Orientierungswert von Dr. Wulf-Dietrich Leber

Senatsreserve

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Senatsreserve
Dr. Wulf-Dietrich Leber © privat

Vor ein paar Tagen hatte ich das Privileg, die neue Berliner "Senatsreserve" zu besichtigen: Mehrere hundert einsatzbereite Intensivbetten für den Corona-Fall, lazarettmäßig gereiht in einer gigantischen Messehalle. Eine beeindruckende logistische Meisterleistung von Vivantes und der Messe Berlin im Gefolge eines Senatsbeschlusses, der – unter dem Eindruck der Bergamo-Bilder – vorsah, jenseits der Berliner Krankenhäuser ein Behelfskrankenhaus aus dem Boden zu stampfen, um im Falle einer unkontrollierten Entwicklung der Corona-Infektionen vorbereitet zu sein. Bis zum heutigen Tag hat kein Patient hier gelegen. Es drängt sich der Begriff "Neue Berliner Senatsreserve" auf.

Mit der Existenz einer Senatsreserve wurde ich erstmals Ende der 1980er-Jahre in der damals in Bonn beheimateten Geschäftsstelle des Sachverständigenrates konfrontiert, als ich morgens mit einem zugegebenermaßen nicht mehr ganz modischen Pullover erschien und mir eine Sekretärin mit Berliner Schnauze entgegenpolterte: „Det is ja fürchterlich! Der sieht ja aus wie aus der Senatsreserve!“ Die Berliner Senatsreserve war eine riesige Lagerhaltung für den Ernstfall, die Ende der 1940er-Jahre von der Alliierten beschlossen wurde, um für den Ernstfall einer erneuten Berlin-Blockade vorbereitet zu sein. Eine nochmalige Luftbrücke war wohl zu teuer und zu riskant.

Der Senat hamsterte, um notfalls 180 Tage aushalten zu können. Kohle, Lebensmittel, Decken, Pullover, Schuhsohlen und tausend andere Sachen wurden in bis zu 700 Lagern gebunkert. Regelmäßig wurde der Bestand erneuert, die sogenannte Umwälzung, und bei dieser Gelegenheit konnten die Berliner günstig Altbestände erstehen – Pullover zum Beispiel, die in puncto modischen Chics jenem geglichen haben müssen, den ich damals im Büro getragen hatte. Erst mit der Wende erfolgte der Beschluss, die Senatsreserve komplett aufzulösen und die Lager einer neuen Verwendung zuzuführen. Die Berlinische Galerie (in der Nähe zum Jüdischen Museum) war z. B. das beeindruckend große Lager für Fensterglas. Offenbar rechnete man damit, dass die Berliner Demonstrationsgewohnheiten auch im Blockadefall unverändert fortgesetzt würden.

"Wir warten gespannt auf die Zukunft der Halle 26 in den nächsten dreihundert Jahren"

Nun also die neue Vorbereitung für den Ernstfall Corona-Pandemie: der Aufbau von Beatmungsplätzen. Eine im Grundsatz sinnvolle Maßnahme, bei der eine der großen Herausforderungen darin besteht, sie zum richtigen Zeitpunkt zurückzufahren. Der tägliche Blick in die RKI-/DIVI-Statistik über freie Intensivkapazitäten vermittelt inzwischen den Eindruck, dass die Förderung leer stehender Intensivbetten möglicherweise nicht mehr fortgesetzt werden sollte. Aktueller Stand Anfang Juni: 11.500 freie Intensivbetten. In den knapp 21.000 belegten Betten wurden lediglich in 500 Betten Covid-19-Patienten behandelt. Da muss der Corona-Expertenbeirat sich wohl demnächst damit beschäftigen, ob die unkoordinierte flächendeckende Förderung des Intensivbettenaufbaus angesichts anderer Finanzbedarfe (z. B. überhöhte Finanzierung von Testungen) noch sinnvoll ist.

Nun weiß man nie: Berlin hat mit der Vorbereitung auf den Ernstfall weit zurückreichende Erfahrung. Im Jahr 1710 näherte sich der Stadt von Osten die Pest. Man entschied sich, vorbereitet zu sein, und baute in Rekordzeit ein Pesthaus vor den Toren der Stadt. Dann – man ahnt es schon – kam die Pest nicht. Das Haus stand erst einmal leer. Später wurde es für die Krankenversorgung genutzt und hat unter dem Namen "Charité" einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht. Wir warten gespannt auf die Zukunft der Halle 26 in den nächsten dreihundert Jahren.

Autor

Dr. Wulf-Dietrich Leber

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