"Wir sehen die Mediziner als Partner"

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  • 01.03.2008

Ein Gespräch mit Wolfgang Pföhler über den wieder steigenden Privatisierungsdruck und die neue Strategie des Konzerns, MVZ auch abseits der Rhön-Kliniken zu errichten.

 f&w: Herr Pföhler, im letzten Jahr haben Sie wenige Kliniken gekauft. Sind Sie von Ihrer bisherigen Erfolgsstrategie abgerückt?

Pföhler: Keineswegs. Wir stehen zu unserer Strategie. Es standen 2007 schlichtweg weniger öffentliche Krankenhäuser als in den vergangenen Jahren zum Verkauf. Grund waren die gute Konjunktur und die damit verbundenen hohen Steuereinnahmen der Kommunen und Länder. Wir lassen uns nicht von unserem Kurs und unseren bewährten Grundsätzen abbringen. Beim Erwerb neuer Kliniken gelten für uns die Grundsätze der unternehmerischen Weitsicht und kaufmännischen Vorsicht. Wir streben kein Wachstum um jeden Preis an, sondern setzen auf Qualitat. Maßstab für den Erfolg ist für uns nicht die Anzahl der akquirierten Kliniken.

Entscheidend ist es, unseren Patienten die bestmögliche medizinische Versorgung zu bieten. Wir haben im vergangenen Jahr 1,54 Millionen Patienten behandelt und dabei gute Arbeit geleistet. Daher bleiben wir auch künftig unserem strategischen Ziel – einer flächendeckenden und hochwertigen medizinischen Vollversorgung für jedermann, egal ob privat oder gesetzlich versichert – treu. Momentan gibt es übrigens verschiedene Akquisitionskandidaten, an denen wir Interesse bekundet haben. Ganz aktuell konnten wir das St. Petri-Hospital im ostwestfälischen Warburg (Kreis Höxter) übernehmen. Damit ist auch klar, dass 2007 nur eine Delle in der Entwicklung dargestellt hat.

f&w: Wann, glauben Sie, wird der Privatisierungsdruck auf die öffentlichen Krankenhäuser wieder steigen?

Pföhler: Der Druck auf die öffentliche Hand ist allgegenwärtig und steigt aktuell besonders rapide an. Insofern bin ich mir sicher: Die Privatisierung von Krankenhäusern wird – angesichts der herausfordernden Rahmenbedingungen – in den kommenden Jahren wieder öfter als echte Alternative wahrgenommen werden.

f&w: Wie werden die Häuser mit dem Kostendruck fertig, der mit den Lohnsteigerungen auf sie zukommt?

Pföhler: Die steigenden Kosten – insbesondere durch Löhne und Energiepreise – lasten auf allen Kliniken. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) hat kürzlich von ungedeckten sieben Milliarden Euro gesprochen, die 2008/2009 allein durch die hohen Tarifabschlüsse und massiven Preissteigerungen auf die Krankenhäuser zukommen werden. Da ist es kein Wunder, dass die DKG für 2008 von einem „Katastrophenjahr“ spricht. Man muss kein Prophet sein, um die Folgen abzusehen: Der Großteil der öffentlich-rechtlichen Krankenhäuser hat wenig finanzielle Spielräume, Investitionsvorhaben kommen schleppend voran. Hierauf – das ist absehbar – werden die öffentlichen Krankenhäuser mit Stellenabbau reagieren. Nach Schätzungen der DKG entspricht die Unterfinanzierung allein für 2008 einem Finanzbedarf für umgerechnet rund 40 000 Klinikärzte oder 66 000 Pflegekräfte. Die Rhön-Klinikum AG hat die Rationalisierungskompetenz und Innovationskraft, um die Kosten zu kompensieren und das Leistungsportfolio auszubauen und somit in die Zukunft zu investieren.

f&w: Wann kommt denn einmal wieder eine Uniklinik auf den Markt? Oder wird Gießen/Marburg – insbesondere eingedenk des Einzugs der Linkspartei in immer mehr Landesparlamente – eine Ausnahme bleiben?

Pföhler: Die Privatisierung und Umstrukturierung des Universitätsklinikums Gießen/Marburg ist auf ganzer Linie ein Erfolg: Die Patientenzahlen steigen seit der Privatisierung. Das zeugt von wachsendem Vertrauen der Patienten und Zuweiser. Das Klinikum schreibt mittlerweile schwarze Zahlen und wird künftig notwendige Investitionen aus eigener Kraft erwirtschaften können. Auch die Zusammenarbeit mit der Wissenschaft ist sehr fruchtbar. Die Beteiligten sind zufrieden. Aus diesem Grund sehe ich das Universitätsklinikum Gießen und Marburg insgesamt als ein gutes Vorbild für eine leistungsorientierte und unternehmerische Umgestaltung eines Uniklinikums. Nordrhein-Westfalen und Rheinland- Pfalz sind offen und haben mittlerweile die gesetzlichen Voraussetzungen für die Beteiligung privater Klinikbetreiber an Uniklinika geschaffen.

Auch das aktuelle Gutachten über die strukturelle Weiterentwicklung der Uniklinika in Baden-Württemberg bestätigt diese Entwicklung. Demnach müssen Uniklinika Ökonomie und gute Medizin miteinander in Einklang bringen und zur Deckung des langfristigen Finanzbedarfs dauerhaft eine positive Rendite von fünf bis sechs Prozent erwirtschaften. Ob die Uniklinika unter staatlicher Führung dies leisten können, muss man abwarten. Das Gutachten jedenfalls sieht für die Universitätsklinika unter investiven Gesichtspunkten keine realistische Alternative zu einer Privatisierung. Diese schafft zusätzlichen finanziellen Spielraum, sichert die Wettbewerbsfähigkeit und vor allem die dauerhaft hochwertige medizinische Versorgung.

f&w: Herr Pföhler, eine Klinikprivatisierung hat unbestreitbar Vorteile, auch die einer Universitätsklinik. Aber ich darf noch einmal an meine Frage erinnern: Wann erwarten Sie die nächste Uniklinik? Oder hat sich das politische Bild so weit nach links verschoben, dass Privatisierungen und Liberalisierungen bis auf Weiteres keine Themen sein werden?

Pföhler: Wann die nächste Uniklinik in Deutschland privatisiert wird, kann Ihnen heute niemand genau sagen. Grundsätzlich ist ja die Bereitschaft zur Privatisierung großer öffentlicher Infrastrukturunternehmen in der Politik ein kniffliges Thema, wie Sie auch an der geplanten Teilprivatisierung der Deutschen Bahn erkennen können. Insgesamt bin ich aber – unabhängig von einzelnen künftigen Entscheidungen zur Privatisierung von Unikliniken – optimistisch für die weitere Entwicklung unserer Branche: Bund und Länder haben sich in der aktuellen Diskussion um den ordnungspolitischen Rahmen ab 2009 klar für mehr Wettbewerb im Gesundheitssystem ausgesprochen. Ich bin guter Hoffnung, dass wir den eingeschlagenen Weg von der Gesundheitsverwaltung hin zur sozialen Gesundheitswirtschaft zügig weitergehen werden. Aus meiner Sicht ist dieser Weg alternativlos, um künftig flächendeckend eine wohnortnahe und bezahlbare Spitzenmedizin für jedermann in Deutschland zu gewährleisten.

f&w: Schöpfen Sie Hoffnung, dass – eingedenk der Ministererlaubnis zum Zusammenschluss des Uniklinikums Greifswald mit dem Kreiskrankenhaus Wolgast – sich die Kartellpolitik ändern wird?

Pföhler: Nach der höchstrichterlichen Entscheidung des BGH im Januar 2008 ist endgültig entschieden, dass eine Übernahme der Krankenhäuser des Landkreises Rhön- Grabfeld durch die Rhön-Klinikum AG nicht möglich ist. Daher gibt es von unserer Seite keinen Anlass, diesen Sachverhalt neu aufzurollen. Nichtsdestotrotz ist aus unserer Sicht angesichts der Rahmenbedingungen ein Ausbau der standort- und sektorübergreifenden Zusammenarbeit zwischen Kliniken alternativlos. Nur so lässt sich eine medizinisch umfassende und hochwertige Versorgung insbesondere in strukturschwachen Regionen sicherstellen. Insofern erscheint der bisher kartellrechtlich beschrittene Weg nicht zielführend. Die Politik muss klären, inwieweit die Ziele einer hochwertigen, gleichmäßigen und wirtschaftlichen Versorgung in kartellrechtlichen Entscheidungen berücksichtigt werden. Wir plädieren daher für eine Anpassung der kartellrechtlichen Rahmenbedingungen.

f&w: Sie wollen Medizinische Versorgungszentren aufbauen, auch dort, wo Sie keine Kliniken haben. Was versprechen Sie sich davon?

Pföhler: Vielleicht darf ich unser Konzept kurz erläutern. Unser Ziel ist die Etablierung einer echten privaten Versorgungsalternative zur staatlich regulierten Mindestversorgung. Was ist unsere Motivation? Ich bin fest davon überzeugt, dass wir in nächster Zeit in Deutschland ganz elementare Entscheidungen über die Zukunft unseres Gesundheitssystems treffen müssen. Allein die demografische Entwicklung führt dazu, dass unser Gesundheitssystem seine Belastungsgrenze erreicht. Die Gruppe der über 80-Jährigen wird sich bis 2050 nahezu verdreifachen.

Damit werden die Versorgungsansprüche alter Menschen zwangsläufig wachsen. Damit wird die Solidarität der weniger werdenden Jungen mit den mehr werdenden Alten zu einer immer größeren Herausforderung. Wir wollen mit unserem Versorgungsmodell ein umfassendes Angebot einer Vollversorgung aufbauen, das die medizinischen Leistungen im ambulanten und stationären Bereich mit hoher Qualität sicherstellt und bei wachsender Nachfrage nach medizinischer Versorgung nicht mehr kosten wird, als wir heute insgesamt für ambulante und stationäre Leistungen aufwenden. Das Mehr an medizinischer Versorgung bei konstanten Preisen garantieren wir durch die Verzahnung der Prozesse zwischen ambulantem und stationärem Bereich.

Unser neues Versorgungsmodell ist modular aufgebaut: In der ersten Ebene übernehmen Medizinische Versorgungszentren (MVZ) im Verbund mit Tele-Portal- Kliniken – als „Eingangstor“ in das System – die Sicherung der ambulanten und stationären Grundversorgung aus einer Hand. In der zweiten Ebene arbeiten die Einrichtungen der Schwerpunktund Maximalversorgung. Diese sind telemedizinisch mit den Einrichtungen der Grundversorgung vernetzt und sichern den wohnortnahen Zu– gang zur Spitzenmedizin. Eine zentrale Neuerung besteht darin, dass die niedergelassenen Ärzte im MVZ gleichzeitig in der Tele-Portal-Klinik praktizieren können. Damit wollen wir den Ärzten die Chance geben, ambulant und stationär zu arbeiten. Mit der Gründung und dem Betrieb von MVZ – auch losgelöst von Kliniken – ergeben sich erhebliche Vorteile für die Region und die Menschen, die dort leben. Zuallererst sichern wir so eine hohe Versorgungsdichte.

Ich darf diesen Gedanken näher erläutern: Was muss ein gutes Gesundheitswesen leisten? Es muss so ausgelegt sein, dass es Ihnen im Krankheitsfall an jedem Ort und zu jeder Zeit ermöglicht, medizinisch kompetent behandelt zu werden. Die Bürger wollen, dass es in ihrer unmittelbaren Nähe ein Krankenhaus gibt, in dem ihre Familie, Freunde oder Bekannte für den Fall, dass ihnen etwas passiert, gut aufgehoben sind und gut versorgt werden. Das heißt: Nicht die einzelne medizinische Leistung fragen Sie im Grunde nach – denn wer fragt zum Beispiel schon freiwillig eine Herz- OP nach? Sie fragen zuallererst die Vorhaltung guter Medizin nach. Entscheidend ist die Sicherheit, die wir der Bevölkerung bieten, medizinische Leistungen im Not- oder Krankheitsfall auf qualitativ hochwertigem Niveau durchzuführen. Und genau diese Versorgungssicherheit – die der Staat allein immer weniger leisten kann – wollen wir mit unserem neuen Versorgungsangebot der Bevölkerung auch bieten.

f&w: Warum sollten Ärzte diese Einladung annehmen und sich aus deren Sicht einem Klinikkonzern ausliefern?

Pföhler: Wir richten uns an die Ärztinnen und Ärzte, die die Herausforderungen unseres Gesundheitssystems anpacken und nach neuen Perspektiven in der Gesundheitsversorgung suchen. Drei Anliegen sind es, die wir haben: Wir wollen den Ärzten die freie Wahl der medizinischen Behandlung (Therapiefreiheit) sichern und so das Arzt-Patienten-Verhältnis stärken. Wir wollen die Ärzte von Verwaltungsaufgaben soweit als möglich entlasten. Und wir wollen den Ärzten die Möglichkeit geben, die Chancen, die das Vertragsrechtsänderungsgesetz bietet, zu nutzen, damit sie ambulant und stationär arbeiten können

1. Therapiefreiheit sichern: Wir wollen den Ärzten gute Rahmenbedingungen bieten, um eine moderne und patientenorientierte Medizin frei von überbordenden Vorgaben praktizieren zu können. Wir wollen keine Mangelmedizin oder Mindestversorgung, sondern schlichtweg mehr Medizin möglich machen, also mit dem gegebenen Budget die bestmögliche Medizin für die Patienten. Die Ärzte gewinnen in den Medizinischen Versorgungszentren im Verbund mit Tele-Portal-Kliniken frühzeitig den Erstkontakt zum Patienten, begleiten ihn über seine Gesundheitsbiografie – ambulant wie stationär – und versorgen ihn bestmöglich. Durch die persönliche Kenntnis können sie Patienten – im Verbund mit anderen Medizinern – gezielter und besser behandeln. So stärken wir auch das Arzt-Patienten- Verhältnis. Der Arzt ist und bleibt die zentrale Figur in der wohnortnahen Gesundheitsberatung und -versorgung.

2. Entlastung von Verwaltungsaufgaben: Wir bieten den Ärzten bessere Arbeitsbedingungen. Der Arzt wird in unserem Modell von Verwaltungstätigkeiten und administrativen Aufgaben entlastet. Die Entlastung führt dazu, dass er sich voll und ganz auf seine eigentliche medizinische Arbeit konzentrieren kann. Darüber hinaus wollen wir das Arbeiten im Team fördern und zum Beispiel durch flexiblere Arbeitszeiten und Arbeitszeitmodelle die Vereinbarkeit von Beruf und Familie – gerade für Ärztinnen – verbessern.

3. Sektorübergreifendes Arbeiten und finanzielle Anerkennung: Mit dem Vertragsarztänderungsgesetz ist nun auch die sektorübergreifende Behandlung von Patienten durch ein und denselben Arzt möglich. Die Ärzte können gleichzeitig in der Klinik und im MVZ praktizieren, den Patienten also ambulant und stationär betreuen. Dieses Konzept ist für die Ärzte auch finanziell sehr attraktiv. Denn damit können sie neben dem Honorar aus dem Budget der Kassenärztlichen Vereinigung auch für stationär erbrachte Leistungen dauerhaft eine zusätzliche Vergütung erhalten. Dies nutzen bereits heute viele Ärzte in unseren Kliniken. Dies schafft planbare Einkommen für die Ärzte. Wir sehen die Mediziner als Partner an und bieten ihnen umfangreiche und interessante Möglichkeiten. Sie können neben ihrer medizinischen Arbeit auch als Gesellschafter oder Geschäftsführer eine verantwortungsvolle Position einnehmen. Grundsätzlich sind wir bereit, auch andere Formen der Zusammenarbeit und Erfolgsbeteiligung zu verwirklichen und dabei die Interessen und Vorstellungen der niedergelassenen Ärzte zu berücksichtigen.

f&w: Ist das Teil eines Konzeptes, um Ärzte an sich zu binden?

Pföhler: Die klare Antwort hierzu heißt: Ja. Ärzte sind und bleiben die zentralen Träger der Kernkompetenz in der Gesundheitsversorgung. Wir wollen sie als Partner auf Augenhöhe für eine Allianz der Leistungsträger gewinnen. Wir sind uns aufgrund unserer bisherigen Erfahrungen in unseren 18 MVZ sicher, dass ambulante und stationäre Leistungsträger – zum Wohle einer verbesserten Patientenversorgung – voneinander lernen und miteinander arbeiten können. Unser Anspruch ist die Sicherung des Patientenwohls. Wer diesen Anspruch verwirklichen will, muss den Ärzten umfassende Freiheiten zu guter und moderner medizinischer Diagnostik und Therapie geben.

Das Gespräch führte Uta Meurer.

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