Orientierungswert

Ohne Deregulierung scheitert die GKV-Stabilisierung

  • Politik
Christoph Radbruch Vorsitzender Deutscher Evangelischer Krankenhausverband
Christoph Radbruch © DEKV/Tobias Koch

Das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz ist eine fiskalische Notoperation und keine strukturelle Reform. Die Krankenhausreform gilt politisch weitgehend als abgeschlossen. Doch selbst wenn sie perspektivisch zu einer Entlastung der Krankenkassen beitragen sollte, wäre ein spürbarer Effekt frühestens ab 2030 zu erwarten. Für die aktuelle politische und finanzielle Lage käme das zu spät.

Im Mittelpunkt steht deshalb die kurzfristig notwendige Stabilisierung der GKV-Finanzen. Ziel ist es, die Ausgabenentwicklung der Krankenkassen unter Kontrolle zu bringen und zugleich das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates zu sichern. Diese politische Realität ist anzuerkennen: Die Frage ist nicht mehr, ob gespart wird – das ist entschieden. Entscheidend ist vielmehr, unter welchen Bedingungen dies geschieht.

Krankenhäuser am Limit

Die aktuellen Vorschläge treffen die Krankenhäuser in einer Phase, die vielerorts bereits als Grenzsituation erlebt wird. Geschäftsführungen stehen seit Monaten unter wachsendem Druck, die wirtschaftliche Stabilität zu sichern. Vor diesem Hintergrund werden die Sparmaßnahmen nicht als isolierte politische Entscheidung wahrgenommen, sondern als weitere Zuspitzung einer ohnehin angespannten Lage.

Transformation vs. wirtschaftliche Realität

Für die Krankenhäuser entsteht daraus eine Situation, die in der Praxis als widersprüchlich erlebt wird: Einerseits wird eine tiefgreifende Transformation des Systems erwartet, andererseits werden Erlössteigerungen begrenzt, während die Kosten weiter steigen.

Diese Gleichzeitigkeit ist kein abstrakter Zielkonflikt, sondern prägt den Alltag in den Einrichtungen. Genau hier liegt das zentrale Risiko der aktuellen Entwicklung: Wenn wirtschaftlicher Druck auf ein hochreguliertes System mit nur begrenzten Anpassungsmöglichkeiten trifft, besteht die Gefahr, dass die politisch gewollte und gesteuerte Transformation faktisch durch ungeplante Marktreaktionen ersetzt wird.

Ohne faire Rahmenbedingungen droht Fehlsteuerung

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, worauf es jetzt entscheidend ankommt: Wenn die zentrale Frage nicht mehr lautet, ob kurzfristig gespart wird, ist entscheidend, ob die Rahmenbedingungen so ausgestaltet werden, dass die Konsolidierung unter fairen Wettbewerbsbedingungen erfolgt. Nur dann besteht die Chance, dass sich im Transformationsprozess tatsächlich die leistungsfähigsten und effizientesten Strukturen durchsetzen und nicht diejenigen, die dauerhaft auf externe Defizitausgleiche angewiesen sind.

Der Vorschlag eines gezielten Regulierungsabbaus ist also kein Selbstzweck und auch keine Infragestellung von Qualitätszielen. Vielmehr ist er eine notwendige Voraussetzung dafür, dass die politisch gewollte Transformation unter den gegebenen finanziellen Rahmenbedingungen überhaupt gelingen kann.

Maßnahmen für mehr Handlungsspielraum

Konkret geht es darum, kurzfristig Handlungsspielräume zu eröffnen, etwa durch:

  • flexiblere Personalvorgaben in Übergangssituationen
  • eine spürbare Reduktion und Bündelung von Prüf- und Nachweispflichten
  • eine stärkere Fokussierung von Kontrollen auf tatsächlich relevante Sachverhalte
  • die Vereinfachung von Dokumentationsanforderungen
  • mehr Flexibilität bei strukturellen Vorgaben, insbesondere in regional angespannten Versorgungssituationen.

 

Solche Maßnahmen würden in den Häusern unmittelbar wirken. Sie würden nicht alle wirtschaftlichen Probleme lösen, aber sie würden den Verantwortlichen ermöglichen, wieder aktiv zu gestalten, statt ausschließlich reagieren zu müssen.

Kommunikation mit der Politik: Ton entscheidet

Damit diese Forderung politisch Wirkung entfalten kann, muss der Gesprächskanal zu den politischen Akteuren offen und belastbar bleiben. Genau das ist jedoch nicht selbstverständlich. Denn in den aktuellen Protesten der Krankenhäuser verschiebt sich die Sprache an manchen Stellen.

Wenn politische Entscheidungen als „Diktate“ bezeichnet werden, wenn aus strukturellen Problemen pauschal ein „Systemversagen“ abgeleitet wird oder sich die Debatte entlang eines Gegensatzes zwischen „den Praktikern vor Ort“ und „der Politik in Berlin“ organisiert, verändert sich der Charakter der Auseinandersetzung. Komplexe Zielkonflikte werden vereinfacht, politische Prozesse moralisch aufgeladen und institutionelles Misstrauen verstärkt.

Sachliche Argumente statt Populismus

Populäre Kommunikationsmuster wie Vereinfachung, Emotionalisierung, moralische Überhöhung der eigenen Position oder pauschales Misstrauen gegenüber Institutionen mögen kurzfristig mobilisieren. Langfristig beschädigen sie jedoch genau das, was jetzt benötigt wird: einen konstruktiven Dialog mit der Politik. Wer Deregulierung ernsthaft erreichen will, muss ein glaubwürdiger Gesprächspartner bleiben. Kirchliche und gemeinnützige Träger tragen hierbei eine besondere Verantwortung. Nicht jede rhetorische Zuspitzung schützt am Ende das, was sie schützen soll.

Entscheidend ist daher, den Zusammenhang zwischen der Konsolidierung der Kassenfinanzen und notwendiger Deregulierung sachlich, klar und beharrlich zu formulieren: nicht nur laut genug, um gehört zu werden, sondern auch präzise genug, um zu überzeugen.

Autor

 Christoph Radbruch

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