benefits. Mit einem Drei-Säulen-Modell will das Haus Pflegekräfte gewinnen, entwickeln und langfristig halten.
Das Krankenhausmanagement und der Klinikalltag sind von Themen mit hoher strategischer Relevanz geprägt. Viele Bereiche erfordern langfristiges Engagement – es ist erforderlich, dicke „Bretter“ oft mehrfach zu bohren. Dabei steht das Personal besonders im Fokus. Unterschiedliche Faktoren haben aus dem Bereich inzwischen eine konti- nuierliche Transformationsaufgabe gemacht, die perspektivisch entwickelt, beobachtet und regelmäßig (nach) justiert werden muss.
Das Klinikum Aschaffenburg-Alzenau hat drei Säulen zur Personalakquise innerhalb des Gesamtkomplexes Personal definiert und arbeitet stets an der inhaltlichen Ausgestaltung:
- Neue Wege gehen
- Den Blick weiten
- Die Innensicht schärfen
In allen drei Säulen konnte das Klinikum in den vergangenen Jahren Erfolge verzeichnen – auch weil es gelungen ist, über die Grenzen des klassischen „Personalwesens“ hinaus zu denken.
Die aktuelle Lage des Klinikums
Rund 3.000 Mitarbeiter sind im Klinikum Aschaffenburg-Alzenau beschäftigt. Der Standort gehört zu den größten Krankenhäusern in Bayern. In Alzenau wächst ein Gesundheitsversorger, der unter anderem mit ambulanten Opera- tionsmöglichkeiten, tagesstationären Angeboten und einer geriatrischen Rehabilitation genau die Entwicklung nimmt, die kleinere, ländlich geprägte Standorte nehmen müssen, um auch in Zukunft eine wichtige Rolle im Gesamtkontext spielen zu können.
Die angebotene medizinische Versorgung entspricht in vielen Bereichen universitärem Niveau mit beispielsweise Kardiologie und Neurologie. Das Haus verfügt über eine Kinderklinik mit Neonatologie und Perinatalzentrum Level 1, eine Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie eine Klinik für Palliativmedizin. Zwei Neubauprojekte sorgen für eine langfristige Modernisierung der Bausubstanz. Durch die Lage – im geografischen Mittel zwischen den Großstädten Frankfurt und Würzburg – kommt dem Haus eine entscheidende Verantwortung bei der Versorgung der Bevölkerung am bayerischen Untermain zu; einer Region mit mehr als 370.000 Einwohnern.
Erste Säule: Neue Wege gehen
Spitzenmedizin und Entwicklungspotenziale: Eine passende Ausgangslage für erfolgreiche Personalakquise – das könnte man meinen. Tatsächlich war die Rekrutierung neuer Pflegekräfte insbesondere in den Coronajahren äußerst widerspenstig und nicht immer vom Erfolg gekrönt. Als ein Problem wurde dabei das Thema Mobilität identifiziert. Denn rund um Aschaffenburg gibt es zahlreiche Mitbewerber in attraktiven Großstädten wie Frankfurt oder Würzburg sowie regionaleren Zentren wie Offenbach und Hanau.
Gleichzeitig zeigte sich nach der ersten Coronawelle deutlich, dass die gesellschaftliche Anerkennung der Pflege eine Eintagsfliege blieb. Dem harten Wettbewerb und der fehlenden Anerkennung setzte das Klinikum Aschaffenburg-Alzenau deshalb 2022/2023 ein echtes Benefit entgegen: kostenlose Dienstwagen. Die erste Welle mit 800 ePkw war umgehend vergeben – an Bestandsmitarbeiter und rund 100 neue Kräfte, die sich beworben haben, nachdem das Angebot öffentlich gemacht wurde.
Ausgehend vom erfolgreichen Start des Projekts wurde dann 2025 in einem nächsten Schritt in Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat eine Tochtergesellschaft gegründet, um flexiblere Arbeitszeitmodelle möglich zu machen. Mitarbeiter haben seitdem die Wahl, ob sie im Flächentarifvertrag bleiben oder in die Tochtergesellschaft wechseln möchten. Auch hier steht den Mitarbeitern der Pflege unter anderem ein Dienstwagen zur Verfügung; zudem gibt es einen erhöhten Zuschuss zur Kinderbetreuung und flexiblere Arbeitszeitmodelle. Der Wechsel kann unbürokratisch laufen, ist jederzeit änderbar und natürlich freiwillig. Das Angebot richtet sich grundsätzlich an alle Mitarbeiter. Mehr als 220 haben in den ersten sechs Monaten gewechselt.
Allerdings belässt es das Klinikum nicht bei diesen Angeboten. Durch angestiegene Lebenshaltungskosten, wie vor allem die kontinuierlich steigenden Energiepreise, hat das Klinikum zu Jahresbeginn 2026 entschieden, auch anderen Gruppen aus Medizin und Verwaltung Zugang zum Dienstwagen zu ermöglichen. Hier geht es weniger um Personalakquise; hier stehen vor allem eine konkrete Entlastung und eine zusätzliche Wertschätzung im Mittelpunkt.
Ziel des Klinikums ist und bleibt es, bei der Personalakquise neue Wege zu gehen und die Bedürfnisse der Zielgruppe zu antizipieren. Denkverbote gibt es dabei nicht – allerdings brauchen kreative Prozesse mitunter Zeit und ein Momentum. Um darüber hinaus den steigenden Bedarf an Mitarbeitern zu decken, geht das Klinikum auch an anderer Stelle ungewöhnliche Wege.
Zweite Säule: Den Blick weiten
Das Rhein-Main-Gebiet steht in hohem Maße für Internationalität. Hier setzt das Klinikum Aschaffenburg-Alzenau ebenfalls an und hat in den vergangenen Jahren im Ausland nach mehr Pflegekräften gesucht. Zugegeben, kein ganz neuer Gedanke, der sich aber gerade in der Pflege in der Regel stets bewährt.
Es versteht sich von selbst, dass der bürokratische Aufwand im Falle einer gelungenen Personalakquise immens und ein Vollzeitjob ist, der über ein eigenes Integrationsmanagement abgedeckt wird. Zudem müssen kulturelle Unterschiede und Sprachbarrieren beachtet und gegebenenfalls überwunden werden. Aber das Klinikum ist davon überzeugt, dass ein Blick ins Ausland dabei helfen kann, den hierzulande grassierenden Pflegenotstand zumindest zu lindern.
Inzwischen arbeiten unter anderem mexikanische und indische Pflegekräfte im Klinikum Aschaffenburg-Alzenau; zudem pflegt das Haus enge Kontakte nach China, die in einigen Bereichen auch bereits über die Pflege hinausgehen. Die im Klinikum vorhandene Infrastruktur mit eigener Bildungsakademie und Wohnraum sind Vorteile, die durchaus bei der Akquise helfen. Umgekehrt wird gerade aktuell am Beispiel der indischen Pflegekräfte erkennbar, dass diese über hohe Ausbildungsstandards und hervorragende Deutschkenntnisse verfügen. Eine Win-win-Situation, bei der man als Arbeitgeber nicht vergessen darf, dass man zugleich auch Gastgeber für Menschen ist, die einige Tausend Kilometer von ihrer Heimat und Familie entfernt sind. Das Integrationsmanagement beschränkt sich deshalb nicht nur auf die Arbeit, sondern bietet auch Unterstützung im privaten Umfeld beziehungsweise in alltäglichen Situationen an.
Dritte Säule: Die Innensicht schärfen
Akquise ist gut, eine niedrige Fluktua- tion allerdings noch besser. Es bedarf der skizzierten zwei Säulen, um Mitarbeiter für das Klinikum Aschaffenburg-Alzenau zu gewinnen. Aber die Frage, wie eigenes Personal ausgebildet und Bestandspersonal weiterentwickelt und gefördert werden kann, darf nicht im Schatten der erwähnten zwei Säulen stehen.
Beispiel Dienstwagen: Auch Bestandsmitarbeiter gilt es abzuholen. Wer mit der Vertragsunterzeichnung aufhört, sich um die Mitarbeiter zu kümmern, wird in Zeiten sinkender Unternehmenstreue, eines höheren Wettbewerbs mit Ablöseprämien und einem anderen Verständnis vom Begriff Work-Life- Balance schnell wieder auf die Suche gehen müssen. Der Dienstwagen ist ein gewichtiges Zeichen, dass das Klinikum um die veränderten Rahmenbedingungen weiß und sich bewusst ist, dass die Mitarbeiter von ihrem Arbeitgeber mehr Flexibilität erwarten – bei Arbeitszeiten, Gehaltsmodellen und ähnlichen Benefits.
Letztere stehen den Mitarbeitern des Klinikums auf unterschiedlichen Ebenen mannigfaltige Angebote zur Ver- fügung: vom Betrieblichen Gesundheitsmanagement über die Betriebliche Altersvorsorge bis hin zu einem umfassenden Fort- und Weiterbildungskatalog. Dieses Portfolio ist im kontinuier- lichen Wandel. So wurde beispielsweise das Thema „Gewalt in der Notaufnahme“ vor einigen Jahren sicher weniger umfassend beleuchtet als heute. Am Puls der Zeit kann das Klinikum Aschaffenburg-Alzenau auch deshalb sein, weil es eine eigene Bildungsaka- demie für Gesundheitsberufe betreibt. Hier gibt es unterschiedliche Ausbildungsgänge: Pflegefachfrau/Pflegefachmann, Operationstechnische Assistentin/Assistenten, Anästhesietechnische Assistentin/Assistenten. In Kooperation mit unterschiedlichen Hochschulen ist ein duales Studium möglich.
Außerdem widmet sich das Klinikum der Frage, wie die Arbeit im Krankenhaus in Zukunft aussehen könnte. Hier geht es nicht nur um neue Arbeitstechniken wie etwa das Remote Scanning oder Da-Vinci-Operationsroboter; auch die konkrete Arbeitsorganisation steht seit einigen Jahre im Fokus – Stichwort „Meine Station“. Chefarzt Hubertus Schmitz-Winnenthal treibt seit mehreren Jahren ein außergewöhnliches Projekt zur selbstorganisierten Zusammenarbeit auf einer allgemeinchirurgischen Station voran. Ziel des Projekts ist es, ein Umfeld zu schaffen, in dem die medizinischen Berufe gemeinsam ein bedürfnisorientiertes Betriebssystem erabeiten können. „Meine Station“ läuft im vierten Jahr und bietet Menschen, die innerhalb des Systems Krankenhaus an der Zukunft arbeiten wollen, einen einzigartigen Weg, um Veränderungen wirklich aktiv mitzugestalten.
Immer noch kein Ende in Sicht
Mit der Ausgestaltung der drei Säulen hat die Personalarbeit am Klinikum gerade erst begonnen. Gerade weil die Zeiten anspruchsvoller sind, müssen Krankenhäuser den Blick weiten und auf politische Hindernisse oder Beschwernisse mit Kreativität und Durchsetzungswillen reagieren.
Es bleibt abzuwarten, ob das Personal von Krankenhäusern, die in den kommenden Jahren insolvent gehen werden, wirklich in größerer Zahl in andere Häuser wechseln wird, weil dafür die Wege zu weit und die Pflege meist zu heimatverbunden ist. Aber welche Antworten gibt das Klinikum Aschaffenburg-Alzenau auf diese Vermutung? Und wie geht es mit dem demografischen Wandel um, der ja auch vor den Mitarbeitenden in Pflege und Medizin nicht haltmachen wird? Denn nicht nur die Patienten, auch die Mitarbeiter altern. Bedarf es dafür neuer Arbeitszeitmodelle? Und welche Herausforderungen haben die Mitarbeitenden, wenn sie zwar selbst noch jünger sind, aber vielleicht mehrere ältere Familienmitglieder pflegen müssen? Hat das Krankenhaus der Zukunft ein Pflegeheim für Angehörige der Mitarbeitenden?
Fragen, denen sich das Klinikum Aschaffenburg-Alzenau in den kommenden Jahren stellen will – und bei denen der Anspruch besteht, kreative und an der Lebensrealität der Belegschaft orientierte Lösungen zu finden.