Schumpeter-Kolumne

Evolution mit R

  • GesundheitsWirtschaft
  • Titel: Politische Revolution
  • 01.05.2016
Ausgabe 5/2016

Gesundheits Wirtschaft

Ausgabe 5/2016

Begriffe prägen Debatten, zumal politische. So implizierte der Terminus der „Revolution" im Bürgertum doch lange etwas Positives. Die „Glorious Revolution" von 1688/89 ebnete den Weg zum Parlamentarismus. 1776 erklärten sich die Vereinigten Staaten unabhängig. Die britischen Siedler befreiten sich von der Willkürherrschaft ihres britischen Königs und der Aristokratie. 1789 erfolgte der Umbruch in Frankreich – zugegeben mit durchwachsenem Erfolg. Schließlich folgte auf das Ancien Régime der Terror der Jakobiner. Auf der Haben-Seite der Französischen Revolution steht jedoch aus Sicht des Bürgertums etwa der Code civil, Vorfahre des Bürgerlichen Gesetzbuchs.

Eine echte Wendung hin zum Negativen dürfte der Begriff der Revolution bekommen haben, als Revolutionäre zu Revoluzzern wurden. Die marxistische Lehre wurde zum Bürgerschrecken. Zu Recht? Waren es wirklich die Schriften von Karl Marx oder eher deren Interpretation durch die Marxisten? Und sind die genannten historischen Ereignisse wirklich radikale Wendungen der Geschichte, oder sind hier nicht eher evolutionäre Kräfte am Werk, die das Neue herbeiführen? Der Begriff der Revolution ist seitdem eng mit dem des Marxismus verknüpft, wobei die Kommunisten Osteuropas und der ehemaligen DDR gern von „Konterrevolution" sprachen, wenn sie die friedliche Revolution von 1989 meinten.

Der Ökonom und Sozialphilosoph Joseph A. Schumpeter schrieb 1947 in seinem Werk „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie": „Dass der große Lehrer des sozialistischen Glaubensbekenntnisses in Sowjetrussland zu seinem Recht gekommen ist, ist nicht überraschend. Und es ist nur kennzeichnend für solche Heiligsprechungsprozesse, dass zwischen dem wahren Sinn von Marxens Botschaft und der bolschewistischen Praxis und Ideologie mindestens ein ebenso großer Abstand klafft wie einst zwischen der Religion von schlichten Galiläern und der Praxis und Ideologie der Kirchenfürsten und Kriegsherren des Mittelalters."

Schumpeter vertrat die These, „dass der Marxismus seinem Wesen nach ein Produkt des bourgeoisen Geistes ist". Er stellte in seinem Spätwerk die Frage nach der Zukunft des Kapitalismus und folgerte: „Selbst wenn Marxens Tatsachen und Beweisführung noch irriger gewesen wären, als sie sind, könnte nichtsdestoweniger sein Ergebnis insofern richtig sein, als es einfach versichert, dass die kapitalistische Entwicklung die Grundlage der kapitalistischen Gesellschaft zerstören wird. Ich glaube, so ist es."
Doch wenn es tatsächlich einen zwanghaften Zusammenbruch der kapitalistischen Ordnung gibt, so ist die gewaltsame Revolution des Proletariats überflüssig. Schumpeter über Marx weiter: „Die Evolution war für ihn die Mutter des Sozialismus. Er war viel zu sehr erfüllt von einem Gefühl der inhärenten Logik der sozialen Dinge, um zu glauben, dass die Revolution irgend einen Teil des Werks der Evolution ersetzen könne. Die Revolution kommt dennoch."

Marx und Schumpeter irrten: Der Kapitalismus besteht fort. Mehr denn je sind freiheitliche Märkte weltweit Treiber für Fortschritt. Der Rückgang des Hungers auf der Welt ist nur ein Beispiel.

Doch der Kapitalismus des 21. Jahrhunderts unterscheidet sich von jenem des 19. Er entwickelt sich beständig fort, bringt immer neue Errungenschaften hervor und führt zu gesellschaftlichen Umbrüchen. Vielleicht lässt es sich am besten so beschreiben: Evolution mit revolutionären Umbrüchen. Neue Technologien und Organisationsformen verändern Wirtschaft und Gesellschaft, doch sie sind nicht Ergebnis externer Kräfte, die bewusst die sozialen Strukturen verändern wollen. Sie sind geradezu Ergebnis dieser sozialen Strukturen, und ihr Aufkommen verändert sie, häufig schubweise.

Der Begriff der Revolution meint also im Wesentlichen rasante Phasen der Evolution. Angesichts der enormen technischen und naturwissenschaftlichen Erkenntnisfortschritte – genannt seien nur künstliche Intelligenz und Genforschung – steht die Welt vor revolutionären Umbrüchen. Sie sind aber Ergebnis einer Evolution, ebenso wie die genannten historischen Ereignisse Folge sozialer und wirtschaftlicher Entwicklungen waren. 

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